Analyse

Ist die Schweiz das neue China?

In Prozent des Bruttoinlandprodukts besitzt die Schweizerische Nationalbank (SNB) mehr Devisenreserven als die Bank of China. Gibt es eine Obergrenze?

Spitzenwert bei den Devisenreserven: Schweizerische Nationalbank.

Spitzenwert bei den Devisenreserven: Schweizerische Nationalbank. Bild: Keystone

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Die Devisenbestände der SNB betragen rund 360 Milliarden Franken. Sie könnte damit sämtliche Güter und Dienstleistungen begleichen, die die Schweiz in den nächsten 22 Monaten importiert. Absolut gesehen sind die Devisenreserven der SNB weltweit die sechsthöchsten. In Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) liegt sie in der Spitzengruppe. Vor der Krise hat der Devisenbestand 9 Prozent des BIP betragen, jetzt ist er auf rund 60 Prozent angestiegen.

«Sogar die Devisenreserven in China und Japan, welche über die weltweit grössten Bestände verfügen, sind mit 40 beziehungsweise 20 Prozent des BIP deutlich tiefer», stellt Ursina Kubli, Ökonomin bei der Bank Sarasin, fest. «Einzig in Hongkong und Singapur sind die Devisenbestände mit rund 110 beziehungsweise 90 Prozent des BIP noch höher.»

Eine Frage drängt sich auf

Um zu verhindern, dass der Franken in stratosphärische Höhen aufsteigt, kauft die SNB Euros im grossen Stil, meist kurz laufende, deutsche Staatsanleihen. Sie hat auch klargemacht, dass sie die Untergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro um jeden Preis verteidigen will. Das muss sie auch, will sie den Werkplatz Schweiz nicht ernsthaft in Gefahr bringen. Doch angesichts der rasant gestiegenen Devisenreserven stellt sich immer dringender die Frage: Stösst die SNB nicht bald an eine obere Grenze?

Ökonomisch gesehen gibt es diese Obergrenze nicht. Doch wie in den Bergen gilt: Je höher man steigt, desto dünner wird die Luft. Die grossen Mengen an Franken, die durch das Finanzsystem schwappen, sind harmlos, solange sie nicht gebraucht werden. Das ist derzeit der Fall, deshalb haben wir auch keine Inflation. Doch potenziell drohen Verzerrungen des Finanzsystems, vor allem im Immobiliensektor. Deshalb warnt die SNB in jüngster Zeit immer wieder und immer eindringlicher vor einer Immobilienblase.

Das Risiko der Retourkutschen

Viel mehr kann sie nicht tun, ihre Optionen sind begrenzt. Versucht sie, ihre Euros gegen Dollar einzutauschen, dann gerät der Euro sofort wieder unter Druck und die SNB muss umgehend zukaufen. Tauscht sie Euros gegen schwedische oder norwegische Kronen oder britische Pfund, riskiert sie Retourkutschen. Anders als China hat die Schweiz auch nicht das geringste Interesse daran, ihre Währung zu einer globalen Leitwährung auszubauen. Für eine kleine und offene Volkswirtschaft ist dies kein erstrebenswertes Ziel, sondern ein Albtraum.

SNB-Chef Thomas Jordan ist nicht zu beneiden. Angesichts der chaotischen Situation in Euroland wird der Druck auf den Schweizer Franken nicht ab-, sondern wahrscheinlich noch zunehmen. Eine kontrollierte Aufwertung des Schweizer Frankens wäre eine Einladung an die Devisenspekulanten und ein ökonomischer Unsinn, und zudem ist mit 1.20 die Schmerzgrenze für die Schweizer Wirtschaft ohnehin erreicht. Deshalb ist es kein Wunder, dass Jordan in Interviews laut über Kapitalkontrollen nachzudenken beginnt. Auch wenn es keine definierte Obergrenze gibt – «unlimitiert» kann auch die SNB nicht Euros kaufen.

Erstellt: 06.08.2012, 11:29 Uhr

Weniger Devisenreserven als die Schweizer: People's Bank of China. (Bild: Keystone )

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