Rohstoffpreise im freien Fall

Öl, Eisen, Soja: Die Ressourcen der Welt sind so billig wie noch nie seit der Finanzkrise. Und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Was das für die Weltwirtschaft heisst.

Es herrscht Flaute auf dem Rohstoffmarkt: Preisindex aus 22 gehandelten Metallen, Energieträgern und Agrarrohstoffen.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

94 Dollar. So viel kostet derzeit ein Fass Öl der Sorte Brent. Das sind 12 Prozent weniger als Anfang Jahr (der Preis lag damals bei 107 Dollar) und sogar 26 Prozent weniger als zum Höchststand im Jahr 2011. Der schwarze Energieträger ist derzeit sehr günstig. Ähnlich ist es beim Eisen. Die Tonne Eisenerz kostet, in Dollar gerechnet, heute noch rund halb so viel wie vor vier Jahren. Auch der Preis von Sojabohnen ist um rund 40 Prozent eingebrochen und bewegt sich heute auf dem Niveau von 2010. Die drei Materialien sind keine Einzelfälle.

Rohstoffe sind aktuell so günstig wie nie seit der Finanzkrise: Das zeigt ein Index, der die Preise von 22 wichtigen Energieträgern, Metallen und Agrarrohstoffen zusammenfasst (siehe Grafik). Damit neigt sich ein Zyklus seinem Ende zu, der zu Beginn des Jahrtausends seinen Anfang nahm und sich nach einem Zwischentief auch nach der Finanzkrise fortsetzte. Die Ära hoher Rohstoffpreise scheint passé. Davon geht auch der IWF in seinem neuen Bericht zur Weltwirtschaft aus. Er schätzt, dass die Öl-, Metall- und Nahrungsmittelpreise auch in den Jahren 2014 bis 2016 fallen werden.

Ein typischer Schweinezyklus

Die Ursachenforschung dafür beginnt in den USA – im Land, das nach wie vor die wichtigste Handels- und Referenzwährung für Rohstoffe stellt. Diese Währung hat sich im letzten Jahr handelsgewichtet um fast 8 Prozent aufgewertet. Je teurer der US-Dollar aus der Sicht der übrigen Welt wird, desto kostspieliger werden aber auch Rohstoffe für Käufer ausserhalb der USA, was die Nachfrage schwächt. Auch die US-Börse spielt eine Rolle: Die Aussicht auf eine baldige Straffung der dortigen Geldpolitik macht Rohstoffe gegenüber anderen Anlagen weniger attraktiv.

Der Schiefergasboom in den USA ist ein weiterer Faktor. Er erklärt vor allem den Rückgang der Ölpreise. «Zweistellige jährliche Wachstumsraten bei der neuen Fördertechnik haben das Angebot an fossilem Brennmaterial in den letzten Jahren stark erhöht», sagt Jörn Spillmann, Volkswirtschaftler bei der Zürcher Kantonalbank. Doch die Nachfrage hält damit nicht Schritt. Das gilt mit Blick auf Europa, das sich nur mühsam aus der Rezession kämpft, aber auch für China, wo die Regierung einen Umbau des Wirtschaftsmodells weg von ressourcenintensiven Industrien hin zu höherwertigen Technologiegütern und Dienstleistungen anstrebt.

Hinzu kommt die Eigendynamik im Bergbausektor, der bis zur Finanzkrise einen beispiellosen Boom erlebt hat. «Rohstoffförderer wurden durch die hohen Preise, die bis 2008 herrschten, angestachelt», erklärt der Spezialist Ole Sloth Hansen von der Saxobank, «der jetzige Abschwung ist das Ergebnis von Entscheidungen, die vor fünf Jahren getroffen wurden.» Laut Hansen bestehen heute Überkapazitäten, etwa beim Kupfer und beim Eisenerz. Wegen dieses Ungleichgewichts rechnet der Rohstoffstratege nicht mit einer baldigen Umkehr des Abwärtstrends.

Es profitieren die USA

Leidtragende der Entwicklung sind primär die Rohstoffexporteure. Also Länder wie Australien, ein Schwergewicht beim Eisenerz. Oder Brasilien, das neben Eisenerz auch Soja und Mais im grossen Stil exportiert. Die jüngste Explosion des Kaffeepreises ist für Brasilien nur ein halber Trost. Denn sie beruht auf einer Dürreperiode, die der dortigen Ernte dieses Jahr stark zugesetzt hat. «Für Länder wie Brasilien, die ohnehin strukturelle Schwierigkeiten haben, sind die niedrigen Rohstoffpreise ein zusätzliches Problem», sagt ZKB-Ökonom Jörn Spillmann.

Für Weltregionen wie China – den grössten Verbraucher von Eisenerz bis Kohle – und auch Europa sind sinkende Rohstoffpreise dagegen eine gute Nachricht. Das gilt speziell beim Erdöl: Billiger Treibstoff entlastet das Portemonnaie der Konsumenten, auch für Unternehmen sinken die Kosten. «Rohstoffpreise haben nach wie vor eine grosse Bedeutung für die Konjunktur», sagt Jörn Spillmann. Laut dem Ökonomen dürften besonders die USA von sinkenden Rohstoffpreisen profitieren. Anders als in Europa werden die Rabatte dort nicht durch Währungseffekte zunichtegemacht. «Die tiefen Preise nützen der Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Unternehmen.»

Erstellt: 07.10.2014, 15:11 Uhr

Konfrontiert mit sinkenden Preisen: Mine in Australien. (Bild: Reuters )

Artikel zum Thema

Warum Erdöl plötzlich so billig ist

Trotz der Krisen und Kriege in mehreren wichtigen Produktionsregionen ist Erdöl billig wie lange nicht mehr. Die Hintergründe. Mehr...

Die Welt brennt, der Ölpreis fällt

Die Nachfrage ist geringer als erwartet, währenddessen steigt das Angebot. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...