Rettet China Europa?

China lasse Europa nicht im Stich – das gab das Reich der Mitte in den letzten Tagen bekannt. Fragt sich nur, wohin die Hilfe Pekings führt. «Sehr weit», meint ein führendes Wirtschaftsblatt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Chinesische Polit- und Wirtschaftsführer im afrikanischen Niemandsland, dieses Bild kennen wir aus den Nachrichten. Auf der Suche nach Rohstoffen haben die Manager aus dem Reich der Mitte viele Staaten des Schwarzen Kontinents an sich gebunden. Ganz nach dem Motto: Wir bauen euch Strassen und liefern die Autos dazu, ihr gebt uns dafür den Zugang zum Erdreich. In den USA baggern die Chinesen nicht im Boden sondern auf den Finanzmärkten. Für 900 Milliarden Dollar haben sie bereits Staatsanleihen von Onkel Sam gekauft. Mit der Folge, dass Washington jährlich Zinsen in zigfacher Milliardenhöhe Richtung Asien leisten muss.

Nach den USA und Afrika gerät nun auch Europa immer mehr ins Visier der Chinesen. Bereits im Oktober hatten sie angekündigt, den klammen Griechen unter die Arme zu greifen. Mit dem Kauf griechischer Staatsanleihen und dem Einstieg bei griechischen Hafenbetreibern hat die chinesische Wirtschaftsmacht den ersten Schritt in Richtung Europa bereits gemacht. Das Kalkül scheint klar: Mit Beteiligungen an südeuropäischen Häfen sichert man sich die Zufahrtswege zum riesigen Markt des europäischen Kontinents.

Kaufen die Chinesen bald europäische Konzerne?

Dass die Chinesen schon länger Staatsanleihen europäischer Länder kaufen, ist bekannt. Nur waren in den letzten Tagen vermehrt Anzeichen erkennbar, dass man diese Politik noch intensivieren werde. Offensichtlich sucht Peking nach einer zweiten Weltreservewährung, um seine Überschüsse zu parkieren. Man unterstütze die Eurozone bei der Überwindung der Schuldenkrise, sagte gestern der chinesische Vizepremierminister Wang Qishan in Peking bei einem chinesisch-europäischen Wirtschaftstreffen. Der Euro reagierte prompt und legte einen Zacken zu.

Dass diese «Hilfe» aber nur darin besteht, die Schuldenpapiere europäischer Staaten zu kaufen, wird bezweifelt. In einem Leitartikel mit dem Titel «Keine Angst vor dem chinesischen Helfer» schreibt die «Financial Times Deutschland» (FTD) über den nächsten Schritt des interkontinentalen Unter-die-Arme-Greifens. «Künftig wird es immer häufiger um die Frage gehen, ob chinesische Unternehmen bei europäischen einsteigen oder diese ganz übernehmen.»

Angst vor Image-Verlust

Die Sache scheint klar. Europäische Firmen, die auf Kapitalsuche sind, werden künftig um chinesische Partner oder Käufer kaum mehr herumkommen – sei das in der Finanzbranche oder der Industrie. Bisher rümpfte man zwar die Nase. Eine europäische Bank, bei der die Chinesen dreinreden, kann das gut gehen? So geschehen beim Verkauf der Dresdner Bank durch den deutschen Finanzriesen Allianz. Chinesen machten mit beim Bieterwettbewerb, die deutsche Politik sträubte sich gegen die Asiaten. Am Schluss platzte der Deal gar. Bei Opel boten die Chinesen ebenfalls mit. Ohne Erfolg.

Auch bei der UBS machte die Suche nach Investoren in Singapur halt. Geld aus dem stramm geführten Stadtstaat schien gerade noch möglich. Aber China? Bis jetzt schien das nicht wirklich ein realistisches Szenario. Zu gross war die Angst vor einem Imageschaden und vor negativen Folgen für die Geschäftstätigkeit.

In einem offenen Markt dürfen alle mitmachen

In einigen Fällen hat der chinesische Zugriff auf Europas Firmen zwar schon geklappt. Volvo sei hier genannt. Es könnte aber noch einiges kommen. «Wenn das Reich der Mitte die Euro-Zone rettet, ist das ein Türöffner für chinesische Unternehmen in Europa», steht im «FTD»-Beitrag. Und Abwehrreaktionen, sei dies aus Angst vor Wirtschaftsspionage oder sonstigen diffusen Bedenken, seien nicht mehr angebracht. «In einer offenen Marktwirtschaft gibt es keinen Grund, einzelne Teilnehmer von vornherein vom Wettbewerb auszuschliessen.»

Erstellt: 22.12.2010, 10:27 Uhr

Artikel zum Thema

Japans neuer Gegner heisst China

Nicht mehr Russland, sondern Nordkorea und China werden in Japan als grösste potenzielle Bedrohungen gesehen, an der die neue Verteidigungspolitik ausgerichtet werden soll. Peking reagierte verärgert. Mehr...

Kehrt die gelbe Gefahr zurück?

Chinas unaufhaltsamer Aufstieg wird dem Westen unheimlich. Selbst Henry Kissinger, Architekt der langjährigen Friedenspolitik zwischen Washington und Peking, macht sich Sorgen. Mehr...

Zwei Wirtschaftsmächte im Kampf um den zweiten Platz

China und Japan liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz zwei der grössten Volkswirtschaften der Erde. Im Moment steht Japan wieder an zweiter Stelle. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...