Serie

«Jeder Schüler sollte das Schweizer Vorsorgesystem kennen»

Die Verschuldung von Jugendlichen und die Konsumkultur fordern die Volksschule heraus. Was man heute über Wirtschaft lernen sollte, sagt Lehrerpräsident Beat W. Zemp im letzten Teil unserer Serie.

«Die Unbestechlichkeit der Lehrpersonen ist sehr wichtig»: Für Beat W. Zemp, Präsident der Schweizer Lehrer, ist der Wirtschaftsunterricht wichtig, enthält aber auch Stolpersteine.

«Die Unbestechlichkeit der Lehrpersonen ist sehr wichtig»: Für Beat W. Zemp, Präsident der Schweizer Lehrer, ist der Wirtschaftsunterricht wichtig, enthält aber auch Stolpersteine. Bild: Keystone

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Herr Zemp, verschiedene Studien haben gezeigt, dass das Finanzwissen der Schweizer Bevölkerung mangelhaft ist. Wie erklären Sie sich das?
Die Studien wurden bei der allgemeinen Bevölkerung und nicht bei den Schülern durchgeführt. Sie spiegeln also einen früheren Stand an Schweizer Schulen. Viele von den Befragten dürften in der Schule kaum etwas über Wirtschaft gelernt haben. Das Sprichwort «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» trifft offenbar auch auf das Wirtschaftswissen zu. Ich möchte aber festhalten: Das Wirtschaftswissen der Berufsschüler und Gymnasiasten ist in den letzten zehn Jahren deutlich besser geworden.

Trotzdem verschulden sich heute junge Menschen.
Das ist tatsächlich ein Problem. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen ist verschuldet (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Das Problem hat sich durch Handyabos, Markenkleider und Kreditkarten verstärkt. Vorbeugen ist dringend nötig, und hier spielt die Schule eine wichtige Rolle.

Dann ist es also die Aufgabe der Schule, Wirtschaftswissen zu vermitteln? Oder anders gefragt: Ist Wirtschaft Teil der Allgemeinbildung?
Ja. Sowohl das Harmos-Konkordat als auch der Lehrplan 21 bekennen sich klar zur Wirtschaftsbildung. Im Harmos-Konkordat steht: «In der obligatorischen Schule erwerben und entwickeln alle Schülerinnen und Schüler grundlegende Kenntnisse und Kompetenzen und eine kulturelle Identität, welche es ihnen erlauben, ihren Platz in der Gesellschaft und im Berufsleben zu finden.» Der Lehrplan 21 sieht für die Volksschule einen neuen Fachbereich «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» vor. Dadurch wird die Wirtschaftsbildung nicht nur symbolisch mehr Bedeutung, sondern ganz praktisch mehr Verbindlichkeit und Unterrichtszeit erhalten.

Welche Inhalte soll die Schule unter dem Thema Wirtschaft vermitteln?
Financial Literacy gehört auf jeden Fall dazu. Am Ende der Sekundarstufe II sollte jeder Schüler das Schweizer Vorsorgesystem mit AHV, zweiter und dritter Säule kennen. In der Schweiz muss man ja 40 Prozent seiner Altersvorsorge selber sparen – es ist grundlegend, das zu begreifen! Auch einfache Bankgeschäfte inklusive Online-Banking sollte jeder Erwachsene selber durchführen können. Weiter ist es wichtig, die verschiedenen Anlagemöglichkeiten zu kennen und einfache Risiko-Rendite-Abwägungen machen zu können. Bekannt sein sollte auch der Zinseszinseffekt und die Gefahr des elektronischen Geldes, um der Schuldenfalle vorzubeugen. Besonders hinweisen möchte ich auf die unternehmerische Freiheit. Selbstständigkeit wird hierzulande viel zu wenig thematisiert. Doch nach der Ausbildung als Angestellter zu arbeiten, ist nicht das einzige Lebensmodell.

Und wie sieht es in der Primarschule aus?
In der Primarschule funktioniert die Wirtschaftsbildung anders. Man muss Kindern Wirtschaftsfragen nicht aufdrängen. Aber wenn sie im Unterricht entstehen – und das tun sie automatisch –, soll die Lehrperson sie aufgreifen. Zum Beispiel die Fragen: Woher kommt das Geld? Wie spart man Geld? Zudem führen ja viele Primarschulen Geldsammlungen für einen guten Zweck durch und üben damit einen bestimmten Umgang mit Geld ein.

