«Jetzt zählt nur noch Leistung»

Privatbankier Konrad Hummler erklärt, warum ein Steuerdeal mit Berlin Sinn macht. Und wem das Abkommen wehtut.

«In Zukunft zählt nur noch Leistung»: Konrad Hummler, Mitinhaber der Privatbank Wegelin und Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers.

«In Zukunft zählt nur noch Leistung»: Konrad Hummler, Mitinhaber der Privatbank Wegelin und Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbankiers. Bild: Keystone

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Was halten Sie als Mitinhaber der Privatbank Wegelin von Verhandlungen mit Deutschland, um das Problem unversteuerter deutscher Gelder in der Schweiz zu lösen?
Ich habe die Idee einer Abgeltungssteuer schon vor zehn Jahren ins Spiel gebracht. Es ist sehr positiv, dass die Schweiz jetzt das leidige Steuerproblem mit Deutschland in Verhandlungen angeht und einen Staatsvertrag anstrebt, der den Schutz der Privatsphäre deutscher Bankkunden festschreibt, Deutschland aber auch angemessene Steuereinnahmen gewährleistet. Die Alternativen wären unerfreulich.

Wie meinen Sie das?
Ständige Auseinandersetzungen mit einem so wichtigen Handelspartner wie Deutschland sind auf Dauer schädlich. Es ist doch kein Zustand, wenn immer neue Daten-CDs mit entwendeten Bankkundendaten in Deutschland landen. Entspannung und friedliche Koexistenz fördern das Geschäft. Die Sondierungsgespräche waren so intensiv, dass eine Lösung sehr gute Chancen hat.

Wie ist mit Datenklau umzugehen?
Ein Staatsvertrag, der die Interessen beider Seiten berücksichtigt, muss die Verwendung entwendeter Bankdaten unterbinden.

Was bringt ein Steuerdeal den Schweizer Banken?
Ein wichtiges Anliegen der Schweiz ist, dass kein Verrat an den Bankkunden passieren darf. Darum begrüssen wir, dass jetzt mit Deutschland, aber auch mit England eine geordnete und rechtsstaatlich vertretbare Lösung angestrebt wird. Für den Bankenplatz Schweiz ist es wichtig, dass ausländische Bankkunden entkriminalisiert werden, indem ihr Geld in der Schweiz legalisiert wird.

Was bringt das deutschen Kunden?
Das Gute an einer Abgeltungssteuer ist, dass sie damit die Steuerpflicht in Deutschland voll erfüllen, und zwar anonym, ohne dass ihr Name dem heimischen Steueramt bekannt wird. Deutschland erhält Geld, aber keine Namen.

Stoppt ein Steuerdeal den automatischen Informationsaustausch?
Der Druck in Richtung automatischer Informationsaustausch wird geringer, weil die berechtigten Steuerinteressen etwa von Deutschland angemessen berücksichtigt werden. Die Steuer macht auch ökonomisch Sinn, sie ermöglicht es, grenzüberschreitend Vermögenswerte zu halten, ohne mit dem Steuerrecht des Ursprungslands in Konflikt zu geraten.

Schwächt die Abgeltungssteuer das Bankgeheimnis?
Nein, im Gegenteil. Der Schutz der Privatsphäre durch das Bankgeheimnis wird strikte von der Frage der Besteuerung getrennt. Das Bankgeheimnis wird dadurch gestärkt, weil es nicht mehr im Verdacht steht, Unrecht zu schützen.

Werden reiche Deutsche nicht ihr Vermögen nach Singapur abziehen?
Das müssen sie sich gut überlegen, weil ihr Geld dann schwarz bleibt und sie es kaum nutzen können. Ein Staatsvertrag mit Deutschland dagegen bringt ihnen Rechtssicherheit. Eine Legalisierung macht ihr Geld weiss, sie können es jederzeit nach Deutschland zurückholen, die Handlungsfreiheit wird viel höher.

Fördern hohe Strafsteuern nicht die Abwanderung?
Auch Deutschland hat kein Interesse an einer Abwanderung aus der Schweiz. Die Legalisierung muss attraktiv ausgestaltet sein, sollte also weniger kosten als jetzt eine Selbstanzeige.

Eine Legalisierung lässt viele Milliarden als Steuern nach Deutschland. Das tut weh?
Ja, schon. Aber es gibt keine Alternative.

Werden deutsche Kunden nach der Legalisierung nicht Geld in Massen nach Hause holen?
Das ist das gute Recht der Kunden. Ich rechne aber nicht mit grossen Abflüssen. Klar ist aber, Steuern als Werbeargument werden an Zugkraft verlieren. Das Geschäftsmodell der Banken wird sich stark ändern.

Wie gross wird der Leidensdruck?
In Zukunft wird der Kunde wissen wollen, wie hoch die von der Bank erzielte Rendite nach Steuern ist. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Kunden uns in Zukunft an der Leistung messen werden und nicht mehr an der Steuerersparnis. Man kann das beklagen oder begrüssen. Ich neige Letzterem zu.

Schön und gut. Aber Weissgeld ist doch leicht zu repatriieren?
Das ist so. Aber in der Vermögensverwaltung sind wir deutschen Instituten ziemlich überlegen. Wir legen Gelder viel internationaler an. Die Schweiz hat den Vorteil, dass hier nach dem neuen Steuerregime Gelder legal gehalten werden können, und dies in einem Land mit starker Währung, mit stabilen Rahmenbedingungen und hoher Diskretion.

Wo sind Probleme absehbar?
Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Rundum beurteilen kann man erst das Ergebnis der Verhandlungen. Wichtig ist nun, dass es eine Lösung gibt, die von den Banken einfach und zu vertretbaren Kosten umgesetzt werden kann.

Erstellt: 27.10.2010, 23:46 Uhr

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