Mit China können wir es aufnehmen

In den Sechzigerjahren hatten wir Angst vor Amerika, später vor Japan. Jetzt ängstigt uns China. Zu Unrecht, lehrt die Geschichte.

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China ist in rasendem Tempo zur führenden Industrienation aufgestiegen, deren Fabriken alle Welt mit Gütern des täglichen Bedarfs versorgen. Wie ein Magnet zieht es die Herstellung immer hochwertigerer Produkte an. Längst hat die Verlagerung auch die Forschung erfasst; die meisten Schweizer Industriekonzerne haben in China ein oder gar mehrere Forschungszentren aufgebaut.

Chinas Boom kann einschüchtern. Das Bruttoinlandprodukt hat sich in acht Jahren auf 5,7 Billionen Dollar vervierfacht. Bis 2019 soll China laut «Economist» die USA als grösste Wirtschaftsmacht der Welt ablösen.

Respekt ist angebracht

China bildet pro Jahr rund 400'000 Ingenieure aus, die Schweiz einige Tausend. Viele sind ähnlich gut wie jene im Westen – aber viel billiger. Nicht zu reden von den Fabrikarbeitern, die meist 100 bis 150 Euro im Monat verdienen. Exportiert die Schweiz bald nur noch Uhren, Käse und Schokolade?

Respekt vor dem Konkurrenten China und entschlossenes Handeln sind angebracht. Angst wäre ein schlechter Ratgeber. Die Schweizer Exportwirtschaft hat Herausforderungen durch scheinbar übermächtige Wirtschaftsnationen immer wieder gemeistert und ist daran gewachsen, allen Zweifeln zum Trotz.

Heute glauben nur noch wenige, dass Amerikas Unternehmer besser sind als unsere – oder dass Japan die Schweizer Industrie an die Wand drücken kann. In den Sechzigerjahren war die Angst vor der Supermacht USA indes so gross, dass Jean-Jacques Servan-Schreibers Buch «Die amerikanische Herausforderung» 1967 wie eine Bombe einschlug.

Ölkrise brachte die Wende

Darin warnte der französische Verleger und Politiker eindringlich vor Europas Niedergang. Führende Firmen würden systematisch von der US-Industrie aufgekauft. Amerika sei besser organisiert, verfüge über potente Computer und sei viel innovativer, malte Servan-Schreiber in düsteren Farben. Die USA kontrollierten bereits die Hälfte von Europas Transistorproduktion, 80 Prozent des Computergeschäfts und einen Grossteil der Schwer- und Ölindustrie. Wenn das so weitergehe, sei Amerikas Industriebesitz in Europa in 15 Jahren die drittgrösste Wirtschaftskraft der Welt – hinter Amerika und Russland.

Die Angst liess nach, als Europa nach dem Ölpreisschock der Siebzigerjahre zielstrebig mit Energiespartechnik reagierte, Amerikas Energiehunger aber weiter wuchs. Zumal in den Achtzigerjahren eine neue Bedrohung auftauchte, die Amerika und Europa gleichermassen traf: Japan. Sony etwa schuf mit dem Walkman einen neuen Markt, und Matsushitas Hi-Fi-Marken degradierten deutsche Ikonen der Unterhaltungselektronik wie Nordmende und Schaub-Lorenz zu Statisten. Amerika verlor fast die ganze Produktion von Fernsehern, Stereoanlagen und Haushaltgeräten.

«Alles sehr, sehr gefährlich»

«Der Spiegel», der sich diesmal als Warner hervortat, sah bereits das Ende der Auto- und der Computerindustrie in den USA und Europa nahen. Die Japaner entwickelten viel potentere Grossrechner. «Das ist alles sehr, sehr gefährlich», titelte «Der Spiegel», als Japan 1989 mit Lexus und Infiniti im Luxussegment gegen BMW und Mercedes antrat. Nur Monate später stürzte Japan in eine Krise, von der es sich bis heute nicht vollständig erholt hat. Sogar Toyota kämpft mit Problemen, die Supermacht Japan gilt als Problemfall.

Nun leiden wir am Chinasyndrom. Anfang Woche erhob «Der Spiegel» China zur «Wirtschaftsmacht der Zukunft», lobte die «Pisa-Helden» von Shanghai, sprach vom «Zeitalter des Roten Planeten». Dabei ist absehbar, dass China Wachstumskrisen haben wird.

Konformität als Schwäche

Zwar ist China die Werkbank der Welt für Konsumelektronik, Computer, Spielzeug, Textilien, Maschinen und überschwemmt den Westen bald mit billigen Autos. China wird immer mehr erfinden, entwickeln und damit den Weltmarkt erobern. Das ist eine Bedrohung.

Nur: Asiens grösste Schwäche ist seine auf Konformität ausgerichtete Kultur. Perfekt für Kopisten, aber kein guter Nährboden, um Apple, Swatch oder Audi weiterzubringen. Wegen Chinas Einkind-Familienpolitik wird der Strom der Billigarbeiter vom Lande bald zum Rinnsal. China werde schneller alt – und damit tendenziell arm – als reich, lauten erste Prognosen. Dieses Schicksal teilt China mit Japan, das kaum Ausländer ins Land lässt.

China wird stark, kein Zweifel, aber nicht unschlagbar. Dem Land, das Minderheiten und Kritik unterdrücken muss und mit Zensur regiert, fehlt der kreative Touch, der Sex-Appeal, der Apple oder Armani so unwiderstehlich macht. Hippe und coole Produkte aus China, viel fällt einem dazu nicht ein.

