Italien – die Bruchstelle in der Eurozone

Seit Beginn dieses Jahrhunderts tritt das Land wirtschaftlich an Ort. Nur die Schuldenlast nimmt ungebrochen zu. Der Wegfall der Teuerung verschärft die Situation zusätzlich.

Keine Investitionen, kein Wachstum, keine Hoffnung in Italien: Obdachloser in Rom neben einem Plakat, das zu einer Demonstration gegen die Regierung aufruft.

Keine Investitionen, kein Wachstum, keine Hoffnung in Italien: Obdachloser in Rom neben einem Plakat, das zu einer Demonstration gegen die Regierung aufruft. Bild: Gregorio Borgia/Keystone

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Dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre auswärtige Ratssitzung am Donnerstag in Neapel abhielt, war mehr dem Zufall geschuldet. Italien war mal wieder an der Reihe. Vielleicht hat aber das eine oder andere der 24 Ratsmitglieder den Aufenthalt in der süditalienischen Metropole genutzt, um sich aus erster Hand ein Bild über die wirtschaftliche Lage in der Peripherie der Eurozone zu machen. Auf viel Erfreuliches wird er dabei kaum gestossen sein. Jeder vierte arbeitsfähige Einwohner Neapels ist ohne Stelle, und unter den 15- bis 24-Jährigen beträgt die Arbeitslosigkeit gar 56 Prozent. Anders als in Spanien, wo die Wirtschaft auf einen selbsttragenden Wachstumskurs eingeschwenkt zu sein scheint, gibt es in der drittgrössten Volkswirtschaft im Euroraum keinen Hoffnungsschimmer. Italien steuert in Richtung Rezession – der dritten seit Ausbruch der Finanzkrise.

Jahrelanger Niedergang

Kritischere Beobachter sprechen indes von einem seit 2008 fortwährenden Niedergang, der nur durch eine kurze Periode von 2010 bis Anfang 2011 unterbrochen worden sei. In der Tat lag das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes im vergangenen Jahr um nicht weniger als 12 Prozent unter dem Stand von 2007. Auch wenn man den Beobachtungszeitraum über die Finanzkrise hinaus erweitert, hellt sich das Bild nicht auf: Zwischen 2000 und 2013 ist die reale Wirtschaftsleistung Italiens gemäss Daten des Internationalen Währungsfonds nicht vom Fleck gekommen. Die USA etwa haben ihren gesamtwirtschaftlichen Ausstoss gleichzeitig um rund ein Viertel gesteigert.

Die jahrelange wirtschaftliche Talfahrt unseres südlichen Nachbarn steht in scharfem Kontrast zur ungebremsten Dynamik beim Schuldenaufbau. Zwischen 2007 und 2013 sind Italiens Staatsschulden um 29 Prozent gewachsen. Die Scherenbewegung zwischen Wirtschafts- und Schuldenentwicklung widerspiegelt sich in einem beängstigenden Anstieg der staatlichen Schuldenlast: Hatte diese 2007 laut Zahlen des EU-Statistikamtes Eurostat noch 103,3 Prozent des BIP betragen, summierte sie sich im letzten Jahr bereits auf 132,6 Prozent – und für 2014 sagt die OECD einen weiteren erheblichen Zuwachs auf 137,5 Prozent voraus.

Schulden laufen aus dem Ruder

Sollte Italiens Wirtschaft auch in den nächsten beiden Jahren in Stagnation verharren, wären die Folgen gravierend: Der Schuldenstand dürfte nach Expertenschätzungen in Richtung 150 Prozent tendieren. Derzeit spricht einiges für eben dieses Szenario, erwartet doch die italienische Regierung für 2015 lediglich ein 0,6-prozentiges Wachstum (nach geschätzten -0,3 Prozent in diesem Jahr).

Die Situation verschärft sich zusätzlich durch das Verschwinden der Inflation. Dadurch wird das nominelle Wirtschaftswachstum noch mehr gedrosselt – während gleichzeitig die reale Schuldenlast noch drückender wird. Im September belief sich die italienische Jahresteuerung auf -0,2 Prozent. In einem solchen Umfeld erhöht sich tendenziell der Schuldenstand in Relation zum BIP, selbst wenn der italienische Staat keine neuen Kredite aufnimmt.

Die Investoren scheinen sich von dieser unheilvollen Schuldendynamik nicht beunruhigen zu lassen. Zehnjährige italienische Staatsanleihen weisen derzeit eine komfortable Rendite von 2,35 Prozent auf, verglichen mit 6,5 Prozent im Sommer 2012. Offenbar gehen die Gläubiger davon aus, dass das Land imstande sein wird, seine Verbindlichkeiten zurückzuzahlen. Inwieweit dieser Glaube auf Hoffnungen beruht, der Römer Ministerpräsident Matteo Renzi werde das Land mit einem Reformschub aus seiner wirtschaftlichen Lethargie reissen, wird sich weisen. Sicher ist auf jeden Fall: Italiens Schuldenentwicklung ist auf Dauer nicht tragfähig.

«Wirtschaftsvertrauen auf Allzeittief»

Der erwähnte markante Zinsrückgang innerhalb von zwei Jahren hätte eigentlich das wirkungsvollste «Programm» zur Ankurbelung von Investitionen und zur Belebung der Wirtschaft sein müssen. Dass diese Wirkung in Italien völlig verpufft ist, muss Zweifel wecken, ob die EZB dem Land mit immer neuen Geldspritzen auf die Sprünge helfen kann. Mit dieser Kritik konfrontiert, verweisen die Notenbanker auf den «beschädigten Transmissionsmechanismus», der die Geldpolitik ihrer Wirksamkeit beraube. Gemeint ist damit: Die Banken geben die tiefen Zinssätze bei ihren Kreditvergaben nicht weiter, wovon vor allem kleine und mittlere Unternehmen betroffen sind. In der Tat müssen italienische KMU nach wie vor signifikant höhere Zinskosten gewärtigen als etwa deutsche.

Was aber eben auch zutrifft: Viele dortige Firmen haben gar keine Expansionspläne (mehr). «Es gibt kaum Nachfrage nach Krediten für Investitionen, weil das Wirtschaftsvertrauen auf einem Allzeittief angelangt ist», zitierte das «Wall Street Journal» dieser Tage den Chef der Banca Popolare di Milano. Die neuerliche Stimmungseintrübung in der Wirtschaft hängt auch damit zusammen, dass das Retterimage von Renzi nach achtmonatiger Amtszeit als Regierungschef erste Risse bekommt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich der Wirtschaftsgang in Italien nach kurzer Belebung zuletzt unerwartet stark verschlechtert hat.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 21:32 Uhr

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