Plötzlich wollten alle das Kapital beziehen

Mit ihren Leistungen beeinflussen Pensionskassen das Verhalten ihrer Mitglieder. Aber wie, ist nur bruchstückhaft bekannt.

Die Senkung des Umwandlungssatzes löste 2003 eine Protestwelle aus: Nach dem ersten Schock sank die Zahl der Kapitalbezüger bis ins Jahr 2005 auf rund 63 Prozent.

Die Senkung des Umwandlungssatzes löste 2003 eine Protestwelle aus: Nach dem ersten Schock sank die Zahl der Kapitalbezüger bis ins Jahr 2005 auf rund 63 Prozent. Bild: Keystone

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Mitte 2003 kündigten vier grosse Versicherungen fast gleichzeitig an, dass ihre Sammelstiftungen für die Berufsvorsorge die Umwandlungssätze senken werden. Die Mitteilung traf die Öffentlichkeit und die Versicherten völlig unvorbereitet. Auch in den Medien war die Senkung bis dahin kein Thema gewesen. Der Schock sass tief: Die Gewerkschaften riefen gegen den angeblichen Rentenklau zu Demonstrationen auf.

An die 20'000 Franken verlor ein Versicherter im Durchschnitt wegen der Kürzung des Umwandlungssatzes im überobligatorischen Bereich von 7,2 auf 5,8 Prozent, wie Maria Grazia Zito in ihrer Dissertation «Choices at Retirement» schätzt. Darin untersucht sie, wie 5400 60- bis 65-jährige Versicherte der vier Sammelstiftungen auf die Kürzung reagierten. Um noch von den alten Konditionen zu profitieren, verabschiedeten sich im Dezember 2003 beinahe 500 Senioren vom Arbeitsleben, sodass sich die Zahl der Frühpensionierungen beinahe verdreifachte. Dabei entschieden sich die meisten, nämlich 85 Prozent, für die Kapitaloption. Das sind 14 Prozentpunkte mehr als vor Bekanntgabe der Massnahmen.

Rente vorteilhafter als Kapital

«Das zeigt, wie wichtig der Umwandlungssatz ist, wenn es um den Entscheid Rente oder Kapital geht», meint die Autorin. «Dieser Aspekt ging auch in der Abstimmung über die Senkung des Umwandlungssatzes im vergangenen Frühling unter. Man spricht immer nur von den technischen Faktoren, aber überlegt sich nicht, wie ein tieferer Umwandlungssatz das Verhalten der Versicherten beeinflusst.» Wie sich die Senkung auswirkte, wussten selbst die Versicherungen nicht. «Es gibt viele Zahlen, aber sie werden kaum ausgewertet», sagt Maria Grazia Zito, die inzwischen für Axa Winterthur arbeitet.

Nach dem ersten Schock sank die Zahl der Kapitalbezüger bis ins Jahr 2005 auf rund 63 Prozent, was in Sammelstiftungen ein übliches Niveau darstellt. «Dass sich 6 von 10 Menschen für das Kapital und gegen eine Rente entscheiden – das ist überraschend viel», sagt Zito. Denn theoretisch müssten viel mehr Personen die Rente beziehen. Sie ist häufig vorteilhafter, weil der in den Renten eingebaute Zins hoch ist und sie erst noch eine Absicherung gegen das Langlebe-Risiko bieten. «Vermutlich ist es gerade für Leute mit einem kleinen Altersguthaben aus psychologischen Gründen attraktiver, einmal einen grossen Betrag zu erhalten statt viele kleine monatliche Renten», glaubt Zito.

Pension, sobald man es sich leisten kann

Bei der hohen Zahl von Kapitalbezügern ist zu berücksichtigen, dass in den Sammelstiftungen Altersguthaben bei der Pensionierung im Durchschnitt nur 220'000 Franken und eine übliche Rente etwa 1400 Franken pro Monat beträgt. Beide Werte sind deutlich tiefer als in autonomen Kassen. Möglicherweise beziehen viele bei Sammelstiftungen Versicherte das Kapital, verbrauchen es und empfangen nachher AHV-Ergänzungsleistungen – oder lassen es mindestens drauf ankommen.Die Zahl von Kapitalbezügern ist deutlich kleiner, wenn den angehenden Pensionierten eine Bedenkfrist auferlegt wird. Ein weiterer erstaunlicher Befund: Fast alle Versicherten lassen sich entweder das ganze Alterskapital oder nichts auszahlen.

Nur 3 Prozent wählen einen Teilbezug, obwohl eine abgestufte Lösung in vielen Fällen eine angemessene Lösung wäre. Weiter konnte Maria Grazia Zito nachweisen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kapitalbezugs um etwa 3 Prozent zunimmt, wenn die Zinsen um 0,9 Prozent steigen. Offensichtlich beurteilen Versicherte die Anlagechancen bei höheren Zinsen optimistischer. Die Dissertation bestätigt ferner empirisch, dass Arbeitnehmer in Pension gehen, sobald sie sich dies leisten können. Je tiefer das letzte Arbeitseinkommen, um so später verabschieden sie sich.

* Maria Grazia Zito: Choices at Retirement. Dissertation. Zürich 2011. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2011, 20:35 Uhr

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