Interview

«Jede fünfte Hose wird im Ausland eingekauft»

Erstmals liegen fundierte Zahlen zum Einkaufstourismus der Schweizer vor. Studienautor Thomas Hochreutener über 4500 Interviews, gezielte Einkäufe und die Tessiner als Schweizer Meister.

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Herr Hochreutener, über die Höhe der Auslandseinkäufe wurde viel spekuliert und geschätzt. Was ist bei Ihrer Studie nun anders?
Das Thema Auslandseinkäufe wurde in den letzten Jahren schon fast inflationär debattiert. Und die Debatte fand allein aufgrund von Schätzungen statt. Wir haben nun erstmals fundierte Daten erhoben, und zwar aufgrund von knapp 4500 Befragungen.

Was überrascht Sie an den erhobenen Resultaten am meisten?
Auf den ersten Blick erstaunt die Summe von 2,6 Milliarden Franken, welche Herr und Frau Schweizer allein für Schuhe und Kleider im Ausland ausgeben. Bei einem Gesamtmarkt in dieser Kategorie von knapp 11 Milliarden Franken sind das über 20 Prozent. Das heisst im Prinzip, jede fünfte Hose und jeder fünfte Schuh wird im Ausland eingekauft. Das ist verglichen mit den fünf Prozent Auslandseinkäufen über den gesamten Detailhandel hinweg gesehen extrem viel.

Wir folgern, die Schweizer flüchten regelrecht vor den einheimischen Schuh- und Kleiderläden.
Nein, das kann man nicht so sagen. Wir haben in der Studie unterschieden zwischen gezielten Auslandseinkäufen und den Einkäufen, welche man während Geschäftsreisen oder Ferien macht. Und da zeigt sich eben, dass gerade in der Kategorie Schuhe und Kleider der überwiegende Teil dieser 2,6 Milliarden Franken auf Geschäftsreisen und Ferien fällt. In den Ferien locken andere Geschäfte, neue Produkte und halt einfach die Gelegenheit.

Was sticht sonst noch heraus?
Die Tessiner sind Schweizer Meister beim Einkaufstourismus. Bei den gezielten Einkäufen sogar mit Abstand.

Was steckt dahinter?
Das hat wohl viel mit den Ladenöffnungszeiten zu tun. Tessiner geben überdurchschnittlich häufig diesen Grund für das Shopping im Ausland an. Das wiederum hat natürlich damit zu tun, dass in Italien viele Shops auch sonntags geöffnet haben.

Sie haben bei der Studie bewusst gewisse Segmente ausgeschlossen, zum Beispiel Autos. Warum?
Diese Studie ist im Auftrag der Interessengemeinschaft Detailhandel zustande gekommen. Es war die Absicht, nur den Detailhandel abzudecken.

Die IG DHS braucht diese Zahlen, damit sie politisch argumentieren kann.
Das ist Sache der IG DHS. Aber klar war das Ziel, die Debatte, welche seit Jahren nun am Kochen ist, mit vernünftig erhobenem Datenmaterial auf eine sachliche Ebene zu bringen. Wir haben uns vor dem Start der Studie mit anderen Instituten und Firmen zusammengesetzt, welche ebenfalls im Bereich Detailhandel Forschungen anstellten, darunter die Credit Suisse und die BAK Basel.

Werden wir also in Zukunft vereinheitlichte Detailhandelsstudien sehen?
Das kann ein Fernziel sein. In erster Linie ging es um einen Austausch.

Nun haben Sie erstmals fundierte Zahlen zum Einkaufstourismus erhoben. Das zeigt aber noch keinen Verlauf.
Wir haben entschieden, dass diese Studie mit der gleichen Anlage aufs nächste Jahr wieder durchgeführt wird. Damit erhalten wir vergleichbare Zahlen, die auch eine Aussage in Bezug auf die Entwicklung zulassen.

Die könnten Sie jetzt schon machen. Sie haben ja Zahlen über verschiedene Monate hinweg erhoben.
Nein, das lässt keine Aussage über eine Entwicklung zu. Die Monatszahlen zeigen aber, dass zum Beispiel in der Weihnachtszeit die gezielten Einkäufe über dem Durchschnitt liegen.

Wann erhalten Sie Aufträge von der Autoindustrie, dem Tourismus oder der Reisebranche, Zahlen zu erheben?
Bislang hat keine dieser Branchen bei uns angerufen. Bei den Autos sind wohl Daten zu Importen vorhanden. Das muss sicher deklariert werden. Was die Reisebranche betrifft: Sie meinen vermutlich die Reisebuchungen von Schweizern über ausländische Anbieter, seien das Webangebote oder auch Reisebüros. Hier wurde bewusst darauf verzichtet, obwohl das wahrscheinlich für diese Branche von Interesse wäre. Und was den Tourismus anbelangt: Touristen, die in die Schweiz reisen, geben hier eine Menge Geld aus. Es wäre sicher sehr interessant, diese Daten zu erfassen.

Macht das niemand?
Schweiz Tourismus macht dazu etwas. Das Problem dabei: Mehr als Schätzungen dürften es kaum sein. Wir können davon ausgehen, dass Bucherer in Luzern mit Asiaten Dutzende Millionen Umsatz im Jahr macht. Aber Genaues wissen wir einfach nicht.

Es sind ja nicht nur die Touristen, welche in der Schweiz einkaufen. Es gibt auch Deutsche, Italiener und Franzosen, welche bewusst für Einkäufe ins Land kommen.
Das haben wir am Schluss unseres Papiers erwähnt. Zum Beispiel Foxtown im Tessin. Zwei Drittel der Kunden kommen aus Italien.

Werden Sie die Daten dazu auch erschliessen?
Bis jetzt ist das nicht geplant. Auch hier gilt wieder: Das zu erfassen, dürfte schwierig werden.

Erstellt: 05.04.2013, 12:07 Uhr

Thomas Hochreutener ist Detailhandelsexperte beim Marktforschungsinstitut GFK und Autor der Studie «Auslandeinkäufe 2012». Bild: zvg

Macht offenbar Laune: Einkaufen im grenznahen Konstanz. (Bild: Keystone )

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