«Manchmal wünsche ich mir, mächtig zu sein»

Wenige Frauen sind einflussreicher als Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Ex-Finanzministerin Frankreichs.

Frauen können besser mit Macht umgehen als Männer, ist IWF-Chefin Christine Lagarde überzeugt. Quelle: LENA

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Die 59-jährige Christine Lagarde ist «smart», «kompetent», «charmant», «zäh», «eine gute Managerin», «anständig», «ehrgeizig», «elegant», «attraktiv». Dies sind einige der Attribute, mit denen andere Wirtschaftsführer, Politiker, Journalisten, Bekannte und Kollegen sie gewöhnlich beschreiben. «Sie strahlt», hat Dominique Moisi, ein französischer Akademiker, einmal über sie gesagt. Lagardes Name ist regelmässig auf den Listen der einflussreichsten Personen der Welt zu finden, und sie wird häufig zusammen mit Angela Merkel und Janet Yellen, der Präsidentin der US-Notenbank, als eine der drei mächtigsten Frauen der Welt genannt.

Ich hatte mich für unser ausführliches Gespräch mit Frau Lagarde in ihrem Büro im Hauptsitz des IWF in Washington verabredet. Sie wurde von drei ihrer Mitarbeiter begleitet (die während des gesamten Interviews kein Wort sagten) und bot mir zuallererst eine Dattel an. Ich las ihr die Liste der Merkmale vor, die für gewöhnlich mit ihr in Verbindung gebracht werden. «Bei ‹ehrgeizig› bin ich mir nicht so sicher», antwortet sie schnell. «Na ja ... schauen Sie sich mal um», antworte ich, während ich mich daran erinnere (es aber nicht erwähne), mit welcher Vehemenz sie damals auf der ganzen Welt – von China über Brasilien bis nach Russland oder Japan – für die Stimmen geworben hatte, die ihr noch zur Ernennung als geschäftsführende Direktorin des IWF fehlten. «Ob ich intelligent oder attraktiv bin, müssen andere beurteilen, aber ich wehre mich gegen ‹ehrgeizig›, weil es ganz einfach nicht stimmt», beharrt Lagarde.

Sie empfindet «ehrgeizig» offensichtlich nicht als echtes Kompliment und ist der Meinung, dass Ehrgeiz nicht viel mit ihrer äusserst ansehnlichen Karriere in der Privatwirtschaft und in öffentlichen Ämtern, auf zwei Kontinenten, als Rechtsanwältin, als Politikerin, als eine der einflussreichsten Entscheidungsträgerinnen der Welt und sogar als mögliche Präsidentin von Frankreich zu tun hat. Einflussreiche Positionen hat sie während ihrer Karriere laufend bekleidet. Aber eigentlich, so erzählt sie mir, fühle sie sich gar nicht so mächtig. «Manchmal wünsche ich mir, es zu sein,» sagt sie, «weil ich dann eine echte Chance hätte, die Arbeitslosigkeit zu verringern, die Bedingungen für Wachstum zu schaffen und gesunden Menschenverstand in Besprechungszimmer zu bringen, in denen es zu viel Testosteron und zu grossen Egoismus gibt … das würde ich gern erreichen, aber ich kann es nicht.»

Die Lage der Weltwirtschaft

Befindet sich die Weltwirtschaft in einer länger andauernden Periode verlangsamten Wachstums, also dem, was Wirtschaftswissenschaftler als «säkulare Stagnation» bezeichnen? Lagarde zieht den Begriff «neue Mittelmässigkeit» zur Beschreibung der Situation vor. Die Weltwirtschaft sei in den letzten zwei Jahren, genau wie in diesem Jahr, um durchschnittlich 3,5 % gewachsen, und das entspräche dem mittleren Wachstum in den letzten zwei Jahrzehnten. Die aktuelle Lage weiche deshalb nicht gross vom Standard der letzten zwanzig Jahre ab. Was sich verändert habe, bemerkt Lagarde mit Besorgnis, sei die Art des Wachstums. «Es schafft nicht genügend neue Jobs, und die Verteilung der neu geschaffenen Arbeitsplätze steht nicht im Einklang mit bestehenden Bedürfnissen. Ausserdem führt das Wachstum nicht zu einer ausreichenden Steigerung der Produktivität, wobei erstaunlicherweise gerade die Schwellenländer, die ausreichend Potenzial für ein viel schnelleres Wachstum haben, dies nicht tun.»

