Kommen wir glimpflich davon?

Frankenschock, De-Industrialisierung, Rezession – die Auguren übertrafen sich mit Negativszenarien. Dabei sieht es gar nicht so schlecht aus.

Volle Einkaufswagen: Robuste Inlandnachfrage stützt Schweizer Wirtschaft.

Volle Einkaufswagen: Robuste Inlandnachfrage stützt Schweizer Wirtschaft. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Einen Verlust von 30'000 Jobs bis Ende Jahr hat Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, noch am Wochenende als Folge der Frankenstärke prognostiziert. Vogt warnte vor einer Arbeitslosenquote bis zu 4 Prozent. In vielen Betrieben seien die Bestellungen um 10 bis 15 Prozent eingebrochen. Schlägt die Krise nun voll durch?

Wachstumsprognose um 0,1 Prozent reduziert

In seiner am Dienstag veröffentlichten Prognose geht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) davon aus, dass die Schweizer Wirtschaft 2015 um 0,8 Prozent wachsen wird. Damit nimmt es seine Einschätzungen vom März (0,9 Prozent BIP-Wachstum) nur minim zurück. Gegenüber den Erwartungen vom Dezember 2014 handelt es sich allerdings um mehr als eine Halbierung, vor dem Wechselkursschock vom Januar war das Seco noch von einem Plus von 1,2 Prozent ausgegangen.

Arbeitslosenquote steigt leicht auf 3,5 Prozent

Das Seco spricht zwar von einer «schmerzhaften Anpassung der Wirtschaft an die Frankenstärke». Doch die Befürchtungen des Arbeitgeberpräsidenten bestätigt es nicht. Im Jahresdurchschnitt geht es von einer Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent aus (2014: 3,2 Prozent). Bis Ende Jahr erwartet das Staatssekretariat aber laut Eric Scheidegger, dem Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik, einen leichten Anstieg auf möglicherweise 3,5 Prozent. Eine Zunahme um 0,2 Prozentpunkte bedeutet durchschnittlich rund 8600 mehr Arbeitslose. Das Seco rechnet damit, dass sich die Arbeitslosenquote 2016 auf diesem Niveau einpendelt, das BIP aber im Jahresdurchschnitt um 1,6 Prozent wachsen wird. Auch hier lag die März-Prognose mit einem Plus von 1,8 Prozent nur minim höher.

Mit anderen Worten: Die Zahl der Arbeitslosen wird nicht um 30'000 emporschnellen. Die Schweizer Volkswirtschaft ist in der Lage, einen Teil des Frankenschocks zu absorbieren.

Kaufkraft dürfte steigen

Der wichtigste Grund liegt in der robusten Inlandnachfrage. Der private Konsum dürfte sogar etwas stärker zunehmen als noch im März erwartet. Scheidegger rechnet mit einer positiven Entwicklung der Reallöhne und einer stabilen Zuwanderung. Weil die Konsumentenpreise im laufenden Jahr um geschätzt 1 Prozent sinken, steigt unter dem Strich die Kaufkraft der Bevölkerung.

Leichte Rezession wahrscheinlich

Wie tiefe Spuren der Wechselkursschock hinterlässt, zeigt sich allerdings in einem Rückgang des BIP im ersten Quartal 2015 um 0,2 Prozent. Fast unausweichlich scheint derzeit auch eine leichte Schrumpfung im zweiten Quartal, wozu sich das Seco allerdings nicht äussert – in der zweiten Jahreshälfte dürfte die Wirtschaft wieder leicht wachsen.

Das heisst aber auch: Der rein technischen Definition zufolge wäre die Schweiz mit einem BIP-Rückgang in zwei Quartalen damit aber bereits in eine Rezession abgerutscht. Scheidegger relativiert das: «Wir stellen eine starke Konjunktureintrübung fest, um eine breite Rezession hingegen handelt es sich nicht.» Hinzu kommt, dass zufällige Effekte für den starken Einbruch der Exporte mitverantwortlich sind. So sind im ersten Quartal auch die Ausfuhren chemischer und pharmazeutischer Erzeugnisse zurückgegangen, die erfahrungsgemäss weniger auf Wechselkurse reagieren, sondern von Produktzyklen und Neulancierungen abhängig sind.

Tiefpunkt bereits überschritten

Den Optimismus des Staatssekretariats teilen nicht alle Auguren. «Die Seco-Prognose ist sehr zuversichtlich», sagt beispielsweise Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär. Er erwartet für 2015 nur ein BIP-Wachstum um 0,4 Prozent. Dennoch teilt Acket eine der wichtigsten Einschätzungen. Auch er geht von einer leichten Erholung in der zweiten Jahreshälfte aus. Die Wirtschaft verdaue derzeit den Währungsschock, hält Acket fest: «Jetzt spürt die Schweiz die Delle, wie die aktuellen Nachrichten aus der Unternehmenswelt zeigen, doch die Werte der vorlaufenden Indikatoren geben ein starkes Signal, dass wir den Tiefpunkt bereits hinter uns haben.»

Europäischer Binnenmarkt wächst wieder

Dass es wahrscheinlich bald aufwärtsgeht, lässt sich an einzelnen Komponenten des Schweizer Einkaufsmanagerindex PMI ablesen. Die Neubestellungen zum Beispiel sind im Mai auf einen Wert von 51,4 gestiegen (Werte über 50 Prozent entsprechen einer Ausdehnung). Eine eigentliche Deindustrialisierung der Schweiz befürchtet denn auch Acket nicht: «Vieles deutet darauf hin, dass die Schweiz den Währungsschock einigermassen glimpflich überstehen wird.» Das liege nicht zuletzt auch daran, dass das Land stärker vom Zustand der Wirtschaft in der Eurozone als vom Wechselkurs des Franken zum Euro abhängig sei. Und der Binnenmarkt in Europa wachse derzeit wieder.

Klar ist damit auch eins: Die Prognosen sind angesichts des ungewissen Verbleibs von Griechenland in der Eurozone mit einer beträchtlichen Unsicherheit behaftet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 14:33 Uhr

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