Löst dieser Fisch ein Ernährungsproblem?

In Österreich wird die uralte Teichwirtschaft zur Karpfenzucht wiederbelebt. Die Ernährungsorganisation der UNO sieht darin ein Vorbild.

Der Karpfen braucht ein neues Image – als attraktiver Speisefisch. Foto: Youtube

Der Karpfen braucht ein neues Image – als attraktiver Speisefisch. Foto: Youtube

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Aus dem Hinterhof im Wiener Arbeiterquartier Ottakring dringt das Aroma von gebratenem Fisch auf die Strasse. Drinnen steht ein bulliger Koch an einem ebenso bulligen Grill und brät Forellen und Karpfen. Manche kommen auf Stecken zu den Gästen, andere als Fish & Chips. Sie sind knusprig, würzig und doch nicht fett. «Die Leute essen Karpfen nicht gerne», bedauert Marc Mössmer, der in der Stadt Fische verkauft und an Wochenenden zur Verkostung lädt. «Dabei ist er der ideale Biofisch.»

Mössmers Fische kommen aus seinem Teich in Heidenreichstein, einer kleinen Stadt im Waldviertel, 140 Kilometer nordwestlich von Wien, dicht an der tschechischen Grenze. Dort ernähren sie sich von den Kleinstlebewesen im Wasser, als Zufutter gibt es nur Getreide aus der Region. Auf Fischmehl wird verzichtet.

Eindruck beim hohen Besuch

Vor über 20 Jahren hat Mössmer die ökologische Fischproduktion in seiner Region aufgebaut und sie als Qualitätsmerkmal vermarktet. «Wir haben Richtlinien erarbeitet», sagt er heute nicht ohne Stolz, «die sind heute in der EU und in der Schweiz Standard.» Die Aquakulturen im Waldviertel beeindruckte unlängst den Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO): Mit ihrer 700-jährigen Tradition könne die Teichwirtschaft Österreichs ein wertvoller Wegweiser in die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion sein, erklärte José Graziano da Silva nach einem Besuch. «Es ist ein komplexes Ökosystem mit Teichen, Feldern und Wäldern, die nachhaltig bewirtschaftet werden.»

Für die FAO sind sogenannte Aquakulturen – die kontrollierte Aufzucht von Fischen, Muscheln, Krebsen oder auch Algen – die Zukunft der Fischproduktion. Die Weltmeere sind leer gefischt, weiteres Wachstum der Fischerei könne nur mehr durch solche Anlagen erreicht werden, sagen die Ernährungsexperten. Heute stammt bereits jeder zweite verzehrte Fisch aus Aquakulturen. Während zu Beginn der 1970er-Jahre noch bescheidene 3 Millionen Tonnen Fisch in kontrollierten Anlagen produziert wurden, waren es 2012 schon fast 67 Millionen Tonnen. 89 Prozent der Anlagen befinden sich im asiatisch-pazifischen Raum, auf Europa entfallen nur 4,2 Prozent. Die grössten Produzenten sind Vietnam und China.

Antibiotika im Wasser

Mit ökologischen Standards oder biologischer Produktion haben diese Länder freilich keine Erfahrung und daran auch kein Interesse. Fisch muss schnell und billig produziert werden. Die Produktionsstätten sind klein, die Fischmengen gross. Um die Ausbreitung von Krankheiten zu vermeiden, werden Antibiotika ins Wasser geschüttet, was aber die Resistenzen fördert – nicht nur bei den Tieren, sondern auch bei den Menschen, die sie essen.

In Europa will man nun andere Wege gehen und die uralte Tradition der ökologischen Fischzucht wieder aufleben lassen. Schon im Mittelalter war die Teichwirtschaft überall dort entwickelt, wo es Klöster gab. Auch in der Schweiz. Mit der Entwicklung des industriellen Fischfangs im 19. Jahrhundert verloren die Teiche aber an Bedeutung und wurden zugeschüttet, um Ackerboden zu gewinnen. Zudem änderten sich Ernährungsgewohnheiten: Der wichtigste Bewohner der Teiche, der Karpfen, galt in Mitteleuropa auf einmal als zu fett und ungeniessbar. Ausserdem wurden mit der Regulierung von Flüssen die Möglichkeiten zur Fischerei eingeschränkt, und damit ging auch das Wissen über die Zubereitung von Fischen verloren.

