Kurzarbeit wegen Schneemangels

Frankenstärke als Grund für Kurzarbeit: Das dürfte die Schweizer Tourismusbranche freuen, die seit Jahren unter dem starken Franken leidet – könnte man meinen.

Restaurants können in der Tourismusbranche am ehesten von Kurzarbeit profitieren: Feriengäste in einem Bergrestaurant mit Sicht auf das Matterhorn.

Restaurants können in der Tourismusbranche am ehesten von Kurzarbeit profitieren: Feriengäste in einem Bergrestaurant mit Sicht auf das Matterhorn. Bild: Jörg Schmitt/Keystone

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Die seit Jahren vom starken Franken gebeutelte Schweizer Tourismusbranche erlebte vor zwei Wochen den nächsten Schlag, als die Schweizerische Nationalbank den Euro-Franken-Mindestkurs aufhob. Nun gab Bundesrat Johann Schneider-Ammann grünes Licht, dass Kurzarbeit mit der Frankenstärke begründet werden kann. Dies dürfte vor allem in der Schweizer Exportindustrie mit Erleichterung aufgenommen worden sein. Wie sieht es in der Tourismusbranche aus, die ebenfalls zur Exportindustrie zählt?

Im Bündnerland haben sich bereits einige touristische Betriebe zum Thema Kurzarbeit erkundigt – rund ein halbes Dutzend, wie Paul Schwendener vom Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit Graubünden (Kiga) auf Anfrage sagt. «Es herrscht kein grosser Andrang, und für Kurzarbeit hat sich seit dem Entscheid des Bundesrats noch kein Betrieb angemeldet.» Die touristischen Betriebe hätten in Sachen Kurzarbeit ohnehin wenig Möglichkeiten: «In diesem Sektor arbeiten viele saisonal Angestellte, deren Verträge befristet sind. Und bei diesen kann die Entschädigung für Kurzarbeit nur ausgerichtet werden, wenn die Verträge kündbar sind», so der Amtsleiter.

Schwendener erwartet auch weiterhin keinen Ansturm von touristischen Betrieben bezüglich Kurzarbeitsentschädigung. Eher erwartet er, dass in den kommenden Saisons – falls der Eurokurs tief bleibe – weniger Arbeitsverträge abgeschlossen werden, insbesondere befristete. Wie der Amtsleiter erklärt, werden keine Umsatzverluste der Betriebe entschädigt, sondern nur die Zeit, in der das Personal tatsächlich weder arbeite noch im Betrieb erscheinen müsse. «Wenn die Angestellten bei zu wenig Gästen im Restaurant herumstehen, haben sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung.»

Kurzarbeit mangels Schnee

Das Hotel Piz Mitgel im bündnerischen Savognin hat zwar auf Kurzarbeit verzichtet. Besitzer Sepp Waldegg hat jedoch das Haus während der letzten Woche geschlossen, um den finanziellen Schaden in Grenzen zu halten. Die Belegung sei für diese Zeit ohnehin nicht gut gewesen, so Waldegg zur «Südostschweiz», und nach dem Eurodebakel seien auch noch die letzten Gäste abgesprungen. Ob andere Hotels ebenfalls ihre Tore vorübergehend schliessen, davon hat Schwendener vom Kiga keine Kenntnis. «Immerhin können Hotelangestellte in der Zeit der Schliessung Ruhetage und Überzeit kompensieren», erklärt er.

Beim Berner Wirtschaftsamt (Beco) sind seit der Aufhebung des Euromindestkurses weder Anfragen noch Gesuche für Kurzarbeit aus der Tourismusbranche eingegangen, wie Marc Gilgen von der Geschäftsleitung auf Anfrage sagt. «Anfang Januar, noch vor dem Entscheid der Nationalbank, bewilligten wir jedoch fünf Gesuche für Kurzarbeit von Gastronomie- und Bergbahnbetrieben im Berner Oberland.» Als Grund sei jedoch fehlender Schnee angegeben worden, so Gilgen.

Mindestpräsenz – egal, wie viele Gäste kommen

Trotzdem befassen sich die Verantwortlichen der Bergbahnunternehmen «intensiv mit der Frage, wie sie den Auswirkungen der Frankenstärke begegnen können», wie Andreas Keller, Sprecher von Seilbahnen Schweiz (SBS), zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. «Je nach Situation kann Kurzarbeit eine Option unter vielen sein.» Doch sie werde in der Bergbahnbranche eher selten angewandt, um Krisen zu überbrücken. Unabhängig vom Gästeaufkommen bei Bahnen oder auf Pisten brauche es praktisch immer gleich viele Mitarbeitende, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, so Keller. Die Arbeitszeit der Mitarbeitenden zu reduzieren, sei deshalb kaum praktikabel. «Wenn schon, dann müssten die Skigebiete die Betriebszeit einschränken, was aber kaum im Sinne der Gäste wäre.»

Ins gleiche Horn bläst der Branchenverband Hotelleriesuisse: Eine Mindestpräsenz an Mitarbeitenden sei nötig, weil die Hoteliers ihre Dienstleistungen rund um die Uhr und in hoher Qualität zur Verfügung stellen müssten, sagt Sprecherin Corinne Seiler auf Anfrage. «Ist die Qualität nicht gewährleistet, werden noch mehr Gäste wegbleiben.» Weil zudem viele Arbeitskräfte in der Saison- und Ferienhotellerie mit befristeten Verträgen angestellt seien, werde diese Massnahme dem Tourismus nur ungenügend Erleichterung bringe.

Auch beim Verband Gastro Suisse ist man kritisch: «Insbesondere für Dienstleistungsbranchen wie das Gastgewerbe ist die Einführung von Kurzarbeit nicht einfach», sagt Casimir Platzer, Präsident Gastro Suisse. «Gerade für kleinere gastgewerbliche Betriebe wird es schwierig sein, Kurzarbeit so anzuwenden, dass man die Leistung dem Gast gegenüber erbringen kann.» Eine Hotelréception beispielsweise müsse bedient sein, auch wenn weniger Gäste ankommen. Noch sei es jedoch verfrüht, um über konkrete Erfahrungen zu berichten, so Platzer.

Erstellt: 29.01.2015, 19:46 Uhr

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