Interview

«In einigen Unternehmen herrscht eine Doppelmoral»

In der Privatwirtschaft wird in Sachen Korruption mehr geduldet als in der Verwaltung. Professor Hans Rück erklärt, weshalb dies so ist – und beschreibt die Probleme im Kampf gegen Bestechung.

Der Korruptionsverdacht im Seco wirft hohe Wellen: Eingangsbereich des Staatssekretariats für Wirtschaft.

Der Korruptionsverdacht im Seco wirft hohe Wellen: Eingangsbereich des Staatssekretariats für Wirtschaft. Bild: Keystone

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Herr Rück, nach den Vorfällen im Seco fragt man sich, kommen ähnliche Fälle auch in der Privatwirtschaft vor?
Natürlich. Doch zuerst muss man zwischen dem Angestellten aus der Privatwirtschaft und dem Amtsträger in der Verwaltung unterscheiden. Für die Amtsträger gilt ein viel härteres Recht als für die Angestellten. Bestechung ist für beide verboten, doch in der Privatwirtschaft darf in einem grösseren Umfang Beziehungspflege betrieben werden als in der Verwaltung. Hier sind auch höherwertige Zuwendungen erlaubt.

Können Sie ein Beispiel geben?
Der gemeine Amtsträger darf eine Einladung zu einem Fussball-WM-Spiel nicht annehmen, und ein Unternehmen sollte ihn auch nicht dazu einladen, ganz besonders dann nicht, wenn man von ihm zur selben Zeit eine Genehmigung oder Auftragserteilung erwartet. Etwas anders ist es mit hochrangigen Spitzenbeamten und Politikern: Diese dürfen zu Repräsentationszwecken eine solche Einladung annehmen, sollten es aber ebenfalls nicht tun, wenn sie mit dem einladenden Unternehmen von Amts wegen zu tun haben.

Weshalb die Unterscheidung zwischen Amtsträger und Angestellten?
Der Amtsträger ist vom Staat angestellt, er schadet bei einem Verfehlen dem Staat und schädigt das öffentliche Vertrauen in die Verwaltung. Der Angestellte befindet sich in der Marktwirtschaft, hier liegt die Grenze zum sogenannten «Anfüttern» – der Beziehungspflege – höher, es wird also mehr geduldet.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer in der Privatwirtschaft?
Schwer zu sagen, das ist vergleichbar mit dem Schwarzmarkt: Die Zahl kann man nur grob schätzen, denn es existiert keine verlässliche Datengrundlage. Korruptionindizes wie beispielsweise von Transparency International betrachte ich mit Skepsis: Man muss bedenken, dass bei uns die Fälle aufgrund einer besser funktionierenden Verwaltung häufiger aufgedeckt werden als andernorts, wo es Korruption in viel grösserem Ausmass gibt, man aber gar nicht davon erfährt. Ich gehe davon aus, dass Zentraleuropa in Sachen Korruption relativ sauber ist. In anderen Ländern herrscht jedoch oftmals ein anderes Verhältnis zur Korruption.

Können Sie diese kulturellen Unterschiede erläutern?
In bestimmten Ländern erwartet der Geschäftspartner oftmals nach einem erfolgreichen Vertragsabschluss, sozusagen als «Room-drop», eine Prostituierte auf dem Hotelzimmer. Das ist heute noch so, da müssen wir uns nichts vormachen. In bestimmten Ländern, sagen wir des Nahen und Fernen Ostens, gehört das zur Kultur. An solche Eigenheiten müssen wir uns in einer globalisierten Wirtschaftswelt gewöhnen.

Was raten Sie denn einer Schweizer Firma, die in China operiert?
Dann heisst es Farbe bekennen. In der Vergangenheit haben sich bereits Firmen aus Märkten verabschiedet, weil sie sich im europäischen oder amerikanischen Recht nicht strafbar machen wollten. Natürlich kann man mit Compliance-Richtlinien seinen Mitarbeitern aufzeigen, was möglich ist und was nicht. Doch in besagten Ländern reagiert man meist nur mit Kopfschütteln auf diese Korruptions- und Anfütterungsvorschriften. Es ist schlichtweg eine andere Kultur. Die Frage ist, ob wir unser Wertesystem anderen Ländern überstülpen und gleichzeitig mit ihnen erfolgreich Geschäfte abschliessen können. Im interkulturellen Kontext hat Compliance noch viel Aufholbedarf.