Wie kann man die Wirtschaftsbildung in der Schweiz ganz konkret verbessern?
Da gibt es viele Möglichkeiten. Es gibt spannende Online-Lernprojekte (s. Box), es gibt Comics und moderne Lehrmittel. Besonders interessant sind Simulationen und Spiele. Aktuell sind wir im Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) zusammen mit Partnern gerade daran, ein Spiel zum Finanz- und Vorsorgewissen zu entwickeln, das mit Schicksalskarten und konkreten Lebenssituationen arbeitet.

Staatssekretär Mauro Dell’Ambrogio weist darauf hin, dass Wirtschaftsunterricht stark ideologieanfällig ist. Wo sind die Stolpersteine beim schulischen Umgang mit Wirtschaftsfragen?
Zuerst einmal muss man die familiären Finanzverhältnisse der Schüler respektieren. Das gehört zur Privatsphäre und nicht ins Klassenzimmer. Es gibt zwischen den Familien frappierende Unterschiede. Die Lebensrealitäten und die Lohnschere klaffen heute viel stärker auseinander als vor 30 Jahren. Ideologische Werturteile muss man meiden. Besonders bei Schülern aus prekären finanziellen Verhältnissen muss man aufpassen, um sie nicht blosszustellen. Deshalb sollte man im Unterricht immer mit fiktiven Fallbeispielen arbeiten. Eine weitere Schwierigkeit ist der Peer-Group-Effekt: Die Gruppendynamik unter Jugendlichen führt zum Hype bestimmter Marken und zu vermehrtem Konsum. Auch mit diesem Thema muss der Wirtschaftsunterricht umgehen. Sehr wichtig ist zudem die Neutralität und Unbestechlichkeit der Lehrpersonen. Sie dürfen keine Vergünstigungen von Firmen annehmen oder Unterrichtsmittel mit Werbung benutzen. Product Placement ist in der Volksschule verboten.

Erstellt: 13.04.2013, 16:41 Uhr

Wirtschaftswissen auf dem Prüfstand

Über Finanzen und Wirtschaft wissen viele Schweizer nur mangelhaft Bescheid. Woran das liegt und was man dagegen tun könnte, lesen Sie in unserer Serie.
Teil 1: Ein Volk von Wirtschaftslaien
Teil 2: Ein Fach mit schlechtem Image
Teil 3: Wie gut wissen Sie über Geld Bescheid?
Teil 4: «Wirtschaftsunterricht ist immer ideologisch»
Teil 5: Interview mit Beat W. Zemp

Was man in der Schule über Wirtschaft lernt

Obligatorische Schule

In der obligatorischen Schule (6 bis 15-jährige) ist Wirtschaft kein eigenständiges Unterrichtsfach. Einzelne Aspekte wie Konsumverhalten sind eingebettet in Fachbereiche wie z.B. Natur-Mensch-Mitwelt (Kanton Bern) oder Mensch-Umwelt (Zentralschweizer Kantone). Details finden sich in den kantonalen Lehrplänen.

Harmos:
Die Grundbildung ist in Art. 3, Absatz 2c des Harmos-Konkordats beschrieben. Der Grundbildungsbereich Sozial- und Geisteswissenschaften enthält auch wirtschaftliche Fragen. Wie dieser Unterricht ausgestaltet wird, ist Gegenstand der sprachregionalen Lehrpläne.
Für die Deutschschweiz der Lehrplan 21 (ist in Erarbeitung, liegt noch nicht vor).
Für die Romandie der plan d'études romand.

Sekundarstufe II

Gymnasium

Alle Schülerinnen und Schüler belegen als obligatorisches Fach eine Einführung in Wirtschaft und Recht (Art. 5bis MAR)
Wirtschaft und Recht können weiter als Schwerpunktfach oder Ergänzungsfach belegt werden. Inhalte finden sich im Rahmenlehrplan für die gymnasialen Maturitätsschulen.

Berufsfachschule

Rahmenlehrplan Allgemeinbildung Berufliche Grundbildung, siehe Wirtschaft im Lernbereich Gesellschaft. In der Berufsfachschule werden je nach gewählter Berufsrichtung auch spezifische Wirtschaftsfächer unterrichtet. (Quelle: EDK)

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