«Mit dem Normalzustand ist nicht so bald zu rechnen»

Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht der Chefökonom des Bundes, Aymo Brunetti, klar, dass die heute publizierten Wachstumsraten nicht so positiv sind, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

«Die Wachstumszahlen enthalten viele Sondereffekte»: Chefökonom des Bundes Aymo Brunetti, Mitarbeiter der Firma Eternit im Februar 2009.

«Die Wachstumszahlen enthalten viele Sondereffekte»: Chefökonom des Bundes Aymo Brunetti, Mitarbeiter der Firma Eternit im Februar 2009.

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Sie vermelden heute für die Schweiz ein Wachstum von 0,9 Prozent für das zweite Quartal. Aufs Jahr hochgerechnet wären das rund 3,6 Prozent. Das tönt auf den ersten Blick prächtig. Aber wir hatten im letzten Jahr eine Rezession, da bedeuten auch hohe Wachstumsraten nicht, dass alles wieder gut ist.
Aymo Brunetti: Das ist es auch nicht. Das aktuelle BIP-Niveau entspricht jetzt etwa jenem des zweiten Quartals des Jahres 2008. Das heisst, unsere Volkswirtschaft ist noch immer deutlich zu gering ausgelastet. Das wird klar, wenn man das Potenzialwachstum von rund 2 Prozent jährlich mitberücksichtigt, das von der Zunahme der Bevölkerung und der Produktivität ausgeht. Wächst die Wirtschaft weniger, sitzen die Unternehmen auf ungenutzten Kapazitäten fest und die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Nach einer Krise mit negativem Wachstum wie 2009 muss das Wachstum in den Folgejahren daher deutlich höher sein als das Potenzialwachstum, um die Unterbeschäftigung der Produktionsfaktoren wett zu machen.

Wie müsste die Schweiz weiterwachsen, damit das endgültige Ende der Krise verkündet werden könnte, das heisst, damit die Schweizer Volkswirtschaft wieder voll ausgelastet ist?
Dafür wäre schätzungsweise ein Wachstum von über 3 Prozent über die nächsten zwei Jahre vonnöten. Das heisst, wenn die Schweizer Wirtschaft so weiter wächst, wie im letzten Quartal, könnte man von einer V-förmigen starken Erholung sprechen.

Ist ein solch hohes Wachstum wahrscheinlich? Aus dem Ausland mehren sich die Zeichen für eine weitere Konjunkturabkühlung. Dem wird sich die Schweiz kaum entziehen können. Das Wachstum der Exporte ist jetzt schon geringer als im Vorquartal.
Mit solchen Wachstumsraten, die uns im Eiltempo wieder zum konjunkturellen Normalzustand zurückführen, ist tatsächlich nicht zu rechnen. Die durchschnittlichen Wachstumszahlen für das Jahr 2010 werden noch toll aussehen, selbst wenn die erwartete Abschwächung im zweiten Halbjahr eintritt. Doch die weiteren Aussichten sind nicht berauschend. Jüngste Indikatoren aus den USA, Asien, Europa und selbst aus der Schweiz zeigen eine Abschwächung der Wachstumsraten an und bestätigen damit, die in unseren letzten Prognosen angenommene Dynamik eines schleppenden Aufschwungs.

Wenn aber die Unterauslastung anhält, ist auch nicht mit einer deutlichen Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen.
Genau. Wir gehen davon aus, dass sich die Arbeitslosigkeit nur sehr langsam weiter zurückbilden wird.

Einige Details der neusten Zahlen könnten zumindest etwas optimistischer stimmen. So sind die Importe stark gestiegen, was auf eine kräftige Nachfrage beim inländischen Konsum hinweist.
Die Wachstumszahlen sehen auch in dieser Betrachtung besser aus, als sie sind. Denn sie enthalten in den Details viele Sondereffekte. Der Importzuwachs zum Beispiel wurde verzerrt durch eine starke Expansion bei den Einfuhren von Bijouteriewaren. Auch das ohnehin schon geringere Wachstum der Exporte wird relativiert. Denn es wird wesentlich von Dienstleistungsexporten getrieben. Konkret von Handelsgewinnen der grossen Rohstoffhändler. Für die Beschäftigung in der Schweiz haben die aber eine eher kleine Bedeutung.

Zugelegt haben immerhin auch die Ausrüstungsinvestitionen, vor allem in der Metall- und Maschinenindustrie. Auch ein Aufholeffekt, angesichts des Einbruchs der Branche in der jüngsten Vergangenheit?
Ja, denn auch hier sind die Kapazitäten weiterhin unterausgelastet. Bei den Investitionen zeigt sich generell, dass man aus Wachstumszahlen allein nicht allzu viel herauslesen sollte. So sind die Bauinvestitionen mit 1,3 Prozent weniger stark gewachsen als die Ausrüstungsinvestitionen mit 2,8 Prozent. Doch die Auslastung der Baubranche ist höher und sie ist auch nie so deutlich eingebrochen wie die Industrie.

Erstellt: 02.09.2010, 13:14 Uhr

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