Analyse

Miserable Konjunkturdaten – boomende Börsen

Wegen düsterer Prognosen zählen Investoren darauf, dass die EZB die Zinsen senkt. Das treibt derzeit die Aktienkurse. Wie nervös die Anleger dennoch sind, zeigte der Zwischenfall mit einer falschen Twitter-Meldung.

Wohin geht denn nun die Reise? Händler an der Frankfurter Börse. (Archivbild, Dezember 2011)

Wohin geht denn nun die Reise? Händler an der Frankfurter Börse. (Archivbild, Dezember 2011) Bild: Kai Pfaffenbach/Reuters

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Im letzten Quartal 2012 ist die deutsche Wirtschaft um 0,6 Prozent geschrumpft. Die Indikatoren, beispielsweise der Markit-Index (ein privater Wirtschaftsinformationsdienst), signalisieren eine weiterhin anhaltende Schwäche. In Spanien gibt es keine Anzeichen für einen Aufschwung, im ersten Quartal 2013 ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 0,5 Prozent gefallen. Insgesamt befindet sich die Wirtschaft der Eurozone seit fünf Quartalen in einer Rezession, auch für das laufende Quartal wird mit einem Minuswachstum gerechnet. Eigentlich müsste die Stimmung an den europäischen Börsen im Keller sein.

Die Investoren sind euphorisch. Der französische Börsenindex CAC 40 schloss gestern 3,6 Prozent höher. Generell verzeichneten die wichtigsten europäischen Börsenindizes ein Plus von über 2 Prozent. Auch der SMI legte 2,54 Prozent zu, der Euro Stoxx 50 gar 3,07 Prozent. Haben die Börsenhändler etwas Falsches geraucht? Nein, sie setzen darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt handeln muss. «Es ist nicht mehr eine Frage, ob, sondern wann die EZB die Leitzinsen senken wird», teilte beispielsweise die japanischen Bank Nomura gestern ihren Kunden in einem Newsletter mit.

Auslaufmodell Austeritätspolitik

Diese Hoffnung steht auf solidem Fundament. In Europa ist ein Stimmungsumschwung im Gang, die Austeritätspolitik wird zum Auslaufmodell. Selbst der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, hat am Montag in einer viel beachteten Rede erklärt, eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik müsse auch «auf politische und soziale Unterstützung» zählen können. Der harte Sparkurs, den Brüssel in den letzten Jahren eingeschlagen hat, kann kaum mehr auf diese Unterstützung zählen.

Die Stimmung in den Defizitländern ist explosiv geworden. Auch im Norden beginnen die Menschen, ihre Meinung zu ändern. In den Niederlanden beispielsweise werde die Austeritätspolitik täglich unpopulärer und die Wirtschaftszahlen täglich schlechter. Wahrscheinlich werden dieses Jahr auch die Holländer die Schmerzgrenze der jährlichen Neuverschuldung – drei Prozent des BIP – überschreiten. Selbst die deutschen Musterknaben sind in Gefahr, in ein Formtief zu geraten. Die Maschinenexporte nach China lahmen, weil auch die chinesische Wirtschaft lahmt. Die Exporte nach den übrigen Staaten in Euroland sind mehr oder weniger kollabiert. «Vielleicht ist die deutsche Wirtschaft doch nicht so stark, wie wir geglaubt haben», sinniert Marie Diron von der Beratungsfirma Ernst & Young in der «New York Times».

Rationale Investoren, hypernervöse Börsen

Senkt die EZB nächste Wochen ihre Leitzinsen, dann wird die Politik der sogenannten finanziellen Repression nochmals verstärkt. Will heissen: Mit Obligationen ist noch weniger zu verdienen, ja die Rendite sinkt unter die Inflationsrate. Der Druck, in Aktien zu investieren, verstärkt sich damit zusätzlich. Kommt dazu, dass die Unternehmen nach wie vor sehr satte Gewinne ausweisen. Sie können im schlechten Wirtschaftsumfeld Löhne und Steuern drücken.

So gesehen verhalten sich die Investoren rational. Allerdings bewegen sie sich auf sehr dünnem Eis. Die Börsen sind hypernervös. Das hat der Vorfall mit einem gefälschten Tweet der Nachrichtenagentur AP gezeigt. Nach einer frei erfundenen Meldung auf Twitter von einer vermeintlichen Explosion im Weissen Haus sank der Dow Jones innert kürzester Zeit um 145 Punkte.

Erstellt: 24.04.2013, 14:29 Uhr

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