Auf meine Frage, ob dieses unzureichende Wachstum etwas mit den Sparprogrammen zu tun habe, die nach der Krise von 2008 in vielen Ländern eingeführt wurden, antwortet Lagarde, dass die Diskussion um Sparmassnahmen und Wachstum am Kern der Sache vorbeigehe. «Sie schliessen sich nicht gegenseitig aus. Haushaltsdisziplin und ein starkes Wachstum sind gleichzeitig möglich», sagt sie. Mit der Antwort demons­triert sie Pragmatismus, die Versöhnung von Differenzen und den Verzicht auf ­rigide Haltungen, Dogmen und ideologische Scheuklappen.

Das zeigt sich auch, als ich das Thema der ökonomischen Ungleichheit anspreche, das in der Vergangenheit eher selten ganz oben auf der Tagesordnung des IWF stand. Christine Lagarde widmet ihm viel Aufmerksamkeit. Thomas Piketty, der berühmte französische Ökonom, behauptet, die wachsende ökonomische Ungleichheit entstünde durch Kräfte, die tief im kapitalistischen System verwurzelt sind. Stimmt sie dem zu? Lagarde vermeidet es, direkt darauf einzugehen: «Ich bin der Meinung, dass das kapitalistische System ausreichend Spielraum für Innovationen bietet, und glaube an die Kräfte des Marktes, allerdings in einem regulatorischen Umfeld, das den Staaten die Instrumente an die Hand gibt, um auf Ungleichheiten zu reagieren.» Als Gründe für die Ungleichheit nennt sie « die technologische Entwicklung, aber auch den Finanzmarkt, weil sich hier immense Mittel in den Händen einer kleinen Gruppe von Leuten konzentrieren. Aber ich würde auch Kultur als einen Faktor nennen, insbesondere wenn durch sie die Möglichkeiten für Frauen eingeschränkt werden. Und natürlich Korruption.»

Ungeduld gegenüber Bankern

Auf dem jährlichen Wirtschafts- und Regierungsgipfel in Davos habe ich einmal ihre Ungeduld gegenüber Bankern mitbekommen. Damals, auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise, war Lagarde noch die Finanzministerin Frankreichs. Viele der international einflussreichsten Banker ergriffen das Wort und lobten sie für ihre ausgezeichnete Arbeit. Lagarde unterbrach sie schroff und forderte sie auf, statt sich in Schmeicheleien zu üben, ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen, nämlich Kredite zu vergeben. Als ich sie an diesen Moment erinnere, nickt sie und lächelt: «Ja, stimmt, ich habe mir an diesem Tage nicht gerade viele Freunde gemacht.»

Ob es sie beschäftigt, dass es gerade die Armen und die Mittelklasse sind, welche die Hauptkosten der Finanzkrise zu tragen haben, und nicht so sehr die Financiers und Banker, die viele der Entscheidungen getroffen haben, durch die das Problem erst entstanden ist? «Ja, das beschäftigt mich sehr», sagt Lagarde, «und deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dies zu ändern. Wenn eine Bank früher in Schwierigkeiten geriet und gerettet werden musste, wurde das mit dem Geld des Steuerzahlers erledigt. Mittlerweile haben wir ein System geschaffen, das die Anteilseigner der ­Finanzinstitutionen, die in Schwierigkeiten geraten, in die Pflicht nimmt», so Lagarde.

Ist das globale Finanzsystem inzwischen sicherer? «Ja, die Regierungen verfügen mittlerweile über die rechtlichen Grundlagen, den Einfluss und die Befugnis für ein effektiveres Vorgehen.» Ob die hohe Konzentration von Vermögen innerhalb weniger grosser Institute sie beunruhige? «Ja, und zwar aus zwei Gründen. Die übermässige Konzentration schränkt den Wettbewerb ein – und das ist nicht gut. Als ehemalige Managerin bin ich ausserdem der Meinung, dass Unternehmen, die zu gross und komplex werden, nur noch schwer zu managen, geschweige denn haftbar zu machen sind».

Streitpunkt Griechenland

Die Direktorin des IWF wurde dafür kritisiert, früher «zu weich» und mittlerweile «zu hart» gegenüber der griechischen Regierung aufzutreten. Dazu sagt Lagarde: «Wir haben uns die fiskalpolitischen Auflagen für einige Länder noch einmal angesehen und sind zu dem Schluss gekommen, dass die von den Europäern verlangten Anstrengungen in Umfang und Wesen grösser waren als das, was wir dem Nahen Osten, also Ländern wie Jordanien, Tunesien oder Marokko, abverlangt haben».

