Nobelpreisträger warnen vor dem Bitcoin-Hype

Starökonomen, die sonst selten einer Meinung sind, verteufeln die Kryptowährung. Einer von ihnen würde sie gar verbieten lassen.

Bitcoin knackte am Dienstag die Marke von 10'000 Dollar. Video: Tamedia/Reuters

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Als im Jahr 2013 neben Lars Peter Hanson gleichzeitig Robert Shiller und Eugene Fama den Nobelpreis in Volkswirtschaftslehre erhielten, hat das überrascht. Denn die beiden stehen für komplett gegenteilige Ansichten innerhalb dieser Wissenschaft. Etwas verkürzt, geht Fama davon aus, dass Blasen an Finanzmärkten ausgeschlossen sind, weil die Menschen stets rational handeln, während Shiller vom Gegenteil ausgeht und viel zu solchen Blasen geschrieben hat.

In einer Sache sind sich die beiden Nobelpreisträger aber einig: Beide warnen vor dem Hype um Bitcoin. Allein im laufenden Jahr hat sich der Dollarpreis der Kryptowährung rund verzehnfacht. In der laufenden Woche durchbrach Bitcoin zum ersten Mal die Marke von 10'000 Dollar. In einem Interview erklärte Eugene Fama schon vor einem Jahr, wenn Bitcoin keinen stabilen Wert hat, wird er wahrscheinlich als Geld nicht überleben. Das bedeutet, irgendwann wird sein Wert gleich null sein.

Wie stark die Kryptowährung schwankt, hat sich am vergangenen Mittwoch gezeigt, als sie innerhalb des gleichen Tages in Dollar um 15 Prozent zugelegt hat, um dann wieder 20 Prozent zu verlieren. Anders als Gold sei Bitcoin auch als Wertaufbewahrungsmittel nicht zu gebrauchen, erklärte Fama. Anders sei das wohl nur für Drogendealer, die wegen der Anonymität dieser Währung einen grossen Wert darin sehen könnten.

Keine sozial nützliche Funktion

Robert Shiller sieht bei Bitcoin gemäss einem Interview des Fernsehsenders CNBC die typischen Anzeichen einer Blase. Doch das Wort gefalle ihm selbst bei Finanzblasen nicht. Denn es sei weder dort noch bei Bitcoin klar, wann der Einbruch erfolgt, ausserdem sei es nicht zwingend so, dass es die Währung nach einem Einbruch nicht mehr gebe. Es sei auch möglich, dass es immer wieder zu deutlichen Einbrüchen komme.

Noch weiter als Shiller und Fama mit ihren Warnungen geht ein weiterer Wirtschaftsnobelpreisträger: Joseph Stiglitz, der den Preis im Jahr 2001 gewonnen hat, würde Bitcoin am liebsten gleich ganz verbieten lassen. Seine Begründung: Die Kryptowährung habe keinerlei sozial nützliche Funktion. Wie Fama meinte auch er, der Zweck der Währung diene vor allem der Umgehung der Aufsicht.

Sieht keine sozial nützliche Funktion von Bitcoin: Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Bild: Keystone

Die Zweifel der Ökonomen kommen auch daher, dass Bitcoin keinen inneren Wert hat. Hinter Aktien, Anleihen oder Immobilien stehen reale Sachwerte, die einen Einkommensstrom generieren: Unternehmensgewinne, Zins- oder Mieteinnahmen. Durch die Ermittlung des Gegenwartswerts (mittels Diskontierung) all der erwarteten künftigen Einkommen aus solchen Anlagen wird ihr fundamentaler Wert berechnet. Bitcoin generiert überhaupt keinen Einkommensstrom. Sein fundamentaler Wert ist daher gleich null.

Als Geld völlig untauglich

Selbst als Geld, wofür die Währung ursprünglich geschaffen wurde, taugt Bitcoin nicht. Wegen der hohen Volatilität, aber erst recht wegen der Blasenentwicklung. Würde irgendeine andere Währung gemessen in anderen Währungen und Gütern derart stark zulegen, würde sie niemand mehr als Tauschmittel benutzen. Das käme einer gigantischen Deflation gleich. Man würde lieber auf dem Geld sitzen bleiben und darauf warten, dass man damit künftig noch mehr andere Güter oder Währungen erhält. Eine Wirtschaft mit einer solchen Währung würde dramatisch einbrechen.

Robert Shiller erklärt sich die Kursentwicklung von Bitcoin mit einem Umstand, den alle Blasen gemeinsam haben: Dahinter steht eine faszinierende Geschichte, die im Kern kaum jemand wirklich versteht. Dazu gehört die Begründung der Währung durch den sagenumwobenen Satoshi Nakamoto. Dann ist da eine neue revolutionäre neue Währung, die der Kontrolle der Notenbanken entzogen ist, und mit der Blockchain eine bahnbrechende neue Technologie, die ihr unterliegt, selbst wenn sie auch ohne Bitcoin zu haben ist. «Diese Geschichte hat junge Leute inspiriert und das treibt diesen Markt, es sind nicht fundamentale Werte», sagt Shiller.

Robert Shiller erklärt sich die Kursentwicklung von Bitcoin mit der faszinierenden Geschichte. Bild: Tanja Demarmels

Gerade weil der Bitcoin-Geschichte etwas Revolutionäres anhaftet, dürften Forderungen nach einem Verbot der Kryptowährung, wie durch Stiglitz, oder Warnungen vor ihr, wie gestern durch Randal Quarles, einem Gouverneur der US-Notenbank, die Story für viele nur noch bestätigen.

Wenn aber nur die Geschichte dahinter den Preisanstieg treibt und die Hoffnung, dass andere sich davon überzeugen lassen und noch mehr dafür bezahlen, dann ist eine hohe Volatilität vorprogrammiert. Genauso wie ein Kursanstieg die Story zu bestätigen scheint und weitere Käufer anlockt, können auch kleine Kursverluste zu stärkeren führen, weil sie die Angst vor dem Ende dieses Schneeballsystems nähren.


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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2017, 13:03 Uhr

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