Italiens Banken in Not – Kommt es zur nächsten Finanzkrise?

Ein gigantischer Berg fauler Kredite und ein geleakter Brief der EZB sorgen für grosse Nervosität.

Sorgenkind der Europäischen Zentralbank: Die Monte dei Paschi mit Hauptsitz in Siena. Foto: Luca Bruno (Keystone)

Sorgenkind der Europäischen Zentralbank: Die Monte dei Paschi mit Hauptsitz in Siena. Foto: Luca Bruno (Keystone)

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Die Unsicherheit rund um den Brexit Grossbritanniens schürt in der EU Ängste vor einer neuen Finanzkrise. Nicht nur Credit Suisse und UBS stürzen ab, sondern Banken überall in der EU. Das grösste Gefahrenpotenzial birgt indes Italiens Banksektor, dessen Branchenindex FTSE Italia Banche in sechs Monaten 56 Prozent verlor. Italiens Banken sind so krank wie nach der Finanzkrise, ihre faulen Kredite haben sich seit 2008 auf 360 Milliarden Euro vervierfacht und nehmen weiter zu. Im Schnitt ist die Rückzahlung bei 17 Prozent der ausstehenden Kredite gefährdet. Zum Vergleich: In den USA lag dieser Wert selbst in der Finanzkrise nicht über ­ 5 Prozent. Bei Italiens drittgrösster Bank, Monte dei Paschi, ist gar ein Drittel der Kredite notleidend – der Börsenwert der Bank hat sich in einem Monat halbiert. Für Aufregung sorgt nun ein geleakter Brief, in dem die Europäische Zentralbank (EZB) Monte dei Paschi auffordert, 10 Milliarden faule Kredite abzubauen.

«Der Brexit könnte in Italien eine ausgewachsene Bankenkrise auslösen», sagte Lorenzo Codogno, Ex-Chef von Italiens Finanzverwaltung, der «Financial Times». Das Risiko einer «Kernschmelze in der Eurozone ist klar da, wenn die Brexit-Ängste nicht sofort aufgefangen werden». Italiens Banksektor hat die faulen Kredite auf 44 Prozent des Nominalwerts abgeschrieben.

Folge der Wachstumsschwäche

Ihr Versuch, notleidende Kredite in externe Vehikel auszulagern, stösst auf ­wenig Interesse. Investoren argwöhnen, deren wahrer Wert liege weit tiefer bei 20 bis 25 Prozent. Die Banken müssten demnach weitere 40 Milliarden Euro abschreiben, ihre Kapitalbasis wäre in Gefahr. Italiens personell aufgeblähte und mit Filialen überdotierte Banken gehören ohnehin zu den gewinnschwächsten in Europa, das verschärft das Problem. Die gerichtliche Abwicklung fauler Kredite dauert in Italien acht bis zwölf Jahre, die Bereinigung wird enorm verzögert.

Doch der Brexit verschärft bloss die Folgen einer chronischen Wachstumsschwäche in der EU. Nicht nur Länder wie Italien und Portugal – dessen Finanzsektor ebenfalls angeschlagen ist – kommen kaum vom Fleck. Die Arbeitslosigkeit im Euroraum verharrt bei 10 Prozent. China als zweitgrösster Absatzmarkt der EU fällt zunehmend aus. Amerika als grösster Abnehmer dürfte den Dollar schwächen, um die Importe aus der EU zu drosseln. Hinzu kommt, dass die EZB die Zinsen länger tief hält, um die Konjunktur zu stützen. Dies schmälert die Bankgewinne überall in der EU, am stärksten trifft es indes Italiens Institute wegen ihres geringen Anteils hochmargiger Geschäfte wie Vermögensverwaltung und Investmentbanking.

Sollte das explosive Gemisch – ausgehend von Italien – in der EU eine neue Finanzkrise auslösen, wäre die Schweiz gleich zweifach betroffen. Ein erneuter Schwächeanfall des Euro und die absehbare Massenflucht in den Franken würden diesen verteuern, die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Exporte wäre arg beeinträchtigt. Eine womöglich scharfe Rezession in der EU wäre eine weitere Folge einer solchen Krise, entsprechend würde die Nachfrage nach Produkten aus der Schweiz sinken.

EZB zieht Zügel an

Brüssel will eine von Italien ausgehende Kettenreaktion verhindern. Die EZB, die seit 2014 die EU-Banken beaufsichtigt, hat die Zügel angezogen. Die Währungshüter bestehen auf der Einhaltung der verschärften Regeln über Offenlegung fauler Kredite und die Mindestanforderungen ans Kapital der Banken. Banken wie Monte dei Paschi müssten marode Kredite abschreiben, und Italiens grösste Bank UniCredit müsse bis zu 9 Milliarden Euro frisches Kapital aufnehmen, fordert die EZB. Mit gutem Grund, macht doch in der Eurozone bei börsenkotierten Banken Italiens Anteil an den faulen Krediten fast die Hälfte aus.

Doch Italiens Premier Matteo Renzi hält nichts von einer Bereinigung, die den Aktionären und Obligationären grosse Abstriche abverlangt.

Renzi will den Banken stattdessen mit einer Geldspritze von 40 Milliarden Euro aus der Staatskasse unter die Arme greifen. Was die Europäische Kommission, unterstützt von Bundeskanzlerin Angela Merkel, strikte ablehnt. Ohne eine solche Rekapitalisierung könnten sich die Probleme des italienischen Bankensystems zu einer Krise auswachsen, liess das Finanzministerium in Rom verlauten. Es gebe eine Epidemie, Italien sei der kränkste Patient. Werde die Epidemie nicht gestoppt, wachse sich der Brexit zur Finanzkrise aus. Brüssel und Merkel geben kühl zurück, zuerst müssten die Investoren Opfer bringen. Italien müsse insolvente Banken halt liquidieren, statt sie endlos durchzuseuchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2016, 22:09 Uhr

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