Krisenökonomie für Dummies

Die Lehren aus der Grossen Depression haben bisher eine Katastrophe verhindert. Das vergessen alle, die nur über hohe Staatsschulden klagen und die Gefahr einer neuen Hyperinflation an die Wand malen.

Geht Europa, weil es den Gürtel enger schnallen muss, die Luft aus? Karikatur zur Eurokrise vom rumänischen Zeichner Pavel Constantin.

Geht Europa, weil es den Gürtel enger schnallen muss, die Luft aus? Karikatur zur Eurokrise vom rumänischen Zeichner Pavel Constantin. Bild: Cagle Cartoons

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Wirtschaftspolitiker und Zentralbanker haben derzeit eine schlechte Presse: In der Eurokrise wird weitergewurstelt, und die Notenbanker führen uns mit einer aufgeblähten Geldmenge schnurstracks in eine Hyperinflation. So lautet das Urteil des mehr oder weniger aufgeklärten Laienpublikums. Dabei kann man das Ganze auch einmal ganz anders betrachten, nämlich so:

Die Weltwirtschaft durchläuft eine Krise, die sich in ihrem Wesen mit der Depression der 1930er in vieler Hinsicht vergleichen lässt: Geplatzte Immobilien- und Aktienblasen haben das Finanzsystem aus der Bahn geworfen. Viele Banken sind heute unterkapitalisiert und hängen am Tropf der Zentralbanken. Die Folgen für die reale Wirtschaft sind gravierend: Vor allem KMU erhalten keine Kredite mehr. Gleichzeitig haben Rezession und Massenarbeitslosigkeit die Nachfrage einbrechen lassen. Die Folge davon ist eine Verelendungsspirale. Eine Krise dieser Art ist nicht einfach eine harmlose Konjunkturschwäche, sie bedroht das System als Ganzes. Die Genesung dauert länger und ist sehr viel mühsamer.

Unterschiede zu damals

So weit die Gemeinsamkeiten. Doch es gibt auch bedeutende Unterschiede. Zu Beginn der 1930er-Jahren ist das amerikanische Bruttoinlandprodukt (BIP) um rund einen Drittel eingebrochen. In der aktuellen Krise waren es rund fünf Prozent. Das war nicht einfach Glück, sondern das Resultat einer bewussten Wirtschafts- und Geldpolitik. Ohne den 800-Milliarden-Dollar-Stimulus der Regierung und ohne die expansive Geldpolitik des Fed wäre die Wirtschaft abgeschmiert wie in den 1930er-Jahren. Auch in Europa haben Konjunkturprogramme – die sehr erfolgreiche Verlängerung der Kurzarbeit in der Schweiz und Deutschland beispielsweise – Schlimmeres verhindert. Zumindest anfänglich sind also die Lehren aus der Grossen Depression gezogen und befolgt worden.

Trotzdem herrscht Katerstimmung, vor allem im Westen. Das liegt daran, dass eine grundlegende Regel der Krisenökonomie nicht akzeptiert wird. Sie lautet: Die Summe der Sparüberschüsse des privaten Sektors, des öffentlichen Sektors und das Delta der Leistungsbilanz muss null ergeben. Ist dies nicht der Fall, dann schrumpft das BIP. In einer Krise wie der aktuellen erhöht der private Sektor seine Sparbemühungen quasi automatisch. Wenn Häuser an Wert und Aktien schlagartig massiv an Wert verlieren, dann verlieren die Konsumenten auch die Lust am Konsumieren, und wenn dies der Fall ist, dann verlieren die Unternehmen die Lust am Investieren.

Keine Wissenschaft sondern simple Mathematik

Tritt in dieser Situation auch noch der öffentliche Haushalt auf die Sparbremse, dann muss diese Volkswirtschaft einen massiven Überschuss in der Leistungsbilanz erzielen, um das Abgleiten in eine Verelendungsspirale zu verhindern. Das gelingt derzeit Ländern wie der Schweiz oder Deutschland, die nach wie vor grosse Exporterfolge verzeichnen. Die USA, Grossbritannien und natürlich die europäischen Defizitsünder hingegen verzeichnen nach wie vor Defizite in der Leistungsbilanz. Mit anderen Worten: Wenn der Staat sich nicht verschuldet, gleitet die Wirtschaft zwangsläufig in die Depression. Das hat nichts mit Keynes oder Sozialismus zu tun, das ist simple Mathematik.

Zu Beginn der Krise wurde diese Logik noch anerkannt, jetzt wird sie wieder über den Haufen geworfen. Vor allem der Mainstream der deutschen Ökonomen setzt auf die Rezepte der «schwäbischen Hausfrau». Will heissen: Jede Krise, ob Privathaushalt, Unternehmen oder Staat, ist grundsätzlich gleich und kann daher nur mit dem gleichen Mittel bekämpft werden: mit Sparen.

Die Option der Schweiz haben die meisten nicht

Solange Deutschland seine Exporterfolge aufrechterhalten kann, kann es auch weiter an die Illusion der schwäbischen Hausfrau glauben. Die anderen hingegen nicht: Die Defizitsünder sind bereits in der Schuldenfalle, das heisst: Trotz Sparbemühungen nehmen die Schulden in Prozent des BIP zu. Die USA und Grossbritannien, die inzwischen ebenfalls auf einen Austeritätskurs eingeschwenkt haben, taumeln am Abgrund einer neuen Rezession.

Heute beherrschen Staatsschulden und aufgeblähte Geldmengen der Notenbanken die Diskussion. Dabei handelt es sich ohne Zweifel um reale Gefahren. Doch die Option der Schweiz und Deutschland haben die meisten Länder nicht. Erstens dauern Strukturreformen lange und zweitens muss auch die Summe aller Exporte null ergeben, zumindest solange wir nicht mit Ausserirdischen Geschäfte machen. Um eine Depression wie in den 1930er-Jahren zu verhindern, müssen die meisten Länder somit bis auf weiteres mit höheren Staatsschulden leben.

Erstellt: 11.07.2012, 17:35 Uhr

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