Käsebranche in argen Nöten

Der harte Franken ist für viele Käsehändler existenzbedrohend. Besonders betroffen ist der exportstarke Emmentaler.

Emmentaler-Laibe im Lager: Die Exportzahlen für die Käsesorte sind stark eingebrochen.

Emmentaler-Laibe im Lager: Die Exportzahlen für die Käsesorte sind stark eingebrochen. Bild: Keystone

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Vier Generationen lang vertrieb die Familie von Mühlenen Rohmilchkäse in der ganzen Welt. Anfang Juni endete die Ära. Die beiden letzten Familienmitglieder mussten den Betrieb verlassen. Seither übernimmt der Milchverarbeiter Cremo die komplette Führung. Erst Anfang Juli gab auch die exportorientierte Ostschweizer Rutz Käse AG ihre Selbstständigkeit auf: Der Luzerner Milchriese Emmi schluckte die Traditionsfirma.

Für Christoph Stadelmann von Emmentaler Switzerland zeigt das Schicksal der beiden Firmen, wie dramatisch die Lage in der Branche ist. «Viele Käsehändler sind in ihrer Existenz bedroht: Sie haben nicht mehr die nötige Substanz, um auf europäischem Terrain zu bestehen.» Auch Andreas Hinterberger, Vizepräsident des Käsereiverbands Fromarte, malt schwarz: Viele Firmen könnten zum Schluss kommen, das Geschäft besser einzustellen, wenn es so weiter gehe, sagt er. Was für die Branche nachteilig ist: Im Gegensatz zu vielen Industrieunternehmen profitiert sie kaum vom günstigeren Einkauf im Ausland, da sowohl der Rohstoff Milch als auch die Arbeitsleistung aus der Schweiz kommen müssen.

Handelsbilanz kippt erstmals

Wegen der Währungskrise zeichnet sich im Mai ein Paradigmenwechsel ab: Beim Käse kippt die Handelsbilanz erstmals ins Negative. Dass die Käsenation auch längerfristig mengenmässig mehr Käse einführt als ausführt, ist für Marktbeobachter nicht mehr unwahrscheinlich – wenn der Franken so hart bleibt. Ins Stocken gerieten seit Anfang Jahr vor allem die Emmentaler-Exporte: Sie brachen von Januar bis Mai um 16 Prozent ein, Sbrinz verzeichnet Einbussen von 8 Prozent, Gruyère von 4 Prozent. Allein im Mai nahm der Exportwert von Käse gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent ab.

Die Käsebranche hat aber nicht nur ein Problem mit dem Verkauf jenseits der Grenzen. Auch im Inland sind die heimischen Anbieter unter Druck: Immer mehr Konsumenten kaufen den günstigeren Käse aus dem Ausland. Entsprechend ist die Importmenge im Mai gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozent angestiegen. Käsehersteller wie Emmi setzen trotzdem auf die Treue der einheimischen Kundschaft: «Wir stellen fest, dass die Schweizer Konsumenten bereit sind, für Schweizer Käse mehr zu bezahlen», sagt Sprecherin Sibylle Umiker. Dies zeige sich beim Mozzarella, wo Emmi in direkter Konkurrenz mit italienischen Produzenten stehe.Am härtesten aber trifft die Franken-Stärke die Emmentaler-Produzenten. Über 70 Prozent der wohl bekanntesten Käsesorte der Welt gehen ins Ausland – entsprechend krisenanfällig ist der Markt. Da keine Kosteneinsparungen mehr möglich sind, müssen viele Firmen ihre Preise im Ausland erhöhen – damit aber werden sie zu teuer für den ausländischen Markt. Bald sei die psychologisch wichtige Marke von 20 Euro pro Kilo erreicht – und dann lassen sich laut Christoph Stadelmann «massive Absatzverluste» nicht mehr vermeiden. Dabei ist der Krebsgang der Branche zu einem grossen Teil hausgemacht: Sie produziert Überkapazitäten und Fälschungen, die Händler liefern sich seit Jahren einen wüsten Preiskampf. «Der schwache Euro-Kurs verschärft diese Entwicklung noch», sagt Stadelmann.

Bauern tragen Risiko mit

Laut Andreas Hinterberger vom Verband Fromarte rechnen mittlerweile viele Käsehändler in Euro ab, um überhaupt im Ausland konkurrenzfähig zu bleiben: «Sie nehmen damit das ganze Währungsrisiko auf sich.» Einen anderen Weg geht der Milchkonzern Emmi. Er bezieht den Käse nicht mehr zu einem festen Preis, sondern leistet den Käse- und Milchproduzenten nur noch eine Anzahlung. Übersteigt der Verkaufserlös den anbezahlten Preis, erhalten die Käsereien später ein Restgeld. Im schlimmsten Fall werden sie nachträglich gar noch zur Kasse gebeten. «Es geht zu und her wie zu Gotthelfs Zeiten», kritisierte der «Schweizer Bauer» diese Praxis.

Laut Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker ist die Abwälzung des Risikos auf die Bauern gerechtfertigt. Derzeit müssten alle Beteiligten einen Beitrag zur Bewältigung der Franken-Krise beitragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.07.2011, 19:03 Uhr

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