Schweizer Börse beugt sich der Kritik der Banken

Die SIX, der neben dem Börsenhandel auch der Zahlungsverkehr in der Schweiz obliegt, will sich wieder vermehrt ihren Kerngeschäften widmen.

Die Geschichte der Schweizer Börse ist von vielen Wandeln gebprägt, heute spielt sie für die SIX-Gruppe nur noch eine untergeordnete Rolle: Börsenhandel in Zürich 1981.

Die Geschichte der Schweizer Börse ist von vielen Wandeln gebprägt, heute spielt sie für die SIX-Gruppe nur noch eine untergeordnete Rolle: Börsenhandel in Zürich 1981. Bild: Keystone

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Die SIX, die auch die Schweizer Börse betreibt, baut um. Anders als früher, als sie noch internationale Expansionspläne gehegt hat, will sie sich jetzt vor allem in den Dienst ihrer Aktionäre stellen: den Schweizer Banken. Zudem will sie schlanker und fokussierter werden. Und sie hat einen neuen CEO vorgestellt (siehe Box).

Hintergrund der Umstrukturierung ist die Unzufriedenheit der Banken mit der bisherigen Entwicklung und Struktur der SIX. Sie wurde schon im Vorfeld des heute kommunizierten Umbaus überaus deutlich. «Ich glaube nicht, dass das heutige Geschäftsmodell langfristig nachhaltig ist», hat etwa UBS-Konzernchef Sergio Ermotti Ende Juni dem Blick erzählt. Weil die Grossbank mit 17 Prozent der grösste Einzelaktionär der SIX ist – die beiden Grossbanken verfügen zusammen über 30,1 Prozent – haben diese Worte für Furore gesorgt. Andere Banker äusserten sich ähnlich, wenn auch nicht in aller Öffentlichkeit.

Fast bis in die Details hat die SIX versucht, sich wieder mehr auf die Ansprüche der Banken – ihrer Besitzer – zu fokussieren. Nicht mehr der Ausbau im Ausland oder in neue Geschäftsfelder steht im Vordergrund, sondern die Konzentration auf die Finanzinfrastruktur im Inland. Wachsen will man zwar weiterhin, aber vor allem durch den Ausbau von Dienstleistungen für die Schweizer Banken.

Börse steht nicht mehr im Zentrum

Obwohl das Unternehmen vor allem durch die Börse bekannt ist, hat diese gemessen am Umsatz und am absoluten Gewinn neben den anderen aktuellen Sparten nur das kleinste Gewicht. Von den 1,2 Milliarden Franken Umsatz, den alle Sparten im ersten Halbjahr 2017 eingenommen haben, entfallen nur gerade noch 101 Millionen auf den Börsenhandel im engeren Sinn. Auch vom Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) von insgesamt 164 Millionen Franken entfallen nur 35 Millionen auf den Börsenhandel. Immerhin ist dieser Bereich mit einer Ebit-Marge von mehr als 35 Prozent aber der profitabelste der SIX-Bereiche.

Den Börsenhandel wird es in der neuen Struktur der SIX weiterhin geben. Das ist trotz der historischen Bedeutung für das Unternehmen nicht selbstverständlich. Ende Juli hat der seit Anfang Jahr amtierende Verwaltungsratspräsident Romeo Lacher der Zeitschrift «Bilanz» noch erklärt, der Aktienhandel müsse nicht mehr zwingend zur SIX gehören.

Vom Umbau betroffen ist die Börse dennoch. Sie wird mit dem grösseren Bereich «Securities Services» zusammengelegt. Das macht Sinn, weil in diesem Bereich, der im ersten Halbjahr einen Umsatz von 186 Millionen und einen Betriebsgewinn (Ebit) von 32,7 Millionen Franken erzielt hat, die Dienstleistungen rund um den Börsenhandel angesiedelt sind, wie zum Beispiel die Verwahrung der Wertschriften (Custody).

Ausgliederung aus dem Bereich Zahlungsverkehr

Im Zentrum des Umbaus steht der grösste Bereich der SIX: der Zahlungsverkehr (Payment Services). Im ersten Halbjahr hat er 452 Millionen Franken zum Umsatz und 38,3 Millionen Franken zum Betriebsgewinn (Ebit) beigetragen. Trotz einer geringen Marge von 8,5 Prozent hat dieser Bereich die grösste Bedeutung für die Besitzer und Aktionäre des Unternehmens: die Schweizer Banken. Zur Sparte des Zahlungsverkehrs gehörte bisher einerseits die Abwicklung der Zahlungen im Inland zwischen den Banken, aber auch jene über Debit- und Kreditkarten. Andererseits hat die SIX auch im Ausland im Bereich von Kartenzahlungen Dienstleistungen angeboten.

Dieses Auslandgeschäft, das rund die Hälfte des Umsatzes des Bereichs «Payment Services» ausmacht, wird nun aus der Kernorganisation herausgelöst. Man suche dafür eine strategische Partnerschaft, erklärt Romeo Lacher zu den Plänen. Als Grund gibt der Präsident des Verwaltungsrates an, dieses Geschäft stehe in einem scharfen internationalen Wettbewerb. Um mithalten zu können, ist hier eine Grösse vonnöten, die die SIX nicht hat, denn die Kosten sind pro Nutzer je tiefer, je grösser die Nutzerzahl ist. Ökonomen nennen das «Economies of Scale». Lacher erklärt, er wäre sogar bereit, den Mehrheitsanteil an einen strategischen Partner abzugeben. Obwohl der Verwaltungsratspräsident das heute ausschloss, bleibt auch möglich, dass die SIX gleich ganz verkauft.

Neu geschaffen wird weiter ein neuer Bereich «Innovation und Netzwerk». Hier sollen alle bisherigen Innovationsanstrengungen gebündelt werden. Mit dieser Einheit geht es dem Unternehmen vor allem darum, den Anschluss an neue Entwicklungen und Technologien, wie zum Beispiel die Blockchain, nicht zu verpassen und für Banken rasche und massgeschneiderte Lösungen entwickeln zu können. Die bisherigen Bereiche «IT», «Finance und Services» und «Daten» (letzterer bisher unter dem Namen «Financial Information») bleiben bestehen. Der Bereich «Daten» soll strikt profitorientiert und international tätig sein. Weiter will die SIX weniger als Konglomerat vieler Bereiche und mehr als einheitliches Unternehmen mit einer starken Marke wahrgenommen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2017, 13:44 Uhr

Niederländer wird neuer Chef der Finanzdienstleisterin SIX

Nach dem Abgang von Urs Rüegsegger erhält die Finanzinfrastrukturbetreiberin SIX einen neuen Chef: Der Niederländer Jos Dijsselhof werde am 1. Januar 2018 das Amt antreten, teilte die SIX am Freitag in einem Communiqué mit.
Rüegsegger hatte im Mai seinen Rücktritt angekündigt. Der 52-jährige Dijsselhof war bis vor kurzem operativer Chef und zeitweilig sogar Interims-Chef der Mehrländerbörse Euronext. Er sei aufgrund seiner breiten Erfahrung im Wertschriften- und Finanzdatengeschäft sowie im Zahlungsverkehr bestens vertraut mit den Geschäftsmodellen von SIX, hiess es im Communiqué.
Dijsselhof verfügt über einen Abschluss in Computerwissenschaft sowie Betriebswirtschaft und hat in seiner Karriere zahlreiche Umstrukturierungsprojekte geleitet. Er war unter anderem für ABN Amro Bank, Royal Bank of Scotland und ANZ Australia & New Zealand Banking Group tätig. (SDA)

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