Analyse

In der Rentenfalle

Eine Erhöhung des Rentenalters, wie sie Swiss-Life-Chef Bruno Pfister fordert, bei einer sich abzeichnenden Jugendarbeitslosigkeit ist paradox. Wir brauchen andere, neue Arbeitsmodelle. Wie diese aussehen.

So einfach kommen nicht alle zum Zug: Rentner am Zürcher Hauptbahnhof.

So einfach kommen nicht alle zum Zug: Rentner am Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Keystone

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An sich ist die Logik unanfechtbar: In der Schweiz werden die Menschen immer älter und haben immer weniger Kinder. Wenn das System der Altersversorgung nicht zusammenbrechen soll oder den jungen Erwerbstätigen nicht untragbare Lasten aufgebürdet werden sollen, dann gibt es nur einen Ausweg: ein höheres Rentenalter. Das ist zumutbar, denn die Menschen werden nicht nur älter, sie tun dies auch viel fitter. Wenn der Swiss-Life-Konzernchef Bruno Pfister einmal mehr ein deutlich höheres Pensionsalter fordert, dann ist das weder aussergewöhnlich noch unanständig. Selbst meine Katze versteht das.

Dumm bloss, dass es eine zweite, ebenso bestechende Logik gibt: Dank technischem Fortschritt und Globalisierung sind die Arbeitsmärkte total aus dem Gleichgewicht geraten. Es gibt einen massiven Angebotsüberschuss. Bereits macht der Begriff «globaler Krieg um Arbeitsplätze» die Runde. Opfer diese Krieges sind ebenfalls die jungen Erwerbstätigen. In Spanien sind bereits mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen ohne Job. In allen Industrieländern nimmt der Trend bedrohlich zu. So gesehen ist es absurd, alte Arbeitnehmer zu zwingen, länger zu arbeiten und gleichzeitig junge auf die Strasse zu stellen. Auch das versteht selbst meine Katze.

Die Finanzierung der Altersvorsorge war einmal ein Kinderspiel

Zunächst müssen wir kurz anschauen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis etwa Mitte der 1970er-Jahre waren die Löhne der Arbeitnehmer und ihre Arbeitsproduktivität und ihre Arbeitszeit im Gleichgewicht. Konkret sah dies wie folgt aus: Zwischen 1950 und 1975 stieg die Arbeitsproduktivität im Jahresmittel um 2,58 Prozent, der Stundenlohn um 2,55 Prozent. Die Arbeitszeit pro Beschäftigten ging derweil von 2225 auf 1876 Jahresstunden zurück. Dank dieses Mechanismus gab es eine klassische Win-win-Situation: Es herrschte Vollbeschäftigung und dank der steigenden Löhne war die Finanzierung der Altersvorsorge ein Kinderspiel.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt verschoben. Dank der technischen Entwicklung steigt die Produktivität nach wie vor, doch diese Gewinne fliessen nicht mehr in höhere Löhne und tiefere Arbeitszeiten, sondern in höhere Gewinne für die Unternehmen, vor allem bei multinationalen Konzernen. Die Folge davon sind – global gesehen – stagnierende, teils sogar rückläufige Löhne. Auch die Arbeitszeiten sinken schon lange nicht mehr. Deshalb wächst das Überangebot auf dem Arbeitsmarkt. Ein höheres Rentenalter verstärkt dieses Überangebot noch zusätzlich. Wir stecken in der Rentenfalle.

Auf den Arbeitsmärkten herrschen paradoxe Zustände

Inzwischen herrschen auf den Arbeitsmärkten paradoxe Zustände. Bei gleichmässiger Verteilung der Arbeit auf alle Erwerbstätigen würde in der Schweiz eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden ausreichen, um sie zu erledigen. In Deutschland wäre dasselbe sogar mit 25 Stunden machbar. Derzeit liegt die Arbeitszeit jedoch noch bei 40 Stunden und mehr, und der Trend zeigt nach oben. Damit verstärkt sich das Ungleichgewicht laufend zuungunsten der Arbeitnehmer.

Fazit: Wenn wir aus der Rentenfalle kommen wollen, brauchen wir neue Arbeitszeitmodelle. Es ist sinnvoll, wenn fitte Rentner länger als bis 65 arbeiten. Es ist jedoch auch sinnvoll, wenn junge Eltern einen längeren Urlaub einschalten oder wenn sich 40- oder 50-Jährige zwecks Weiterbildung eine Auszeit gönnen. Dazu muss jedoch die Arbeit sinnvoller verteilt werden – und zwar über alle Altersstufen.

Erstellt: 10.05.2012, 12:28 Uhr

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