Iran–Davos einfach

Maryam, Abdulrahman und Nishanta verliessen ihre Heimat fluchtartig und landeten in Davos. Tagesanzeiger.ch/Newsnet fragte: Was würden sie der WEF-Elite in einer Eröffnungsrede sagen?

Drei Stimmen von Davoser Flüchtlingen zum World Economic Forum.
Video: Lea Koch

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Es ist bitterkalt in Davos, minus 10 Grad zeigt das Thermometer. Nicht das Wetter, das Nishanta Perera aus seiner Heimat kennt. In Sri Lanka lebte er zwischen schwülwarmen Temperaturen und nasser Regenzeit. Jetzt sinniert er am Rande des World Economic Forum über die Fieberkurve des Planeten Erde. Eigentlich genauso wie all die offiziellen Gäste am WEF. Menschenrechte sind sein wichtigstes Anliegen. «Ich sah Vergehen in verschiedenen Ländern.» Nishanta recherchierte während 14 Jahren als Aktivist von Sri Lanka aus über Verstösse gegen die Menschenrechte – bis er selber zum Verfolgten wurde.

Nun lebt er seit einem Jahr in Davos (zuvor 10 Monate in Chur), als Asylsuchender mit Frau und drei Kindern. Vom Treffen der Weltelite in der Bergstadt weiss der 47-Jährige sehr wohl. An einem Podium des Open Forum sei er selber dabei. Für Nishanta ist Davos eine Art Glücksfall. Ihm hat sich punkto Zusammenleben eine neue Welt aufgetan. «Davos ist ein sehr friedlicher Ort», sagt er. Die Welt könne sich hier ein Beispiel nehmen.

Würde er eine Eröffnungsrede für das WEF halten, so käme die Einhaltung der Menschenrechte zentral darin vor, sagt Nishanta. Und wenn schon träumen, dann doch bitte auch von einem Gespräch mit Barack Obama – immerhin wurde immer wieder mal spekuliert, der US-Präsident könnte nach Davos kommen. Der mächtigste Mann der Welt soll sich für eine bessere Welt einsetzen, allerdings, ohne in den jeweiligen Ländern politisch Einfluss zu nehmen.

«Die Welt soll sich ein Beispiel an Davos nehmen»: Nishanta Perera (47), Menschenrechtsaktivist und Asylsuchender aus Sri Lanka.

Wenig scheint die Davoser Kälte Abdulrahman Khlo auszumachen. Der 22-Jährige erscheint zum Gespräch auf der Promenade nur in leichten Jeans und einer dünnen Jacke. Der Kurde flüchtete vor dem Krieg in Syrien mit Bruder und Schwester nach Westeuropa. «Wir marschierten über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Österreich nach Deutschland.» Dann kamen sie in die Schweiz. Erst seit ein paar Monaten lebt er in Davos, genauso wie seine Schwester. Der Bruder hat in Basel eine Arbeit gefunden.

Von den vielen Treffen am WEF – auch unter Beteiligung von Nahost-Staaten – erwartet Abdulrahman wenig. «Five years war in Syria, no hope» («Fünf Jahre Krieg in Syrien, keine Hoffnung»). Trotzdem, bei der Frage, was er Obama sagen würde, wenn er denn nur könnte, sagt der junge Mann: «Er muss den Krieg in Syrien beenden, damit ich in mein Land zurückgehen kann.» Das wäre auch die Kernbotschaft, dürfte er die Eröffnungsrede am WEF halten.

Zurück, dorthin, wo er mit einem Studium der Rechtswissenschaften begonnen hatte. Und zurück, damit er mit seinen Eltern wieder richtigen Kontakt haben kann und sie nicht nur per Telefon zu hören bekommt.

«Five years war in Syria, no hope»: Abdulrahman Khlo (22), Asylsuchender aus Syrien.

Den Weg aus Davos zurück in ihre Heimat zu machen, das kann sich Maryam nicht vorstellen. Die 57-Jährige stammt aus der iranischen Hauptstadt Teheran. «Auch dort gibt es Berge, wo man Ski fahren kann – wie hier in Davos», strahlt die Frau. Zum Lachen zumute ist ihr allerdings nicht richtig. Ihre Familie wurde auseinandergerissen. Ein Sohn lebt immer noch im Iran, ein zweiter in Deutschland und ihr Ehemann «im Exil». Sie seien politisch verfolgt. Seit fünf Jahren lebt Maryam in der Schweiz. In Davos ist sie heimisch geworden, wenn man dem überhaupt so sagen kann.

Das WEF verfolgt sie sehr genau. Sie, die früher als Psychologin tätig war, kennt auch die politische Situation im Nahen Osten. Sie hofft auf baldigen Frieden in Syrien. Darum sagt sie auch, angesprochen auf ihre fiktive WEF-Rede: «Beim WEF in Davos geht es nicht nur um Wirtschaft, Geld und Rendite (...). Die Mächtigsten der Welt sollten sich um die wichtigen Werte wie etwa Menschenrechte kümmern.»

Nach dem Treffen mit den drei Davoser Flüchtlingen gehen alle wieder ihres Weges. Maryam hat Deutschunterricht, Nishanta zeigt uns noch einen Text, den er über seine Arbeit als Menschenrechtsaktivist geschrieben hat, und Abdulrahman verschwindet wieder in der Davoser Eiseskälte. Die Mächtigen werden am WEF in den nächsten Tagen über die Millionen Flüchtlinge reden. Darin eingeschlossen auch diese drei.

«Auch im Iran gibt es Berge, wo man Ski fahren kann – wie hier in Davos»: Maryam (57), Asylsuchende aus dem Iran. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2016, 16:58 Uhr

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