Hintergrund

Keine Zeit für Cüpli-Währungspolitik

Jackson Hole in den Rocky Mountains wird in diesen Tagen zum «Davos der Notenbanker» – allerdings haben mit Mario Draghi und Thomas Jordan bereits zwei Grössen abgesagt. Ist die Lage zu labil?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Einmal im Jahr gegen Ende des Sommers treffen sich die wichtigsten Notenbanker, Ökonomen und weitere Grössen der Finanzwelt in Jackson Hole in den amerikanischen Rocky Mountains. Ende dieser Woche ist es wieder so weit. Es ist ein informelles Treffen, bei dem keinerlei Beschlüsse gefasst werden, das aber für Networker als wichtiger Anlass gilt. Fed-Chef Ben Bernanke ist dort, IWF-Chefin Christine Lagarde wird ihre Aufwartung machen und weitere Grössen der Finanzwelt lassen sich den Termin nicht entgehen. Jackson Hole wurde auch schon als «Davos der Notenbanker» bezeichnet.

In den letzten Jahren war beim wichtigen Treffen in den USA auch immer ein Vertreter der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vor Ort. Heuer allerdings nicht. Weder SNB-Präsident Thomas Jordan, noch ein anderes Mitglied des dreiköpfigen Direktoriums reisen in die USA. Begründung: Eine Terminkollision – es findet zu gleicher Zeit eine Sitzung des Bankrats statt – verhindere die Schweizer Teilnahme am Jackson-Hole-Treffen.

Blattner hält BIZ-Treffen für wichtiger

Verpasst die SNB damit nicht eine Chance? Müsste nicht gerade der bisher eher als zurückhaltend wirkende Thomas Jordan die Gelegenheit beim Schopf packen, um sich in der Welt der Notenbanker präsenter zu zeigen? «Jackson Hole gehört zu den wichtigsten Key-Events der Zentralbanken und ist entsprechend eine optimale Gelegenheit, um Kontakte auf internationaler Ebene zu knüpfen oder zu pflegen», sagt etwa der Schweizer Währungsspezialist Giuseppe Manieri von Premium Currency Advisers zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Der frühere SNB-Vize Niklaus Blattner äusserst sich im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet zurückhaltender: «Das ist eine sehr amerikanische Veranstaltung, die sicher interessant ist und bei der viele internationale Persönlichkeiten der Finanzwelt eingeladen sind. Ich halte allerdings andere Treffen für wichtiger, etwa die regelmässigen Zusammenkünfte bei der BIZ (Bank für internationalen Zahlungsausgleich, Anm. der Redaktion).»

Der 12. September wirft seinen Schatten voraus

Offenbar geht auch die Einschätzung von EZB-Präsident Mario Draghi in diese Richtung. Er hat am Dienstagmorgen seine Teilnahme kurzerhand abgesagt. Begründung: Zu viel zu tun in den nächsten Tagen. Tatsächlich könnte sich die Lage in der Eurozone kurzfristig zuspitzen. Als einer der wichtigsten Termine gilt der 12. September: Dann entscheidet das deutsche Verfassungsgericht, über die Teilnahme Deutschlands am Euro-Rettungsschirm. Ein Verbot könnte massive Turbulenzen für den Euro bedeuten.

Gemutmasst wurde, dass auch bei der SNB die Nervosität für eine Reise in die USA zu gross sein könnte. Cash.ch etwa erwähnt Parallelen zum letzten Jahr: «Am 5. September 2011 sagte Thomas Jordan eine Teilnahme an einer Bankenkonferenz in Frankfurt ab, was die Devisenmärkte aufhorchen liess. Tags darauf gab die SNB die Kursuntergrenze zum Euro bekannt.» Ein Kenner der Währungssituation, der namentlich nicht genannt werden will, sagte dazu: «Im derzeitigen Umfeld muss man auf der Hut sein. Ein falsches Wort, ein wichtiger Entscheid und die Situation kann kippen.» Dass hierbei die Motivation zur Teilnahme an nicht zwingenden Treffen abnimmt, ist nachvollziehbar.

Hildebrands Kontaktnetz

Dass die SNB mit ihrem Fernbleiben in Jackson Hole es verpasst, für ihre Kurspolitik zu werben, schätzt Blattner als nicht gravierend ein. «Für die Kursuntergrenze braucht es in diesem Rahmen keine Erläuterungen mehr. Nach der Einführung vom letzten September ist das doch weitgehend akzeptiert.» Selbst der IWF habe den Schritt der Nationalbank nachvollziehen können. Und was die vereinzelten Beispiele von Staaten betreffe, die von der Kurspolitik der SNB betroffen sein könnten, sagt Blattner: «Gesprächsbedarf haben allenfalls Länder wie Dänemark oder Australien, die möglicherweise von der Währungspolitik der SNB betroffen sind. Aber hier bestehen Kontakte, die man sowieso hat.»

Blattner selber war nie nach Jackson Hole gereist. «Ich war der Meinung, einer genügt», sagt er. Und das sei in der Regel der SNB-Präsident gewesen. «Kam hinzu, dass zu meiner Zeit die Treffen unter Alan Greenspan zu eigentlichen Lob-Veranstaltungen der amerikanischen Währungspolitik wurden.» Und dann fügt Blattner noch an: «Früher galt: Wer jung und ambitioniert ist, geht ans Jackson-Hole-Treffen.» Das traf für Philipp Hildebrand zu. Seine guten Kontakte in die internationale Finanzwelt haben viel mit dem Treffen in den USA zu tun. Jordan scheint diesbezüglich – zumindest bis jetzt – etwas zurückhaltender zu agieren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2012, 13:56 Uhr

Artikel zum Thema

Kein SNB-Vertreter an Notenbanker-Treffen in den USA

Geldpolitik Weder Präsident Thomas Jordan noch sonst ein Vertreter der Schweizerischen Nationalbank (SNB) nimmt am Treffen der wichtigsten Notenbanker Ende Woche in Jackson Hole (USA) teil. Mehr...

Mehr Macht für die Nationalbank?

Blog Never Mind the Markets Die Hong Kong Monetary Authority hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie die SNB. Warum die Schweiz bei der Diskussion um die Kompetenzen der Nationalbank nach Hongkong schauen muss. Zum Blog

Kann die SNB das Vorbild der EZB sein?

Hintergrund Unlimitierte Käufe für eine fixe Obergrenze: Die EZB äussert sich zu Medienberichten, wonach sie eine neue Taktik zur Lösung der Eurokrise anvisiert. Mehr...

Blogs

History Reloaded 30 Jahre Winter nach dem Prager Frühling

Michèle & Friends Wenn Spiegel überflüssig werden

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...