Porträt

Jetzt spricht die Geliebte von Falciani

Die ehemalige Arbeitskollegin und Liebhaberin des HSBC-Datendiebs gab nach langem Schweigen ein Interview – und stellte ihre Wahrheit der Geschichte dar.

Kam ins selbe Büro wie Falciani: Georgina Mikhael.

Kam ins selbe Büro wie Falciani: Georgina Mikhael.

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Es war lange still um Georgina Mikhael, 38 Jahre alt, frankolibanesische Doppelbürgerin aus Beirut. Jahrelang. Nun meldet sich die frühere Informatikerin in der Genfer Filiale der Grossbank HSBC in einem Interview der spanischen Ausgabe des Magazins «Vanity Fair» zurück. «Es ist mir schon klar», sagt sie, «dass man meine Geschichte nicht so gern hört.» Es ist eine brisante Geschichte mit einem mittlerweile prominenten Protagonisten, bei dem sich die Welt fragt, ob er denn nun mehr Dieb oder mehr Held ist: Hervé Falciani (41), Monegasse, Besitzer der Daten von 130'000 Steuerhinterziehern.

2006 zieht die junge Frau nach Genf, kommt dort ins selbe Büro wie Falciani. Der charmante Kollege macht ihr schnell den Hof, obschon er verheiratet ist und ein Kind hat. Die Ehe funktioniere schon länger nicht mehr, sagt er der Kollegin. Sie verlieben sich, gehen zusammen ins Fitnesscenter, reden über ihre gemeinsame Zukunft.

Die Reise nach Beirut

Die beiden gründen eine Firma namens Parlova mit Sitz in Hongkong. Falciani erzählt der Freundin, er wolle mit öffentlich zugänglichen Kundendaten handeln, die er mit gekonntem «Data Mining» aus dem Internet fischen könne. Angeblich völlig legal. Sie glaubt ihm. Und kreiert eine Website. Der Slogan von Parlova lautet: «Geschäft ist die Kunst, dem anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne Gewalt anzuwenden.»

2008 reisen sie zusammen nach Beirut. Mikhael stellt Falciani ihren Eltern vor, die mögen ihn auf Anhieb. Dass er verheiratet ist, erfahren sie nicht. Dann besuchen die beiden fünf Banken, denen Falciani Daten auf seinem mitgeführten weissen Computer zeigt: BNP Paribas, Société Générale, Blom Bank, Biblos Bank und Audi Bank. Bei den Treffen lässt er sich Ruben al-Chidiack nennen und sagt, bei Interesse könne man gerne über den Preis der Listen reden. Die Angestellte der Audi Bank reagiert offenbar entgeistert. Später wird sie die Schweizer Bankiervereinigung alarmieren.

«Da kann ich nur lachen»

Keine der Beiruter Banken will Falcianis Daten kaufen. Zurück in Genf beginnt er, ausländische Nachrichtendienste und Steuerbehörden zu kontaktieren – deutsche und französische. Dafür benutzt er eine Telefonkabine neben dem Fitnesscenter, immer um die Mittagszeit. Georgina Mikhael findet heraus, dass Falciani noch andere Frauen sieht, schon zum zweiten Mal verheiratet ist – und dass er die ominösen Daten stiehlt. Zunächst bleibt sie trotzdem bei ihm, was sie nur schlecht rechtfertigen kann. Dann beschliesst sie, HSBC zu verlassen. An ihrem letzten Arbeitstag taucht die Bundespolizei auf und befragt sie zu Parlova. Mikhael ist überrumpelt und erzählt den Ermittlern, wer sich hinter dem Namen Ruben al-Chidiack verbirgt.

So beginnt der Fall Falciani. Am 23. Dezember 2008 flieht Falciani mit seiner Familie aus der Schweiz nach Südfrankreich, nachdem er den Schweizer Behörden versprochen hat, dass man sich wiedersehe. Es bleibt beim Versprechen. Seither macht Falciani Schlagzeilen.

Bis heute ist auch ein Verfahren gegen Georgina Mikhael hängig, von der die Ermittler noch immer nicht sicher wissen, ob sie nun Falcianis Opfer oder dessen Komplizin war. Sie selber sagt es im Interview so: «Falciani ist ein Manipulator. Wie viele Lügen hat er doch schon aufgetischt! Allein über die Reise nach Beirut hat er tausendmal die Version geändert. Von mir sagte er auch einmal, ich würde der Hizbollah angehören. Wenn ich höre, wie er sich jetzt als Kämpfer gegen die obskure Finanzwelt und als Jäger von Steuersündern ausgibt, kann ich nur lachen. Er wollte Millionen machen und sich scheiden lassen, das war sein ganzer Plan.»

Leben in Angst

Seit einigen Wochen ist Falciani nun frei, nachdem er im letzten Sommer in Barcelona verhaftet worden war. Das oberste Strafgericht Spaniens hat das Auslieferungsgesuch der Schweiz abgelehnt. Es kam zum Schluss, dass der Informatiker keine in Spanien geltenden Gesetze verletzt habe. Die Motive für die Reise nach Beirut seien vage, die Ermittlungen hätten kein schlüssiges Bild ergeben. Es könne auch sein, dass Falciani den Banken in Beirut einfach habe helfen wollen, ihr Sicherheitsdispositiv gegen Datendiebstahl zu verbessern. Madrid profitierte – wie zuvor Paris und Rom – von Falcianis Daten, um einiger 100Steuerhinterzieher habhaft zu werden. Das brachte den Staaten viel Geld. Und es könnte noch mehr werden – dank Falciani.

Georgina Mikhael meint, dass man deshalb ihre Version der Geschichte gar nicht hören wolle: «Die Welt sieht Falciani wie einen Robin Hood, die Wahrheit interessiert niemanden.» Sie lebe in Angst, sagt sie, Falciani wisse ja, wo sie wohne in Beirut. Arbeit habe sie seit der Affäre nicht mehr gefunden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2013, 07:01 Uhr

Machte international Schlagzeilen: Hervé Falciani. (Bild: Keystone )

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