Nur noch jedes zweite Schwein hat Auslauf

Viele Schweine kommen während ihres ganzen Lebens nie aus dem Stall – Tendenz steigend. Das habe wirtschaftliche Gründe, sagt der Schweizer Tierschutz.

In der konventionellen Schweinemast verbringen die Tiere ihr ganzes Leben in Betonbuchten, ohne Beschäftigung und ohne Tageslicht: Schweine werden von ihrem Stall im Kanton Bern mit dem Viehtransporter in einen Basler Schlachthof gebracht. (Archiv)

In der konventionellen Schweinemast verbringen die Tiere ihr ganzes Leben in Betonbuchten, ohne Beschäftigung und ohne Tageslicht: Schweine werden von ihrem Stall im Kanton Bern mit dem Viehtransporter in einen Basler Schlachthof gebracht. (Archiv) Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Die Werbung zeigt herzige Säuli, die über frisches Stroh hüpfen. Am Himmel strahlt die Sonne.

Die Wahrheit in Schweizer Ställen sieht jedoch anders aus. Auf vielen Bauernbetrieben müssten die intelligenten Tiere unter Bedingungen leben, die weit von einer tierfreundlichen Nutztierhaltung entfernt sind, sagte der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutz (STS), Hansuli Huber, am Dienstag vor den Medien.

In der konventionellen Schweinemast verbringen die Tiere ihr ganzes Leben in Betonbuchten, ohne Beschäftigung und ohne Tageslicht. «Das ist leider alles gesetzeskonform», sagte Huber. Vielen Konsumenten sei dies aber nicht bewusst. Die Schweizer Tierschutzgesetzgebung werde erheblich überschätzt. Ohne schlechtes Gewissen werde dann Schweinefleisch aus konventioneller Haltung gekauft.

Label-Fleisch auf 50 Prozent gesunken

Etwas besser haben es die Schweine in so genannten Label-Betrieben, deren Fleisch unter Namen wie Naturafarm oder TerraSuisse verkauft wird. Diese Tiere haben mehr Platz, Einstreu und etwas Auslauf. Das sei zwar immer noch nicht paradiesisch, aber immerhin, so Huber.

Was den STS aber alarmiert: Die Zahl der Label-Schweine hat in den vergangenen fünf Jahren deutlich abgenommen. 2010 hatten noch 58 Prozent der Schweine ein bisschen Auslauf – heute nur noch 50 Prozent. Der Trend geht also zurück zur konventionellen Haltung.

Diese Abnahme der tierfreundlichen Haltung liegt gemäss STS nicht zuletzt daran, dass die Grossverteiler Schweinefleisch zunehmend als «günstig» positionieren. Es ist ein klassischer «Preiskampf-Artikel» geworden. Deshalb habe es in den vergangenen Jahren auch deutlich weniger Werbung für Label-Schweinefleisch gegeben.

«Der Weg zur Massentierhaltung ist vorgespurt»

Dazu kommt, dass die Bauern für ihr Fleisch immer weniger Geld erhalten. Damit sie mit ihren Schweinen doch noch etwas verdienen, reduzieren viele Bauern die Kosten – sehr zum Nachteil der Tiere. Profitieren tun die Detailhändler. «Sie haben viel zu hohe Margen auf Schweinefleisch und bereichern sich auf Kosten der Bauern und des Tierwohls», sagte Huber weiter. Wenn die Händler dann auch noch behaupten würden, dass das Schweizer Schweinefleisch wegen des strengen Tierschutzes teurer sei als jenes aus dem Ausland, sei das sachlich völlig falsch.

Doch auch der Bund trägt gemäss STS seinen Teil bei: Das Tierwohl werde nicht ausreichend gefördert. Bei Neu- und Umbauten investierten die Bauern dann lieber wieder in konventionelle Ställe, um Kosten zu reduzieren. «Erhalten die Bauern nicht endlich angemessene Preise für ihre Produkte, ist der Weg hin zur Massentierhaltung vorgespurt», sagte Huber.

Auch Schweinebauern ärgern sich

Meinrad Pfister, Zentralpräsident von Suisseporcs, wäre eigentlich nicht an die Medienkonferenz des Tierschutzes eingeladen gewesen. Wegen eines Versehens ging die Einladung aber auch an ihn. Pfister, der die Interessen der Schweinebauern vertritt, folgte der irrtümlichen Einladung gerne, wie er sagte.

Er sei mit Huber auch über weite Teile einig. «Auch wir ärgern uns, dass der Anteil Label-Fleisch rückläufig ist», sagte er. Ungünstig sei zudem, dass die Schweinefleisch-Label nicht mehr stark beworben worden seien. «Und wenn, dann mit Kuschelbildchen.»

Die Wahrheit sei aber leider auch, dass der Schweinefleisch-Konsument sehr preissensibel sei. Der Handel müsse mit günstigen Preisen verhindern, dass der Kunde ins Ausland einkaufen gehe. «Dann würde auch der Tierschutz verlieren.»

(mch/sda)

Erstellt: 03.10.2017, 23:53 Uhr

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