Schweizer Topökonom geisselt seine Zunft

Gewöhnlich lehrt er Studenten und berät Politiker. In einem Interview richtet Professor Thomas Straubhaar nun harte Worte gegen seine eigenen Fachkollegen.

«Ich traue den alten Weisheiten nicht mehr»: Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts.

«Ich traue den alten Weisheiten nicht mehr»: Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts. Bild: Keystone

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Zu dogmatisch, zu wenig interdisziplinär und zu wenig realitätsbezogen: Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, kritisiert in einem Interview mit der Zeitung «Financial Times Deutschland» (FTD) die Wirtschaftswissenschaften massiv. Straubhaar fordert von den führenden Köpfen der Disziplin, mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Bereits im November hatte Straubhaar in einem FTD-Artikel ähnliche Forderungen gestellt.

«Zu einfache Weisheiten»

Straubhaar zufolge hat das Ansehen der Ökonomie während und durch die Wirtschaftskrise drastisch nachgelassen. Laut dem Schweizer Ökonomen haben sich die Wirtschaftswissenschaften in den letzten Jahrzehnten auf «zu einfache Weisheiten» verlassen. Es sei deshalb für Ökonomen dringend an der Zeit, bescheidener zu werden.

Von seinen Fachkollegen fordert Straubhaar, sich vermehrt mit Sozialwissenschaftlern, Ökologen, Historikern und Psychologen zusammenzutun. Nur so könnten die Wirtschaftswissenschaften in Zukunft einen Nutzen für die Politik erbringen. Schuld am Versagen der Ökonomie angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise sei der «Imperialismus der Ökonomen», so Straubhaar. Um die Lehre zu erneuern, müssten Wirtschaftswissenschaftler nun ihre Überheblichkeit ablegen.

Persönlich traue er den alten Weisheiten, dass Deregulierung immer besser sei, nicht mehr, sagt Straubhaar zudem im Interview. Die Kapitalmärkte hätten ein Eigenleben entwickelt, mit dem die Abläufe in der Realwirtschaft nicht mehr standhalten könnten.

Das Echo der Medien

Straubhaars Äusserungen gegenüber der FTD erregen Aufsehen, gilt er doch als einer der renommiertesten Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Im Gegensatz zu zahlreichen Wissenschaftlern aus der zweiten Reihe wagte es bislang noch kaum einer der Top-Ökonomen, mit Nachdruck einen wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmenwechsel zu fordern. Bei den Medien scheint Straubhaars Interview jedenfalls eingeschlagen zu haben: Wie Straubhaar gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, sei er am heutigen Publikationstag von Journalistenanfragen überhäuft worden.

Erstaunen bei den Medienleuten dürfte Straubhaar auch deshalb ausgelöst haben, weil er in den letzten Jahren nicht eben als Rebell unter den Ökonomen aufgefallen war. Es waren Leute wie der Brite Edward Fullbrook, die als wissenschaftliche Aussenseiter einen antidogmatischen Diskurs bereits vor der Finanzkrise vorangetrieben hatten. Amerikanische Wirtschaftler wie Paul Krugman oder Dani Rodrik standen ihnen als Professoren mit Lehrstühlen an Eliteuniversitäten dabei zur Seite.

Auf den fahrenden Zug aufspringen

Dass nun auch Straubhaar in die Reihe der ökonomischen Mainstream-Kritiker tritt, mag als Opportunismus interpretiert werden. Springt Straubhaar mit seiner pointierten Kritik also auf einen fahrenden Zug auf? Sein Hamburger Institut ist jedenfalls auf Aufträge aus Politik und Wirtschaft angewiesen und muss am Puls der Zeit bleiben.

Der Ökonom selbst hält dies für eine «akademische Frage» und mag sich nicht weiter dazu äussern. Umso mehr betont er die Notwendigkeit eines Wandels: Die kritischen Stimmen seien vielleicht in der Mehrzahl, hätten aber in den Wissenschaften noch zu wenig Einfluss. Ein Wandel könne demgegenüber erst eintreten, wenn Lehrstühle konsequent durch unorthodoxe Ökonomen besetzt würden, so Straubhaar zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Erstellt: 07.03.2012, 10:30 Uhr

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