Mit WIR-Geld aus dem Dilemma

Die Idee, in den Krisenstaaten Europas vorübergehend eine Parallelwährung zum Euro einzuführen, hat etwas Bestechendes.

Parallelwährung als Medizin für nicht mehr konkurrenzfähige Euroländer: In der Schweiz haben Gewerbler in schlechten Zeiten lieber einen WIR-Auftrag als gar keinen. Rund 800 Millionen sind so im Umlauf.

Parallelwährung als Medizin für nicht mehr konkurrenzfähige Euroländer: In der Schweiz haben Gewerbler in schlechten Zeiten lieber einen WIR-Auftrag als gar keinen. Rund 800 Millionen sind so im Umlauf. Bild: Keystone

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Der Brite Michael Butler, ein ehemals hoher Finanzbeamter bei der EU, hat kürzlich in der «Financial Times» eine neue Idee zur Lösung der Eurokrise lanciert: Defizitsünder wie Griechenland, Portugal oder Irland sollten zumindest temporär eine Parallelwährung einführen. Das würde bedeuten, dass diese Länder im Welthandel nach wie vor in Euro abrechnen, parallel dazu aber im Binnenmarkt ihre nationalen Währungen wieder benützen würden. Mit diesem Trick könnten gemäss Butler die strukturschwachen Euroland-Mitglieder zumindest teilweise ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder gewinnen.

Bevor man Butler als Spinner abtut, sollte man sich die aktuelle Lage vor Augen führen. Sie ist desolat: Überbordende Staatsschulden und Budgetdefizite haben dazu geführt, dass einzelnen Mitgliedern von Euroland eine schmerzhafte Restrukturierung der Schulden oder gar der Staatsbankrott droht. Das Grundproblem liegt im Ungleichgewicht der Wettbewerbsfähigkeit. Länder wie Deutschland haben die Kosten gesenkt und ihre Exportfirmen gestärkt. Länder wie Griechenland haben mit zu hohen Schulden ihre Wirtschaft ins Abseits manövriert.

Defizitsünder geraten immer mehr unter Druck

Unter dem Regime einer Einheitswährung ist es fast unmöglich, dieses Ungleichgewicht zu beheben. Theoretisch gäbe es zwar Möglichkeiten. So könnte beispielsweise Deutschland zulassen, dass die Löhne stärker steigen, als die Produktivität wächst, und so für einen Ausgleich sorgen. Doch das würde auch zu mehr Inflation führen. Deshalb wird es eine theoretische Option bleiben: Zu sehr ist die Angst vor Inflation noch in Teilen der deutschen Volksseele verankert.

Stattdessen setzt man die Defizitsünder unter Druck. Sie müssen sparen und geraten in eine Abwärtsspirale. Wie lange sich das politisch noch durchhalten lässt, ist ungewiss.

Sehr riskant wäre es auch, den Euro wieder abzuschaffen. Das wäre erstens sehr teuer, zweitens ein logistischer Albtraum und drittens das Ende eines geeinten Europas.

Wer hortet, zahlt Strafzins

So gesehen lohnt es sich, die Idee der Parallelwährung zu prüfen, zumal es sich um ein altbewährtes Rezept handelt. Wir in der Schweiz kennen es seit den 30er-Jahren. Damals schuf die Wirtschaftsring-Genossenschaft das WIR-Geld, eine Parallel- oder Komplementärwährung. Heute rechnen rund 60'000 Schweizer KMU untereinander gelegentlich mit WIR ab, und zwar im Verhältnis von 1:1 zum Franken. Allerdings können WIR nur unter erschwerten Bedingungen in Franken getauscht werden. Trotzdem sind rund 800 Millionen WIR im Umlauf, und 200 Angestellte der WIR-Bank sorgen dafür, dass alles ordnungsgemäss abläuft.

Das WIR-Geld ist unter Bedingungen entstanden, die viele Gemeinsamkeiten zur Lage der Defizitsünder in Euroland aufweisen: An den internationalen Finanzmärkten herrschte Chaos, protektionistische Massnahmen hatten den Welthandel zum Erliegen gebracht und zu Massenarbeitslosigkeit geführt. In dieser Situation wurde an verschiedenen Orten mit Freigeld experimentiert, mit «Geld, das rostet». So nennt man es, weil man darauf keinen Zins erhält, ja sogar Strafzins bezahlen muss, wer es hortet.

Schutz vor internationalem Wettbewerb

Parallelwährungen sind minderwertiges Geld. Auch Schweizer Gewerbler werden in guten Zeiten lieber in Franken als in WIR bezahlt. Aber in schlechten Zeiten haben sie lieber einen WIR-Auftrag als gar keinen. Genau in der Minderwertigkeit liegt deshalb die Stärke einer Parallelwährung. Im WIR-Kreislauf ist man vor dem internationalen Wettbewerb geschützt. Mit WIR zahlt man in der Schweiz den Schreiner nebenan, nicht den Unterlieferanten in China.

Für die nicht mehr konkurrenzfähigen Euroländer wäre daher eine Parallelwährung die geeignete Medizin. Sie würde es möglich machen, dass sich die nationale Wirtschaft in den aktuell schlechten Zeiten wieder erholt.

Gelingt dies, dann kann man in den guten Zeiten getrost wieder zum Euro zurückkehren.

In der Wirtschaftskrise der 30er-Jahre wurde mit Freigeld experimentiert – mit Geld, das nicht rostet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2011, 13:32 Uhr

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