«Ohne gesunde Banken gibt es kein Wachstum»

Hollande, Merkel, Lagarde und Draghi: Sie alle verlangen Wachstum, damit Europa aus der Krise findet. Doch wie wächst man eigentlich über sich hinaus? Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler nimmt Stellung.

«Es wird sehr lange dauern, um in Spanien die Arbeitslosigkeit markant zu reduzieren»: Oliver Adler, Leiter Global Economics bei Credit Suisse.

«Es wird sehr lange dauern, um in Spanien die Arbeitslosigkeit markant zu reduzieren»: Oliver Adler, Leiter Global Economics bei Credit Suisse. Bild: Simon Schmid

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Herr Adler, wie findet Europa zum Wachstum zurück?
Europa wird nur sehr langsam zum Wachstum zurückfinden. Zu denken geben vor allem die grossen Unterschiede. In Deutschland oder in der Schweiz ist die Lage gar nicht so schlecht, in Italien und vor allem in Spanien ist das Wachstum gegenwärtig sehr niedrig.

Die Chefin des Währungsfonds, Christine Lagarde, zeigte sich gestern optimistisch. Ihrer Ansicht nach erholt sich das Bankensystem mehr und mehr. Sehen Sie das ähnlich?
Auch da gibt es enorme Unterschiede. In den USA ist das System robuster geworden, in Europa nur zum Teil. Gestern wurde bekannt, dass Bankia – die drittgrösste spanische Bank – nun tatsächlich saniert werden soll. Dies ist eine positive Nachricht, denn zur Beruhigung der Lage würde eine Sanierung tatsächlich helfen.

Lagarde hält Europa mit geringen Einschränkungen dazu an, am eingeschlagenen Sparkurs festzuhalten. Liegt Sie damit richtig?
Die Sparprogramme sind in einigen Ländern zu drastisch. Vor allem die Art und Weise, wie gespart wird, halte ich für problematisch: Starke Steuererhöhungen wirken sich bremsend auf den Konsum, aber auch auf die Investitionen aus. Vernünftig finde ich, dass François Hollande nun auf eine Erhöhung der Mehrwertsteuer verzichten will. Denn es wäre nicht sehr förderlich, in der aktuellen Situation den Konsum abzuwürgen.

Hollande schlägt vor, die Konjunktur anzukurbeln – unter anderem über die Europäische Investitionsbank. Würden Investitionsprogramme etwas bringen?
Die Möglichkeiten der Europäischen Investitionsbank (EIB) sind ziemlich limitiert. Aktuell vergibt sie an Spanien und Italien je rund 9 Milliarden Euro. Im Vergleich zur Volkswirtschaft ist das minim. Man kann also nicht davon ausgehen, dass enorm viel Geld über die EIB fliessen wird.

Welche anderen Möglichkeiten sehen Sie?
Wichtiger ist, dass die Zinsen in den südeuropäischen Ländern zurückgehen. Hohe Zinsen erhöhen die Kosten für Investitionen und Konsum – sie würgen sozusagen das Kreditsystem ab. Soll sich die Eurozone erholen, so müssen die Zinsen unbedingt auf ein vernünftiges Niveau sinken.

Muss die EZB helfen, die Zinsen zu drücken?
Die Europäische Zentralbank muss weiter helfen, ja. Zudem muss Vertrauen in die Staatsanleihen geschaffen werden. Interessant ist, dass die Zinsen in den letzten Wochen trotz aller Diskussionen um die Krise nicht weiter angestiegen sind, sondern tendenziell leicht zurückkommen. Die Klärung der Bankensituation würde für weitere Entspannung sorgen: Was die Zinsen hochtreibt, ist die Furcht vor Bankenausfällen – respektive die Furcht davor, dass der Staat, der zu wenig Geld hat, die Banken retten muss. Wenn man diesen Teufelskreis brechen könnte, würden die Zinsen wahrscheinlich zurückgehen.

Soll Europa einen gemeinsamen Bankenrettungsfonds bilden?
Das wäre sehr sinnvoll. Ohne funktionsfähige Banken gibt es kein Wachstum: Das wissen wir aus verschiedenen Ländern. In Europa wären die beiden Rettungsfonds EFSF und ESM, die bislang nur für Kredite an Staaten vorgesehen sind, womöglich die geeigneten Vehikel. Im Fall von Spanien wird ja bereits über ein zentral finanziertes Bankenrettungsprogramm gesprochen.

Wirtschafts- und Bilanzzahlen sind das eine – die Hunderttausenden von Arbeitslosen in Spanien das andere. Wie kommen diese Leute wieder zu einem Job?
Man muss dazu anmerken, dass die spanische Arbeitslosigkeit statistisch etwas überschätzt wird. Ein Teil der 25 Prozent, von denen die Rede ist, arbeitet zumindest in Teilzeit. An der düsteren Zukunftsperspektive ändert dies allerdings nichts: Es wird sehr lange dauern, um in Spanien die Arbeitslosigkeit markant zu reduzieren. Dasselbe gilt für Gesamteuropa, wo die Arbeitslosigkeit etwa 10 Prozent beträgt. Es braucht eine Stärkung der Nachfrage, aber auch eine Deregulierung der Arbeitsmärkte, damit die Leute wieder eingestellt werden.

Erstellt: 08.05.2012, 14:53 Uhr

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