Aquakulturen wie hier vor den Toren Wiens können das Ernährungsproblem lindern. Foto: Biofisch.at

Nur in wenigen Regionen konnte sich die Teichwirtschaft halten: in Böhmen und Mähren, im Waldviertel oder in der Südsteiermark. Aus diesen Regionen heraus möchte die FAO die Teichwirtschaft jetzt wieder grossflächig beleben. Eva Kovacs, FAO-Expertin für Fischproduktion, sieht sehr grosses Potenzial in Regionen, in denen die Böden durch extensive Bewirtschaftung ausgelaugt wurden: Alte, längst aufgegebene Teiche könnten reaktiviert werden. In der EU gibt es dazu vor allem Bestrebungen in Rumänien und Bulgarien. Österreich will mit der Strategie «Aquakultur 2020» den Grad der Selbstversorgung bei Süsswasserfischen von derzeit 34 Prozent auf 60 Prozent in vier Jahren erhöhen. Vor allem die Produktionsmengen von Forellen sollen gesteigert werden.

10 Kilo Futterfisch für ein Kilo Forelle

Unumstritten ist diese Strategie nicht: Forellen brauchten wenig Platz, müssten aber mit Fischmehl gefüttert werden, erklärt Biofischbetreiber Marc Mössmer. Damit tragen diese beliebten Süsswasserfische ebenfalls zur Über­fischung der Meere bei: «Für die Pro­­duktion eines Kilos Forelle brauche ich 10 Kilo Futterfisch», sagt er. Karpfen hingegen stehen unten in der Nahrungspyramide. Sie können sich von dem ernähren, was sie in den Teichen finden. Der einzige Nachteil: Die Fischteiche müssen gross sein. Und der Karpfen braucht ein neues Image – als attraktiver Speisefisch.

Ausserhalb der Europäischen Union bemüht sich die FAO vor allem in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, den Menschen längst vergessene Techniken der Fischzüchtung in Erinnerung zu rufen. Zuletzt bot die Organisation Trainingskurse für Bauern in Georgien an, ein Programm für Tadschikistan ist in Vorbereitung. Dabei arbeite man mit den Fischzüchtern vor Ort zusammen, erklärt Expertin Kovacs: «Wenn wir Ausländer mit neuen Ideen kommen, werden wir von den einheimischen Bauern mit Misstrauen empfangen. Sie müssen erst sehen, dass es funktioniert. Und wir müssen in kleinen Schritten vorgehen. Viel Wissen ist in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Das müssen die Menschen jetzt wieder erwerben.»

Viel Geld, kein Know-how

Höchst umstritten sind hingegen die sogenannten Kreislaufanlagen: Fischtanks, bei denen das Wasser mechanisch gesäubert, biologisch und chemisch aufbereitet wird und immer wieder verwendet werden kann. Die einen sehen solche Anlagen als Zukunft der kontrollierten Zucht, die anderen als teure Sackgasse und Tierquälerei, vergleichbar mit der Massentierhaltung von Hühnern.

Westliche Industrieländer wie Norwegen, Frankreich oder Österreich unterstützen die neue Technologie. Die FAO ist eher skeptisch, weil solche Kreislaufanlagen hohe Investitionen und enormes technisches Wissen verlangten, für den Einsatz in Schwellenländern damit eher unbrauchbar seien. Noch klarer drückt sich Biofischer Mössmer aus: Wirtschaftlich seien solche Anlagen kaum zu betreiben, schon ein ganz kleiner Fehler könne viele Tonnen Fisch vernichten: «Das ist nur etwas für Staaten, die viel Geld haben, aber nichts über Fische wissen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 19:23 Uhr

Collection

Die Lösung

Artikel zum Thema

Bestand der Meerestiere hat sich innert 40 Jahren halbiert

Der WWF schlägt Alarm: Seit 1970 hat die Artenvielfalt der Weltmeere stark abgenommen. Grund dafür sei unter anderem der Appetit des Menschen auf Fisch. Mehr...

Grosse Nachfrage nach Bachser Biofischen rechtfertigt Aufwand

Die Familie Glauser züchtet in Bachs in 17 Teichen Bio­forellen. Bis zu 20 Tonnen pro Jahr verkauft sie in Restaurants und auf Märkten. Mehr...

Fischer sind sich uneinig, was Fischzucht dem See bringt

Berufsfischer zeigen sich empört über die Vorwürfe von Naturschützern, der See sei ein Zuchtbecken. Sie sehen sich vielmehr als Bewahrer der Artenvielfalt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Unfassbar nervig: Bücher einfassen

Von Kopf bis Fuss 5 Trainings-Mythen im Test

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Besser als schlechte Nachrichten

Was halten Sie von konstruktivem Journalismus? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil. Mehr...

Umweltfreundlich Wein trinken

Infografik Die Ökobilanz von Schweizer Weinen ist schlecht. Neue Studien zeigen Verbesserungsmöglichkeiten. Mehr...

Wo selbst der Tod seinen Schrecken verliert

Mit dem Alter kommt Gelassenheit. Das zeigen die Bewohner des Alterszentrums Sydefädeli. Mehr...