Reiche Norweger

Sie haben Öl und sie haben einen Staatsfonds, der 140'000 Franken pro Einwohner angelegt hat. Warum sich also Sorgen machen?

Das schwarze Gold sorgt in Norwegen für Wohlstand: Ölplattform Statfjord A in der Nordsee. Foto: EPA, Keystone

Das schwarze Gold sorgt in Norwegen für Wohlstand: Ölplattform Statfjord A in der Nordsee. Foto: EPA, Keystone

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Norwegen ist reich. So reich, dass ein Big Mac in Oslo umgerechnet 7 Franken kostet, das Parlament das Betteln verbieten möchte und die Kühe im Stall auf Matratzen schlafen. Norwegen wird noch reicher. Und die norwegische Wirtschaft wächst schneller als der Durchschnitt der EU-Länder, zu denen das Land aber nicht gehört. Um 1,2 Prozent legte das Bruttoinlandprodukt zwischen April und Juni zu, während es im Euroraum gar nicht gewachsen ist.

Was steckt hinter diesem Erfolg? «Norwegen ist anders als Deutschland und alle Länder der EU», sagt Halvor Mehlum, Wirtschaftsprofessor an der Universität Oslo. Der Unterschied: Norwegen fördert Erdöl, ist einer der grössten Exporteure der Welt. Das Geld, das es damit verdient, steckt es in einen gigantischen Fonds, den grössten Staatsfonds der Welt. Einen Teil der Rendite dieses Fonds, bis zu vier Prozent, darf die Regierung verwenden. «Das macht es ihr möglich, viel mehr Geld auszugeben, als sie an Steuern einnimmt», erklärt Mehlum.

Der Reichtum Norwegens trifft zudem auf wenige Menschen, etwas mehr als fünf Millionen leben in dem Land. Die Regierung investiert viel Geld in Bildung, die Arbeitslosigkeit ist gering, die Löhne sind hoch. Weil Mitarbeiter teuer sind, müssten die norwegischen Firmen besonders effizient sein, erklärt Mehlum, und dafür in neue Technologie investieren. Unternehmen, denen das nicht möglich ist, ziehen weg. Gleichzeitig sind die Waren, die noch in Norwegen hergestellt werden, entsprechend teurer. Die wohlhabenden Norweger können sie sich trotzdem leisten.

Das Öl kompensiert Nachteile

Doch dem Export schaden die hohen Löhne. «Darüber müssen wir uns allerdings nicht so grosse Sorgen machen», sagt Mehlum. Schliesslich investiere der Öl-Fonds seine umgerechnet etwa 680 Milliarden Euro bereits im Ausland. Was Norwegen ausser Öl und Gas exportiert, hat meistens ebenfalls mit Erdöl zu tun, wie Ausrüstung und Fachwissen. Ansonsten verkauft Norwegen nicht viel mehr als Fisch und Aluminium ins Ausland.

Die hohen Löhne führen zudem dazu, dass die Norweger mehr ausgeben. Genau das hat im Frühjahr mit für das überraschend grosse Wachstum gesorgt. «Interessanterweise liegt dieser Schub nicht an der Öl- und Gasindustrie, sondern an der Festland-Ökonomie, wie die Norweger es nennen», sagt Gernot Doppelhofer, Professor an der Norwegian School of Economics (NHH) in Bergen. Vor allem die Nahrungsmittelindustrie sei gewachsen. «Den Haushalten geht es gut, sie haben gute Einkünfte, und die Arbeitslosigkeit ist gering. Entsprechend konsumieren die Norweger mehr.»

Wachsende Verschuldung

Norwegens Reichtum birgt jedoch auch Risiken. Die Norweger verschulden sich immer stärker, vor allem weil sich viele ihr eigenes Haus leisten. Die Häuserpreise sind seit langer Zeit sehr hoch, und sind in den vergangenen Jahren zudem stärker gestiegen als in jedem EU-Land. Trotzdem kaufen die Norweger, auch weil die Zinsen für Kredite relativ niedrig sind. Die Regierung hat die Banken nun dazu angehalten, die Anforderungen für die Darlehen zu erhöhen. Seither sparen die Menschen zwar notgedrungen mehr.«Dennoch wachsen die Schulden der Norweger immer noch schneller als ihre Einkünfte», sagt Doppelhofer. Im Schnitt übersteigen die Schulden eines norwegischen Haushalts sein Jahreseinkommen um das Doppelte.

Damit wäre es auf einen Schlag vorbei, würde die Regierung das Vermögen aus dem Öl-Fonds unter den Einwohnern verteilen. Jeder erhielte dann etwa eine Million norwegische Kronen (148'000 Franken). Doch der Fonds hat einen anderen Zweck: Er sorgt für die Zeit vor, in der die Erdöl-Ressourcen verbraucht sind.

Ausser der Kauflust der Norweger gibt es eine zweite Hauptursache für das Wachstum: Norwegen produziert mehr Strom als früher. Etwa ein Viertel des Wachstumssprungs im zweiten Quartal ist allein darauf zurückzuführen. Den Strom gewinnt das Land nicht aus Öl oder Gas. Es versorgt sich fast ausschliesslich mit Wasserkraft. Seine gros­sen Seen sollen Norwegen zum Energiespeicher Europas machen.

Energie speichern, Reichtum speichern, wird das reichen? Etwa ein Viertel des Bruttoinlandprodukts Norwegens hängt heute noch vom Erdöl ab, und das ist irgendwann erschöpft. Dann müssen andere Wirtschaftszweige für Wachstum sorgen. Deswegen sei problematisch, dass Norwegen vergleichsweise wenig Geld in Forschung und Entwicklung investiert, nämlich nur 2,2 Prozent seines Bruttoinlandprodukts, sagt Doppelhofer. Damit hinkt es einigen EU-Ländern hinterher. Um den Wirtschaftsstandort Norwegen auch in Zukunft zu sichern, müsse das Land in die Produktivität von Arbeitskräften und Betrieben investieren, fordert der Ökonom und fügt hinzu: «Auf längere Sicht bedeutet das wahrscheinlich auch eine bescheidenere Entwicklung der Lebensstandards in Norwegen.»

Erstellt: 09.09.2014, 07:06 Uhr

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