Lagarde hatte sich gerade mit dem griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis getroffen, der erklärte, allen seinen Verpflichtungen gegenüber allen seinen Schuldnern nachzukommen. Ob sie das glaube, frage ich. «Ich glaube nur den Aussagen, die er mir gegenüber abgegeben hat. Und die besagen, dass Griechenland den diese Woche fällig werdenden Verpflichtungen nachkommen wird». Lagarde räumt jedoch ein, dass ihr die mittelfristigen Aussichten für die griechische Wirtschaft Sorgen bereiten, und fügt hinzu, dass noch viel Arbeit anstehe und einiges an Kooperation und gutem Willen erforderlich sei.

Optimistisch zu Europa

Weist das europäische Projekt strukturelle Fehler auf? «Seit der Finanzkrise hat Europa enorme Fortschritte gemacht», sagt sie. «Viele Probleme wurden gelöst, und im Endergebnis ist Europa heute stärker als jemals zuvor.» «Mag sein», antworte ich und wende ein, dass viele Europäer arbeitslos sind, ihre soziale Absicherung entweder beschnitten wurde oder bedroht ist und die Zukunft ihrer Kinder nicht gerade rosig aussieht, Ungleichheiten und soziale Spannungen nehmen immer mehr zu. «Das ist mir bewusst», sagt dazu Lagarde. «Ich habe über das europäische Projekt gesprochen, nicht über den erreichten Fortschritt. Unser gemeinsames Projekt ist mittlerweile gefestigter, stärker und verfügt über bessere Abwehrmechanismen. Aber es gibt noch eine Menge Arbeit in Hinblick auf strukturelle Reformen und bei den Infrastrukturinvestitionen. Diese zwei Instrumente sind zur Stimulation von Wachstum unerlässlich.»

Und Deutschland? In der Vergangenheit hat Lagarde keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über Angela Merkel und ihr Zögern gemacht, bei der Stimulierung der europäischen Volkswirtschaften aggressiver vorzugehen. Ob diese zögerliche Haltung Teil von Merkels Ideologie sei, frage ich sie. Nach langem Zögern antwortet Lagarde, dies sei keine Ideologie, sondern eher Ausdruck «einer Mentalität, die unter deutschen Steuerzahlern weit verbreitet ist». Sie nennt dann die vielen Vorteile, die Deutschland aus Europa gezogen hat – vom Euro bis hin zur grösseren Mobilität von Arbeit – und wie diese europaweit geltenden Faktoren seine exportabhängige Wirtschaft gestärkt haben. Sie begrüsst aber, dass die Gehälter in Deutschland gestiegen sind, was dazu führt, dass sich die Lohnkosten deutscher Exporte an die des übrigen Europas angleichen. Positiv findet sie auch, dass Deutschland ehrgeizige Infrastrukturprogramme auf den Weg bringt. Die öffentlichen Investitionen in Deutschland sind bisher weitaus geringer ausgefallen als in anderen Ländern Europas.

Mehr Frauen an der Spitze

Lagarde hat immer die Notwendigkeit betont, Frauen in einflussreiche Positionen zu bringen, und allgemein mehr Chancen für Frauen zu schaffen. Sie hat auch aus ihrer Enttäuschung, dass alle 24 Aufsichtsratsmitglieder des IWF Männer sind, keinen Hehl gemacht. «Ich kann daran nichts ändern, weil sie von ihren Regierungen ernannt wurden, aber ich freue mich, dass in den führenden Positionen des Fonds mittlerweile viele Frauen anzutreffen sind», erklärt sie. Für Lagarde ist die Berufung von Frauen in leitende Positionen nicht nur eine Frage der Fairness. Sie ist wirklich überzeugt davon, dass Frauen besser mit Macht umgehen können als Männer, und hat sich auch nicht gescheut, diese Überzeugung öffentlich zu vertreten.

Erstellt: 10.04.2015, 23:13 Uhr

Moisés Naím

Der Autor ist «Distinguished Fellow» des Carnegie Endowment for International Peace in Washington und Autor des kürzlich erschienenen Buchs «The End of Power».

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