Mit diesen Einschnitten rechnen Schweizer Firmen

Nach dem SNB-Entscheid drohen der Wirtschaft gleich mehrere Probleme. Was die Aufgabe des Euro-Mindestkurses für die einzelnen Branchen bedeutet.

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Der Schock in der Schweizer Wirtschaft sitzt tief. Oder um es mit den Worten von Nick Hayek zu sagen: «Was die Nationalbank da veranstaltet, ist ein Tsu­nami.» Der Ärger ist aber nicht nur beim Swatch-Chef gross. Die Besorgnis und die Verunsicherung ist in allen Teilen der Wirtschaft deutlich zu spüren. «Der Zeitpunkt des Entscheids kommt völlig überraschend und ist für uns nicht nachvollziehbar, sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. «Wir haben erwartet, dass die Nationalbank an der Untergrenze festhält, bis sich die Lage im Euroraum etwas stabilisiert.»

Entscheidend sei nun, bei welchem Kurs sich der Euro zum Franken einpendle, sagt Minsch. «Die Schweizer Wirtschaft kann mit einem Wechselkurs von 1.15 Franken pro Euro leben.» Dies zeigten auch Umfragen, die der Verband bei den Firmen durchgeführt habe. «Je weiter der Kurs unter 1.15 rutscht, desto problematischer wird es.» Minsch rechnet mit einer massiven Herausforderung für die gesamte Wirtschaft. «Wenn die Exportbranche unter Druck gerät, wird sich dies auch auf die Zulieferer und schliesslich auf die gesamte Binnenkonjunktur auswirken.»

Heftig fallen auch die Reaktionen bei den Arbeitnehmerverbänden aus. Daniel Lampart, Chefökonom vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund, befürchtet: «Schliessungen und Auslagerungen werden schlagartig zunehmen. Viele Firmen werden jetzt ein Überleben in der Schweiz infrage stellen.» Die Unternehmen hätten sich darauf eingerichtet, um mit einem Eurokurs von 1.20 Franken überleben zu können. «Gemäss Modellrechnungen gehen bei einer Aufwertung von 10 Prozent rund 2 Prozent der Arbeitsplätze verloren», sagt Lampart.

In den einzelnen Branchen der Wirtschaft ist man nun dabei, die Folgen dieses Paukenschlags abzuschätzen:


In der Maschinenindustrie wird ein Firmensterben befürchtet.

Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie: Die Branche befürchtet, dass die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro und dem Dollar viele Unternehmen in ihrer Existenz bedroht, wie Swissmem-Direktor Peter Dietrich sagt. Die Unternehmen hätten in den letzten drei Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Nun seien sie wohl noch zu weit drastischeren Massnahmen gezwungen. «Wie gravierend die Konsequenzen für die Unternehmen sein werden, hängt davon ab, auf welchem Niveau sich der Franken zum Euro und Dollar einpendeln wird», sagt Dietrich. Dieser Meinung ist auch Oliver Müller, Direktor von Swissmechanic. Der Verband vertritt die kleineren und mittleren Unternehmen der MEM-Branche.

Viele Firmen hätten auf Wunsch der ausländischen Kunden damit begonnen, ihre Rechnungen nicht mehr in Franken, sondern in Euro auszustellen», sagt Müller. Das schlage nun voll durch. «Wenn eine Firma heute eine Rechnung in Euro verschickt, dann erhält sie pro Euro 16 Rappen weniger als noch gestern.» Das müssten die Unternehmen erst mal verdauen. Dabei sei der Spielraum, die Kosten weiter zu senken, nicht mehr gross. Im Gegensatz zu grösseren Firmen falle bei den KMU der Grossteil der Ausgaben in Franken an.



Die Uhrenbranche exportiert 95 Prozent ihrer Produkte ins Ausland.

