Ist Thomas Piketty widerlegt?

Ein Wirtschaftshistoriker wirft dem Ungleichheitsforscher Schummelei vor. Was das für dessen Theorie der Schere zwischen Arm und Reich bedeutet.

Für seine Daten in der Kritik: Autor und Ungleichheitsforscher Thomas Piketty.

Für seine Daten in der Kritik: Autor und Ungleichheitsforscher Thomas Piketty. Bild: Keystone

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Spätestens als das Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» des französischen Ökonomen Piketty im Jahr 2014 auf Englisch erschien, wurde es weltweit gefeiert wie eine Offenbarung. Das lag nicht nur am gleichen Titel, wie ihn im 19. Jahrhundert Karl Marx seinem Hauptwerk gegeben hat, mit dem er unter anderem eine antikapitalistische Bewegung ausgelöst hat, die noch das ganze 20. Jahrhundert beschäftigen sollte.

Es lag auch am Hauptthema von Piketty: der wachsenden Ungleichheit vor allem über die letzten dreissig Jahre. Dieses Thema blieb von den meisten Ökonomen bis dahin entweder unbeachtet oder wurde von ihnen nicht als Problem gesehen, sondern als logisches Ergebnis einer Marktwirtschaft, das die Verlierer dazu anstachelt, so gut zu werden wie die Gewinner. Obwohl auch eine Reihe anderer Ökonomen sich des Themas angenommen haben, hat ihm keiner zu so viel Aufmerksamkeit verholfen wie eben Piketty.

Nun steht das Werk von Piketty erneut im Kreuzfeuer der Kritik. Er soll bei den Daten geschummelt haben, lautet der Vorwurf. Er bezieht sich auf eine Studie des US-Wirtschaftshistorikers Richard Sutch, der sich Pikettys Daten und die Schlussfolgerungen daraus genauer angesehen hat. Weil er selber ein Spezialist auf diesem Gebiet ist, war Sutch dazu besonders prädestiniert. Und tatsächlich kann Sutch nachweisen, dass Piketty bei seiner Darstellung der Daten zu den USA vor allem aus dem 19. Jahrhundert, aber auch zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Detailtreue vermissen liess, die Sutch für notwendig hält. So hat Piketty zum Beispiel Daten früherer Jahre für Zeiten extrapoliert, wo sie ihm fehlten. Oder er hat bei unterschiedlichen Datenreihen Zwischenwerte einfach angenommen, was Sutch für unzulässig hält.

Das politische Interesse an der Piketty-Kritik

Ungleichheit ist ein gesellschaftlich hochbrisantes Thema, das wirtschaftliche und politische Interessen tangiert. Denn es riecht nach Umverteilung oder noch schlimmer nach politischem Aufruhr. Wenn einer wie Piketty zur Galionsfigur des Themas wird, dann besteht ein grosses Interesse an seiner Demontage. Wenn man gerade ihn als Schwindler enttarnen kann, verliert die ganze Ungleichheitsforschung an Glaubwürdigkeit.

Hat aber Richard Sutch Piketty als Schwindler entlarvt? Fragen wir ihn selbst: «Ich habe grossen Respekt vor den Errungenschaften von Piketty, und ich zweifle nicht an seiner Integrität», schreibt der Wirtschaftshistoriker in der Schlussfolgerung zu seiner Studie. Wer das eher zäh verdauliche Buch des französischen Ökonomen gelesen hat – es werden wenige sein –, der weiss, wie vorsichtig Piketty selbst seine Thesen äussert und seine Daten präsentiert. Die Datenlage ist bis auf die jüngste Zeit dünn, Annahmen waren nötig. Diese Annahmen sind kritisierbar. Genauso kritisierbar sind auch Aussagen von Piketty zu möglichen Gesetzmässigkeiten der modernen Zeit wie ganz besonders jene, dass die Kapitalrendite künftig grösser sei als das Wirtschaftswachstum und so eine weitere Konzentration der Vermögen unausweichlich sei.

Genauso falsch wie es aber ist, Piketty zum Betrüger zu stempeln, ist es auch falsch, seine Person zu überhöhen. Es ist vor allem das Verdienst des Franzosen, dass die Erforschung der Ungleichheit zu einem zentralen Thema in der ökonomischen Forschung geworden ist. Es ist dann nur zu erwarten, dass die Erkenntnisse danach besser und ausgefeilter werden und ein Teil der ursprünglichen Annahmen und Erkenntnisse relativiert werden. Doch die jüngste Forschung zeigt: Grundlegend widerlegt wird Piketty dadurch nicht; vor allem für die Entwicklung der jüngsten und besonders relevanten Zeit bleiben seine Daten unbestritten. Die Ungleichheit hat dramatisch zugenommen, besonders in den USA. Und das ist eine politische Herausforderung. Piketty hat Pionierarbeit geleistet, doch für die Erkenntnis, dass Ungleichheit ein grosses und wachsendes Problem ist, hat es keine Bedeutung, wie detailliert er mit einer dünnen Datenlage umgegangen ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2017, 12:55 Uhr

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