«Nigeria verdient politischen Einfluss»

Nigeria ist neu die grösste Volkswirtschaft Afrikas – laut BIP-Rangliste. Afrika-Experte Carlo Koos erklärt, was diese Zahl bedeutet und wie gross das wahre Potenzial des Landes ist.

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Nigeria ist – dank einer neuen Berechnungsmethode des Bruttoinlandprodukts (BIP) – neu die stärkste Volkswirtschaft Afrikas. Zu Recht?
Das hängt davon ab, welche Massstäbe man ansetzt. In absoluten Zahlen ist Nigeria mit Sicherheit einer der wichtigsten afrikanischen Märkte, es ist mit 170 Millionen Einwohnern aber auch das bevölkerungsreichste Land. Betrachtet man andere Kennzahlen, beispielsweise das BIP pro Kopf, sieht die Lage düsterer aus: Das lag in Nigeria 2013 bei 1725 Dollar, im Vergleich zu 6847 Dollar in Südafrika. Auch diese Zahl wird sich durch die neue Berechnungsmethode verändern, aber Nigeria kommt hier nicht an Südafrika heran.

Dann wäre es also noch zu früh, Nigeria zur neuen Nummer 1 Afrikas auszurufen? Oder muss Südafrika trotzdem um seine Vormachtstellung fürchten?
Nigeria wird in Zukunft ein grosser Player sein, gerade im subsaharischen Vergleich. Wie gross die Baustellen im Land noch sind, entlarvt jedoch ein Blick auf den Human Development Index, der die Faktoren Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard vergleicht. Da steht Nigeria unterdurchschnittlich schlecht da. Länder wie Namibia, Botswana, Ghana, Kamerun und andere schneiden besser ab. Tatsache ist, dass Nigeria ein wichtiges Land in Subsahara-Afrika ist und darum politischen Einfluss verdient, jedoch muss es das soziale Ungleichgewicht in den Griff bekommen.

Der nigerianische Absatzmarkt ist also gross, aber ein Grossteil der Bevölkerung arm. Warum sollten westliche Unternehmen trotzdem in das Land investieren?
Es gibt in Nigeria eine kleine Zahl von Superreichen, eine grosse Zahl von Armen – und eine stark wachsende Mittelschicht. Die Urbanisierung schreitet schnell voran, Städte wie Lagos oder Abuja boomen. Hier entsteht eine Bevölkerungsgruppe, die für die Wirtschaft sehr interessant ist.

Doch der wirtschaftliche Aufschwung wird durch das starke Bevölkerungswachstum gefährdet: Die Hälfte der Nigerianer ist jünger als 14 Jahre, die jetzt schon hohe Arbeitslosigkeit wird in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen.
Das ist ein grosses Problem. Vor allem junge, gut ausgebildete Nigerianer haben Mühe, einen Job zu finden, in ländlichen wie in urbanen Gegenden. Der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt ist gross. Ich denke aber nicht, dass dies das Wachstum der Mittelschicht aufhalten kann. Die Nigerianer sind geschäftstüchtig, viele von ihnen machen sich selbstständig, gründen Mikrounternehmen im Handel oder in der Beratung. Betrügereien durch sogenannte Scam-Mails sind nur eine, wenn auch eine sehr extreme Ausprägung ebendieser Geschäftstüchtigkeit.

Ist das Land denn überhaupt dafür gerüstet, eine wachsende Mittelschicht zu tragen? Die Infrastruktur lässt ja stark zu wünschen übrig.
Hier gibt es tatsächlich noch einiges zu tun. Das Strassennetz und die Stromversorgung sind schlecht, die Schulbildung müsste verbessert werden. Die Sicherheit ist ebenfalls nicht gewährleistet, gerade im Norden, wo sich immer wieder religiöse Gruppierungen bekriegen. Das alles trägt dazu bei, dass sich Investoren eben doch noch zurückhalten, trotz des grossen Potenzials, das der nigerianische Markt bietet.

Warum hat es die nigerianische Regierung bis jetzt nicht geschafft, diese Probleme in den Griff zu bekommen?
Weil ihre Macht begrenzt ist: Die nigerianische Politik ist ein komplexes Geflecht von Machtstrukturen. Nicht nur die nationale Regierung, auch substaatliche Gouverneure und das Militär haben einen grossen Einfluss. Die Korruption ist weit verbreitet, viele Politiker und Entscheidungsträger wirtschaften in die eigene Tasche. Der Präsident, Goodluck Jonathan, wird oft für seine mangelnde Durchsetzungsfähigkeit kritisiert. Ich bin trotzdem optimistisch: Es rücken viele junge, fähige Politiker nach, die ihr Land weiterbringen, die Korruption bekämpfen und gute Rahmenbedingungen schaffen wollen. Aber das ist ein Prozess, der lange dauert.

Ein weiteres Problem ist die grosse Abhängigkeit der nigerianischen Wirtschaft von der Ölindustrie: Drei Viertel der Staatseinnahmen stammen aus diesem Sektor.
Das stimmt, ist aber nicht so schlecht, wie es oft dargestellt wird. Man sollte hier differenzierter hinschauen: Die Ölindustrie schafft Arbeitsplätze, generiert Aufträge für Subunternehmen und Zulieferer, verbessert die Infrastruktur und erhöht so wiederum die Nachfrage. Auch hier ist das eigentliche Problem die grassierende Korruption: Ein zu grosser Anteil der Petrodollars fliesst von der Staatskasse direkt in die Geldbeutel der Politiker. Das untergräbt Vertrauen, sowohl bei der Bevölkerung als auch bei ausländischen Unternehmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.04.2014, 20:23 Uhr

Carlo Koos ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA-Institut für Afrika-Studien in Hamburg.

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