In St. Moritz wird vor ­dem Saisonstart gestritten

Die Aktionäre wollen im Verwaltungsrat von Engadin St. Moritz Tourismus neue Kräfte installieren. Für Zwist sorgt zudem ein Defizit.

Die Tourismusorganisation soll neu ausgerichtet werden: Feriengäste im Engadin. Foto: Keystone

Die Tourismusorganisation soll neu ausgerichtet werden: Feriengäste im Engadin. Foto: Keystone

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In St. Moritz beginnt mit den Festtagen eine intensive Zeit. Nicht nur, weil die Saison startet. Dem Verwaltungsrat der Engadin St. Moritz Tourismus AG steht schon Tage vor dem Start in die Saison eine anstrengende Übung bevor: Das Gremium muss am 17. Dezember zu einer moderierten Aussprache mit den wichtigsten Aktionären der Organisation antreten. Zum Aktionariat gehören Gemeinden wie St. Moritz, Samedan, Pontresina, Celerina oder Sils. In der «Engadiner Post» wird das Treffen als «Workshop» tituliert. Doch de facto geht es um eine Mediation: Zwischen dem Verwaltungsrat und den Gemeinden stimmt die Chemie derzeit nicht.

Auslöser war im September die abrupte Trennung vom Direktor der Tourismusorganisation, Gerhard Walter. Der Österreicher hatte das Amt nur zwei Jahre inne­gehabt. Der eigentliche Grund für das Zerwürfnis blieb weitgehend unklar. Doch nun dringen Details nach aussen.

Fehlbetrag in der Höhe von rund 500'000 Franken

Die Personalie löste im Aktionariat Befremden aus. An einer ersten Aussprache zwischen den Gemeindepräsidenten und dem Verwaltungsrat im Oktober wurde es offenbar ziemlich laut. «Wir waren erstaunt über den Zeitpunkt der sofortigen Auflösung des Arbeitsverhältnisses im gegenseitigen Einvernehmen», sagt Christian Meuli, Gemeindepräsident von Sils. Was ihn irritiert: Zwei Wochen vor der Trennung hatte das Unternehmen eine Reorganisation angekündigt. «Wenn entscheidende Dinge so kurz hintereinander scheinbar unkoordiniert passieren, wirft das Fragen auf», so Meuli.

Auch mit den Finanzen steht offenbar nicht alles zum Besten bei der Engadin St. Moritz Tourismus AG. Laut Recherchen hat sich ein Defizit von rund einer halben Million Franken angehäuft, was mit ein Grund für die Trennung von Walter gewesen sein muss. Doch der Verwaltungsrat steht ebenso in der Pflicht. Um das Loch in der Kasse, das ursprünglich noch grösser gewesen sein soll, zu verkleinern, wurden offenbar bereits Projekte heruntergefahren.

«Wenn es ein finanzielles Problem gibt, muss das die Organisation lösen. Die Gemeinden werden sicher keine zusätzlichen Mittel nachschiessen», bestätigt Meuli. Der Banker ist Initiant des Workshops vom Dienstag, den er als «ergebnisoffen» bezeichnet. Es gehe darum, die Organisation für die nächsten Jahre richtig aufzustellen.

Ist gefordert: Christian Jott Jenny, der Gemeindepräsident von St.Moritz. Foto: Sabina Bobst

Doch es ist klar: Ein relevanter Teil der Gemeinden will Veränderungen im Verwaltungsrat, das Vertrauen ist angekratzt. Vor allem der Vertreter des Haupt­aktionärs, Christian Jott Jenny, Gemeinde­präsident von St.Moritz, macht sich für einen Neustart stark: «Der Verwaltungsrat sollte nicht politisch, sondern kompetenzorientiert zusammengesetzt sein. Am Dienstag werden wir über die Ausrichtung des Gremiums diskutieren», so Jenny. Es brauche jetzt international vernetzte Persönlichkeiten mit grosser Bindung ans Engadin. An der Gemeindeversammlung von St. Moritz letzte Woche gab es ebenfalls kritische Voten zur Tourismusorganisation. Sils-Gemeindepräsident Meuli erachtet «gewisse Veränderungen in den Statuten für die Zusammensetzung des Verwaltungsrats» für nötig.

Eine Blutauffrischung wünscht sich auch Daniel Bosshard, Präsident der Gemeinde Silvaplana. An der Zusammensetzung des sechsköpfigen Gremiums wurde in den letzten Wochen auch öffentlich Kritik laut – von Alt-Kurdirektor Hans Peter Danuser, der die Dominanz der Bergbahnen anprangerte. Verwaltungsratspräsident Marcus Gschwend ist Geschäftsführer der Bergbahnen Graubünden. Auch der Finanzchef der Tourismus AG kommt von der Bahnseite. Gschwend will sich zum geplanten Workshop und zum Defizit nicht äussern. Er begrüsse die Veranstaltung, sagt er bloss.

Für Christian Jott Jenny, der St.Moritz seit einem Jahr vorsteht, sind die Turbulenzen um die Tourismusorganisation eine Bewährungsprobe. Von ihm erwartet man nun Führungsstärke. Aber der Künstler ist auf die Unterstützung der anderen Aktionäre angewiesen. Der Workshop am Dienstag soll die formelle Basis für Veränderungen liefern. Die Mehrheit der Gemeindepräsidenten will dort auch nähere Auskünfte zum Defizit der Organisation erhalten. Ob es danach freiwillige Rücktritte gibt, ist offen. Druckmittel haben die Aktionäre. Sie können etwa laut Statuten ausserhalb der ordentlichen Generalversammlung (GV) eine sogenannte Universalversammlung einberufen. Das ist eine ausserordentliche GV ohne Formvorschriften.

Hotelier Heinz Hunkeler wäre bereit, Verantwortung zu übernehmen

Über mögliche Ersatzkandidaten oder -kandidatinnen für den Verwaltungsrat halten sich die Aktionäre bedeckt. Immer wieder genannt wird Heinz Hunkeler, Direktor des Fünfsternhotels Kulm. Er ­gehört zwar zum St. Moritzer Kuchen, gilt aber als innovativ und bestens vernetzt. Zudem ist die imageprägende Luxushotellerie im Gremium bis dato nicht vertreten. Hunkeler gibt sich auf Anfrage offen. «Ich wäre bereit, Verantwortung zu übernehmen. Unter der Voraussetzung, dass der Verwaltungsrat künftig von gewissen Aufgaben entlastet wird.» Das Mandat sei ­heute zu zeitintensiv für einen Hotelier wie ihn.

Die Suche nach einem neuen Chef läuft derweil weiter. Doch da sind die Aktionäre nun hellhörig. «Ich könnte mir vorstellen, dass die Aktionärsvertreter die letzten drei Kandidaten für den Job noch sehen möchten, auch wenn das formal nicht üblich ist», meint Meuli.



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Erstellt: 14.12.2019, 19:15 Uhr

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