Wo liegen momentan die Bemühungen in der Compliance, um Korruption einzuschränken?
Ein Beispiel sind Compliance Officers, welche die Geschäfte auf ihre Richtigkeit überprüfen, ein anderes Beispiel sind Zuwendungsgrenzen. Bei einem Weltkonzern wie der BASF müssen die Angestellten Geschenke schon ab fünf Euro Gegenwert in eine Liste eintragen, die von den Compliance-Beauftragten ausgewertet wird. Das ist meines Erachtens unnütze Bürokratie: Wer lässt sich denn bitte schön für fünf Euro bestechen?

Dann soll man also keine Richtlinien erstellen?
Dieser Schluss wäre falsch. Doch die Regeln müssen die sachliche und soziale Angemessenheit stärker berücksichtigen. Compliance ist kurz gesagt die organisierte Rechtschaffenheit in allen Grauzonen. Doch Rechtschaffenheit organisieren zu wollen führt zwangsläufig zu Bürokratie. Im Moment macht Compliance in Deutschland in vielen Unternehmen eine ungute Entwicklung durch. Zugespitzt gesagt: Man verbietet die Bagatellen und lässt die grossen Dinge laufen. Das macht mir Sorge, denn es untergräbt die notwendige Akzeptanz von Compliance.

Können Sie dies erläutern?
Geschäftleitungsmitglieder engagieren teure Spitzenanwälte, damit diese ihnen ausgefeilte Konzepte schreiben, wie sie entgegen der Compliance-Richtlinien ihres eigenen Unternehmen auch weiterhin teure VIP-Einladungen im Wert von, sagen wir, zehntausend Euro an ihresgleichen aussprechen können. Für den Rest der Belegschaft gilt hingegen eine Obergrenze von 250 Euro pro Einladung. In einigen Unternehmen herrscht momentan eine ziemliche Doppelmoral.

Es braucht also Whistleblower?
Durchaus. Doch ich halte Whistleblowing für zweischneidig. Eine positive Unternehmenskultur kann nicht auf Denunziation gründen. Denn Whistleblowing geht oftmals Richtung Denunziation. Die Motive eines Whistleblowers sind nicht immer ehrenwert – oft sind sie vielmehr von persönlichen Enttäuschungen geprägt. Auch Falschaussagen sind nicht selten. Hier muss man aufpassen.

In anderen Worten: Es braucht die Selbstverantwortung jedes Einzelnen?
Genau. Ich erwarte, dass die Unternehmen jene Werte, die sie in ihren Geschäftsberichten nennen, ernst nehmen und umsetzen. Vielfach sind Corporate Social-Responsibility-Berichte einfach Lyrik. Die Werte müssen gelebt werden, nur so kann man Korruption wirkungsvoll begegnen.

Ist das nicht naiv?
Ich glaube nicht. Es braucht zweierlei: Erstens muss die Beachtung ethischer Standards in den Zielvereinbarungen der Führungskräfte verankert werden. Heute stehen dort meist nur Ertragskennziffern. Das reicht nicht, wie uns die Skandale der letzten Jahre gelehrt haben. Und zweitens müssen wir weg vom reinen Nutzdenken. Wir müssen wieder zurück zum ehrbaren Kaufmann. Schmutzige Geschäfte dürfen einfach nicht mehr gemacht werden. Sie können Moral nicht mit einem Compliance-System herbeiführen. Junge Führungskräfte müssen in Sachen Moral geschult werden, um eine positive Unternehmenskultur zu etablieren.

Sie bezeichneten kürzlich in einem Compliance-Vortrag in Zürich die Schweiz als Land der Glückseligkeit – weshalb?
In Deutschland dominiert aktuell eine obsessive Bürokratie in Sachen Compliance. Dies hat man in der Schweiz noch nicht, das ist gut so.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.01.2014, 18:42 Uhr

Hans Rück ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Marketing lehrt an der Fachhochschule Worms. Rück gilt als Experte im Bereich Compliance.

Compliance

Compliance ist in der Betriebswirtschaft der Begriff für die Einhaltung von Regeln und Richtlinien. Antikorruptionsbestimmungen sind ein Teilgebiet der Compliance.

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