Komplizierte Eurokosmetik

Was bedeutet es, wenn Mario Draghi und die Europäische Zentralbank Negativzinsen einführen? Nützt es etwas, schadet es der Schweiz? Antworten auf die wichtigsten Fragen nach der EZB-Sitzung.

Muss die Eurozone durch die Krise navigieren: EZB-Präsident Mario Draghi.

Muss die Eurozone durch die Krise navigieren: EZB-Präsident Mario Draghi. Bild: Reuters

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Das Ergebnis aus der heutigen EZB-Sitzung lässt sich technisch wie folgt zusammenfassen: Die Zentralbanker um Mario Draghi stellen im Wesentlichen drei Massnahmen in Aussicht. Die erste davon ist eine Zinssenkung beim Leitzins und bei den Einlagezinsen für Banken bei der EZB. Sie wird sofort wirksam. Die zweite ist ein langfristiges Kreditprogramm für Banken namens TLTRO, das zielgerichtet Geld in die Realwirtschaft schleusen soll. Es ist ab September verfügbar. Drittens bereitet die EZB den Kauf von verbrieften Unternehmenskrediten, sogenannten ABS-Papieren, am Sekundärmarkt vor.

Zunächst noch ein Hinweis: In diesem Glossar von heute Morgen findet sich bereits eine Reihe von Fragen rund um die Politik der Europäischen Zentralbank. Darin ist unter anderem erklärt, warum die EZB überhaupt Bedarf zum Handeln sieht und welches die möglichen Werkzeuge im Kasten der Notenbanker sind.

Zum Nutzen der EZB-Massnahmen

Die primäre Frage nach dem heutigen Nachmittag ist, was die neuen Massnahmen der EZB nützen. VP-Bank-Chefökonom Thomas Gitzel schreibt dazu: «Die EZB kann sich allerhand einfallen lassen, [...] Erst eine höhere Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone bringt eine bessere Kapazitätsauslastung und damit eine höhere Inflation.»

Die Äusserung ist dahingehend zu deuten, dass die EZB für einige Peripheriebanken allenfalls die Verfügbarkeit von billigem Geld verbessern kann. Solange die Nachfrage nach diesem Geld aber schwach bleibt und das Kreditausfallrisiko bei Unternehmen hoch, ist auch die EZB machtlos. Der Eurokurs ist praktisch der einzige Hebel, den die Zentralbanker derzeit haben – im Vorfeld der Sitzung wurde er aufgrund der Erwartungen bereits betätigt. Ob der Euro weiter schwächer wird, ist fraglich.

Zu den Negativzinsen

Eine zweite dringende Frage ist: Führen Negativzinsen bei der EZB auch zu Negativzinsen für Sparer? Mario Draghi hat darauf in der Pressekonferenz selbst eine Antwort gegeben. «Die Zinsen sind für die Banken, nicht für die Sparer», sagte der Notenbankpräsident. Es bestehe zwar eine indirekte Verbindung zwischen den Einlagezinsen für Banken bei der EZB und den Zinsen, die Geschäftsbanken ihren Kunden offerieren.

Die EZB wolle aber nicht die Sparer enteignen, sondern das genaue Gegenteil: die Zinsen über eine verbesserte Konjunktur ultimativ wieder in normale Sphären heben. Dem ist nicht mehr viel beizufügen. Die Geschäftsbanken dürften ihre überschüssige Liquidität bei der EZB weiter abbauen, und damit hat es sich wohl.

Zu den Auswirkungen auf die Schweiz

Eine weitere Reihe von Fragen betrifft die Schweiz. Haben die tiefen beziehungsweise negativen Leitzinsen irgendwelche Auswirkungen auf hiesige Banken, Unternehmen oder Privatpersonen? Sind die Volkswirtschaft und die SNB betroffen? Alexander Koch, Ökonom bei der Raiffeisen-Bank, bemerkt dazu: «Die Zinsdifferenz zum Euroraum wird nicht attraktiver für Investoren, als sie es bereits im letzten Jahr war.»

DieAussage zielt auf den Geldmarkt, also den Markt für kurzfristige Ausleihungen in Euro oder in Franken. Der Geldmarktzins in Schweizer Franken harrt bereits seit Jahren nahe null. Der Zins für dreimonatige Euroausleihungen pendelte während des Jahres 2013 um 0,15 Prozent. 2014 tendierte er gegen 0,3 Prozent, nun dürfte er wieder auf den vormaligen Wert zurückgehen. Mit anderen Worten: Die Ausgangslage für alle genannten Akteure wird wieder dieselbe sein wie vor einem Jahr. Die SNB ist vorerst nicht gezwungen, Negativzinsen einzuführen, eine Flucht in den Franken ist nicht zu befürchten.

Zum längerfristigen Ausblick

Schliesslich ist die langfristige Wirtschaftsentwicklung ein Thema. Bleiben die Zinsen noch länger tief als bisher angenommen? Daniel Hartmann, Ökonom für die Eurozone bei der Bantleon Bank, bejaht dies. «Die Banken im Euroraum erhalten nun bis Ende 2016 uneingeschränkt Zentralbankgeld. Mario Draghi möchte dies als Unterstreichung seiner Forward Guidance verstanden wissen: Er will den Märkten versichern, dass die Zinsen auf längere Zeit tief bleiben.» Auch die lange Laufzeit der sogenannten TLTRO-Kredite (vier Jahre) und die günstigen Konditionen dieser Kredite deuten laut Hartmann auf eine längere Tiefzinsphase hin. Das würde auch die Schweiz betreffen.

Hartmann ist der Ansicht, dass die Konjunktur in der Eurozone im weiteren Jahresverlauf schwach bleibt, und nimmt deshalb an, dass die EZB noch dieses Jahr ein Quantitative-Easing-Programm ankündigt. Über ein solches Programm würde die Notenbank auch die langfristigen Zinsen senken, was der Wirtschaft zugutekäme. «Fürs Jahr 2015 gäbe dies einen Impuls», sagt Hartmann. Die EZB rechnet derzeit mit einem Wachstum von 1,7 Prozent für 2015 – was nicht formidabel ist, aber immerhin die 0,2 Prozent aus dem vergangenen Quartal deutlich übertrifft.

Erstellt: 05.06.2014, 17:58 Uhr

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