Uhrenbranche: Die Folgen für den Industriezweig, der 95 Prozent seiner Produkte ausführt, seien noch nicht absehbar, sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Uhrenverbands FH, der Nachrichtenagentur SDA. Um den Franken gegenüber dem Euro zu schwächen, habe sich die Branche hinter den Mindestkurs gestellt. Was nun geschehe, drehe die Uhr drei Jahre zurück. Es sei leicht, der Industrie zu sagen, sie müsse sich anpassen, sagt Pasche. Die Produktionskosten würden aber in Franken anfallen, weil man sich für den Industriestandort und «Swiss made» einsetze.


Grosskonzerne: Weniger dramatisch ist die Lage für die grossen Schweizer Konzerne. Sie produzieren oft dort, wo sie auch ihre Produkte verkaufen. Dies gilt etwa für die beiden Pharma­unternehmen Roche und Novartis, aber auch für Industriefirmen wie Sulzer, Holcim oder Geberit. Roche etwa erwirtschaftet erhebliche Einnahmen im Euro-Raum. Gleichzeitig fällt ein wichtiger Anteil der Kosten für Forschung, Entwicklung, Produktion sowie Personal in Euro an, was zu einer teilweisen Abfederung des Währungseffekts führt.



Detailhändler befürchten, dass jetzt Schweizer vermehrt im Ausland einkaufen.

Detailhandel: Vor der Einführung der Untergrenze beim Euro machten Meldungen die Runde, Detailhändler würden in den Grenzregionen Stellen abbauen. Der starke Franken führte damals zu einem Boom beim Einkaufstourismus. Der im Sommer 2011 noch als Coop-Chef aktive Hansueli Loosli rechnet vor, dass ihn jede zusätzliche Milliarde, die beim Einkaufstourismus ausgegeben werde, Coop 200 Millionen Franken Umsatz koste. Kein Wunder, stellen sich mit Aufhebung der Untergrenze im Detailhandel wieder dieselben Bedenken ein. Coop und Migros äussern unisono die Befürchtung, dass nun das Shopping im Ausland wieder Auftrieb erhält.

Die Gesamtvolumen der Auslandeinkäufe, wozu auch Ferien und geschäftliche Reisen gezählt werden, wird von der Branche auf rund 10 Milliarden Franken geschätzt. Die gezielten Einkäufe von ­Lebensmitteln und Gebrauchsgütern machen etwa die Hälfte aus. Nach zweistelligen Wachstumsraten hat sich das Volumen im Einkaufstourismus laut Credit Suisse zuletzt auf hohem Niveau stabilisiert. Im Inland müsste sich der stärkere Franken ebenfalls bemerkbar machen, da mit dem günstigeren Import die Preise unter Druck kommen.



Für ausländische Touristen werden die Ferien in der Schweiz künftig teurer.

Tourismus: Für den Tourismus ist der Wegfall der Untergrenze einschneidend: «Wenn der Franken gegenüber dem Euro 1 Prozent teurer wird, verlieren wir zwischen 0,5 und 1 Prozent Umsatz mit Gästen aus dem Euroraum», rechnet Jürg Schmid vor, Direktor der nationalen Marketing- und Verkaufsorganisation Schweiz Tourismus. Eine Beurteilung sei erst in ein paar Tagen oder Wochen möglich, wenn klar werde, wo sich die Kurse einpendeln. Er kritisiert das Timing aber als schlecht, so kurz vor der Hauptreisezeit im Winter. «Für unsere Gäste fällt damit die Planungssicherheit weg», so Schmid. Die Quittung wird der Branche schon bald präsentiert: «Die Auswirkungen werden sich bereits in der zweiten Winterhälfte und dann im Sommergeschäft bemerkbar machen» sagt Schmid. Er hofft auf Solidarität im Inland: «Jetzt wird es noch wichtiger, dass die Schweizer Gäste dem eigenen Land die Treue halten.»

Erstellt: 15.01.2015, 23:26 Uhr

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