Die Swatch hat bis heute kaum Konkurrenz

Die Schweizer Exporteure und ihr wichtigster Handelspartner Deutschland müssen sich der Herausforderung stellen, zu fürchten brauchen sie nicht. Anders als nach dem Boom der Achtzigerjahre, der sie träge machte, ist die Industrie heute innovativ, schnell und kostenbewusst, hoch kompetitiv. Bei Roche und zum Teil bei Novartis indes beginnen im Branchenvergleich hohe Produktionskosten auf die Gewinne zu drücken. Offen ist, wie zukunftsfähig der Industriekonzern Oerlikon ist.

Industriell hat die Schweiz die Hausaufgaben gemacht. Hätten die Schwarzmaler recht behalten, müsste die Schweizer Uhrenindustrie tot sein. Stattdessen erfand Nicolas Hayeks Crew die Swatch, als buntes Modegut pro Jahr millionenfach produziert auf automatisierten Produktionsstrassen. Asien hat dem bis heute wenig entgegenzusetzen. Hayek schlug die Billig-Kopisten bei den Kosten; dies war nur mit revolutionärer Produktionstechnologie möglich.

Gefahr droht von anderer Seite

Auch BMW und Mercedes sind nicht untergegangen. Sie haben das Produktionssystem von Toyota kopiert und perfektioniert. In Amerika wurden Lexus, Infiniti und sparsame Kleinwagen zum Renner, weil GM, Ford und Chrysler so innovationsschwach und kundenfern waren. In Europa schafften es die Asiaten nicht, ihren Marken die Strahlkraft eines BMW oder Daimler zu verleihen. IBM hat die Sparte PC und Laptop nach China verkauft. Bei den Grossrechnern regiert IBM immer noch die Welt dank umfassender Software und Beratung. Schärfste Konkurrenten sind Oracle und SAP, Asien ist hier wenig bedeutend.

Gefahr droht von anderer Seite. Noch werden Schlüsselteile, aus Angst vor Wissensklau, im Westen entwickelt und produziert. Aber je globalisierter Unternehmen werden, desto flexibler sind sie in der Standortwahl. Auch Schweizer Firmen bauen dort aus, wo die Umgebung optimal ist. Damit Forschung, Marketing und Firmensitze nicht ganz ins Ausland verschwinden, muss die Schweiz für ein optimales Geschäftsklima sorgen. Die starke Zuwanderung von Spezialisten, auch aus Deutschland, ist ein gutes Zeichen. Offenheit ist die grösste Stärke der Schweiz.

An der «amerikanischen Herausforderung» ist die Schweiz gewachsen, an jener aus Japan ebenso. Auch China ist, wenn die Schweiz entschlossen reagiert, eine Chance für einen neuen Entwicklungssprung. Entscheidend ist, dass die Schweiz den «Krieg um die Talente» gewinnt. Bleibt sie so attraktiv für kluge Köpfe, hat sie eine gute Chance, ihren Spitzenplatz zu halten. Zumal grosse Länder wie China oder Brasilien mit zunehmendem Reichtum zu riesigen Märkten für unsere Exporte werden.

Erstellt: 07.01.2011, 11:57 Uhr

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Kann einschüchtern: Chinas Wirtschaft. (Bild: Keystone )

Papier-Königin Zhang Yin

Manche der 128 Milliardäre Chinas sind reicher als Zhang Yin, 53. Das moderne, weltoffene China verkörpert jedoch keiner so perfekt wie die «Papier-Königin», die mit Abfall aus dem Westen ein Milliardengeschäft machte.

Als China sich in den Achtzigerjahren öffnete und den Export förderte, sah die Tochter eines Offiziers der Roten Armee den chronischen Papiermangel im Land als Chance. Zhang war zunächst Buchhalterin, zog in den Süden Chinas, später nach Hongkong, wo sie 1985 mit umgerechnet 3800 Dollar eine Handelsfirma gründete, die Altpapier aus dem Westen nach China verfrachtete und dort zu Verpackungsmaterial für die boomenden Exportfirmen rezyklierte.

Zhang übersiedelte 1990 nach Los Angeles, um das Geschäft voranzutreiben. In Amerika gründete sie mit ihrem zweiten Mann – einem Zahnarzt, der in Taiwan und Brasilien aufwuchs – die Handelsfirma America Chung Nam, seit 2001 Amerikas grösster Papierexporteur. Nach fünf Jahren zog sie in die Heimat zurück, gründete mit ihrem Mann und einem Bruder eine dritte Firma namens Neun Drachen Papier, deren Börsengang 2006 eine halbe Milliarde Dollar einbrachte. Über die nächsten Jahre investiert Zhang im Nordosten Chinas 1,5 Milliarden Dollar in neue Fabriken.

Zhang hat sich aus eigener Kraft zur reichsten Frau der Welt hoch gearbeitet. Die guten politischen Verbindungen ihres Vaters, der als Industriemanager Karriere machte und den Reformern in der Regierung als Berater diente, waren dabei sicher nützlich. Das Vermögen von Zhang wird auf 5,6 Milliarden Dollar geschätzt. Ihre Firmengruppe ist, 25 Jahre nach der Gründung, Asiens grösster Hersteller von Papier und Verpackungen, Zhang will weltweit an die Spitze.

Strategisch wichtige Entscheidungen fällt die Unternehmerin weiterhin selbst, das Tagesgeschäft hat sie inzwischen an ihren Mann und den Bruder delegiert.

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