Analyse

Jetzt verblasst der Glanz

Nach einem erstaunlich guten Jahresbeginn verliert die Schweizer Konjunktur deutlich an Fahrt. Experten blicken nun mit düsterer Miene in die Zukunft.

Mehr als eine Konjunkturdelle: BIP-Wachstum gegenüber dem Vorquartal.


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«Die erwartete Abkühlung ist nun in der Schweiz angekommen», sagt Eric Scheidegger. Der Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim Seco bestätigt damit, was Wirtschaftsexperten im Grunde genommen seit einem Jahr befürchten: Dass die Schweizer Volkswirtschaft vom Trubel um sie herum erfasst wird.

Gab es zum Jahresbeginn noch Lichtblicke zu vermelden, so schlägt der Abschwung in der neuesten BIP-Schätzung des Seco voll durch: Nach einem Wachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal ging die Schweizer Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 0,1 Prozent zurück. Schrumpft das BIP im dritten Quartal 2012 erneut, so droht der Schweiz das Verdikt «technische Rezession». So bezeichnen Ökonomen eine Situation, in der das Bruttoinlandprodukt während zwei aufeinanderfolgenden Quartalen ein negatives Wachstum aufweist.

Starker Franken: Ein Thema von gestern?

Anzeichen dafür sind zur Genüge vorhanden. «Aus Europa sind bis Ende 2012 kaum positive Impulse zu erwarten», sagt ZKB-Ökonom David Marmet zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mehr denn je gilt für ihn die Wirtschaftsschwäche der Schweizer Handelspartner als ausschlaggebender Faktor für die Schweizer Konjunktur. Bereits heute drücken die Exporte auf das Wachstum: Wie das Seco hervorhebt, bildet sich vor allem die Ausfuhr von Chemikalien, Maschinen und Elektronikartikeln zurück. Weil der Aussenhandel als vorlaufender Indikator gilt, erwartet David Marmet auch beim Binnenkonsum in den nächsten Monaten eine Abkühlung.

«Die negativen Effekte der massiven Frankenaufwertung zeigen sich nun deutlich stärker», schreibt das Institut BAK Basel in einem Kommentar auf die neuen Zahlen des Seco. Doch die Analyse dürfte vor allem für die Vergangenheit zutreffen. Es sind die stotternden Wirtschaftsmotoren aus Asien und den Schwellenländern, die der Exportindustrie Sorgen machen müssen. Wie die UBS-Ökonomin Sibille Duss jüngst in einem Forschungsbericht zeigte, sind vor allem Branchen wie die Chemie-, Elektro-, Maschinen- und Metallindustrie abhängig von der Weltkonjunktur. Das sind just die Branchen, die bereits jetzt im Straucheln begriffen sind.

Vom Sonderfall zum Normalfall

Die Zahlen, die das Seco heute vermeldete, dürften demnach keine einmalige Wachstumsdelle bleiben. Eine andere Interpretation drängt sich auf: Löst Europa seine Krise nicht, so könnte das zweite Quartal 2012 der Beginn einer längeren Durststrecke markieren. «Die Schweiz ist Europa – insbesondere Deutschland – auf Gedeih und Verderben ausgeliefert», sagt David Marmet von der Zürcher Kantonalbank. Auch wenn die Schweiz vergleichsweise noch gut dasteht, dürfte es mit dem konjunkturellen Sonderfall fürs Erste vorbei sein.

Auch Eric Scheidegger geht nicht von einer baldigen Trendumkehr aus. Immerhin wirke der Binnenkonsum noch konjunkturstützend, so der Seco-Abteilungsleiter. Als treibenden Faktor bezeichnet Scheidegger die Migration: Dass sie in nächster Zeit abnehmen sollte, hält Scheidegger für wenig wahrscheinlich. Noch im Juli erhöhte das Seco seine Jahresprognose für 2012 von 0,8 auf 1,4 Prozent. Die nächste offizielle Prognose zum BIP-Wachstum erscheint am 18. September – laut Seco-Analyst Bruno Parnisari ist wahrscheinlich, dass dann eine Revision nach unten vorgenommen wird.

Erstellt: 04.09.2012, 15:29 Uhr

In der vom Export abhängigen Maschinenindustrie zeigen sich Bremsspuren: Arbeiter einer Seilbahnfirma. (Bild: Keystone )

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