Skimming-Fälle nehmen massiv zu

Geldautomaten und andere Kreditkarten-Lesegeräte werden immer häufiger manipuliert. Den Schaden hat in der Regel die Bank, den Ärger der Kunde.

Die fiesen Tricks der Betrüger: Aufsatz einer Bancomat-Tastatur.

Die fiesen Tricks der Betrüger: Aufsatz einer Bancomat-Tastatur. Bild: Keystone

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Der Fall von U. J.* ist ganz und gar typisch. Am Samstag, 21. Mai, schob er seine Maestrokarte in einen Bancomaten der Zürcher Kantonalbank. Schwupp! Der Automat zog die Karte ein, um sie nicht wieder herzugeben. Und Geld gab es schon gar keines. «Ich wusste nicht, was los war», sagt J. im Rückblick. «Und vor allem war ich mir sicher, dass mein Konto nicht im Minus war.»

Er liess die Karte sofort sperren – nicht wissend, dass diese bereits gesperrt war und deshalb vom Bancomaten einbehalten worden war. Am Montag überprüfte J. seinen Kontostand. Zu seinem Ärger stellte er fest, dass am Freitag bereits drei Geldbezüge abgebucht worden waren. Bezüge, für die er keine Erklärung hatte. Zur gleichen Zeit, in der er in einem Migros-Restaurant im Zürcher Oberland mit seiner Maestrokarte zahlte, bezog ein Unbekannter mit einem Kartendouble in New York zweimal 800 und einmal 200 Dollar – Geld, das seinem Konto belastet wurde.

Die Daten sind die Sahne

J. ist ein Skimming-Opfer – vom englischen Verb to skim: abschöpfen, absahnen. Skim milk ist im Englischen die entrahmte Milch. Hier geht es allerdings im übertragenen Sinn um das Absahnen von Kundendaten an Geldautomaten oder anderen Zahlstellen, etwa den Billettautomaten der SBB. Die Skimming-Kriminellen brauchen zweierlei: die Daten, die im Magnetstreifen der Bankkarte gespeichert sind, und den PIN-Code des Kunden.

Den Magnetstreifen erfassen sie in der Regel über ein Lesegerät, das sie auf den Karteneinzug aufsetzen. Um an den PIN-Code zu kommen, gibt es verschiedene Methoden. Der einfache und eher plumpe, aber oft erfolgreiche Weg: Ein Ganove beobachtet den Kunden beim Eintippen seines Codes. Die technologische Weiterentwicklung des Spions ist die Installation einer für den Laien kaum sichtbaren Minikamera. Die dritte Methode ist die über die Tastatur gestülpte Folie, die das Eintippen der Zahlen registriert.

Automaten genauer anschauen

Die Täter schicken die geklauten Magnetstreifendaten per E-Mail an Komplizen, die meist im Ausland sitzen, oft in Rumänien oder Bulgarien. Diese spielen die Daten mit handelsüblicher Hardware auf einen unbeschriebenen Kartenrohling. Mit der Dublette und dem Code heben die Hintermänner Geld ab, in auffallend vielen Fällen in den USA oder in der Karibik – weit weg vom betroffenen Karteninhaber. Dies hat damit zu tun, dass es dort für den Geldbezug am Automaten keinen Chip braucht, wie das in Europa im Allgemeinen der Fall ist.

J. sagt heute: «Ich hätte nie gedacht, dass ich selbst je Opfer eines manipulierten Automaten werden könnte.» Seit dem Vorfall schaue er die Automaten genauer an. Sindy Schmiegel, Sprecherin der SIX Group, hört das gern. Neben den verschiedenen Parteien, die sich dafür einsetzten, Kartentransaktionen so sicher wie möglich zu machen, spiele der Karteninhaber eine wichtige Rolle: «Der Kunde kann viel dazu beitragen, dass er nicht Opfer wird.» Das Schützen des PIN-Codes, zum Beispiel durch Abdecken mit der Hand, die die Zahlen eingibt, sei das A und O, um sich vor Betrügereien zu schützen. Liegt allerdings eine Lesefolie auf der Tastatur, hilft alles Abdecken nichts, wie auch Schmiegel einräumt.

Tatsache ist, dass die Skimming-Fälle in der Schweiz markant zunehmen. Verzeichnete man laut Schmiegel im Jahr 2009 erst 32 Fälle manipulierter Bancomaten, waren es 2010 bereits 135. Im laufenden Jahr registrierte man allein bis Mitte April schon 225 kriminell aufgerüstete Apparate – hochgerechnet auf das ganze Jahr sind das gegen 800.

Ein Automat – viele Opfer

Die Zahlen mögen wenig beeindrucken. Geht man aber davon aus, dass ein Apparat alle drei Minuten von einem Kartennutzer frequentiert wird, sind das 20 pro Stunde oder 480 pro Tag. Bei einem Billettautomaten im Zürcher Hauptbahnhof dürfte die Zahl der Nutzer ungleich höher liegen. Ein einziger manipulierter Automat hinterlässt somit viele Opfer.

Banken zeigen sich kulant

Zurück zu U. J., dessen Karte Ende Mai vom Bancomaten eingezogen worden ist. Geskimmt wurde J.s Karte bereits im März, wie die Zürcher Kantonalbank weiss. Wo, will die Bank «aus ermittlungstechnischen Gründen» nicht sagen. Sobald das Betrugs-Kompetenz-Zentrum bei der SIX Group registriert, dass Karten geskimmt und deren Kopien eingesetzt werden, werden die betroffenen Karten gesperrt. Karten mit Sperrcode zieht der Automat ein – oft zur Verwunderung oder zum Ärger der noch ahnungslosen Besitzer. Am 20. Mai hoben die Ganoven in New York von J.s Konto mit einer nachgefertigten Karte Geld ab. J.s Karte wurde gesperrt und am darauffolgenden Tag vom ZKB-Automaten eingezogen.

Noch wisse er nicht, ob er sein Geld – rund 1500 Franken – zurückerhalten werde, sagt der Geschädigte. J. kann sich aber entspannen. Die Kantonalbank sagt: «Bei Skimming-Fällen übernimmt die ZKB den entstandenen Schaden.» Auch bei der Bankiervereinigung heisst es, dass sich die Banken kulant zeigen würden, wenn Bancomaten manipuliert worden seien.

Billettautomaten der SBB

Dem «Tages-Anzeiger» sind mehrere Fälle bekannt, in denen Karten gesperrt und von Automaten eingezogen worden sind, bevor es den Gaunern gelang, Kartenkopien einzusetzen. In diesen Fällen müssen sich die Kunden nur um eine neue Karte bemühen. Bei den der Redaktion bekannten Fällen sind es auffallend oft nicht Bancomaten, sondern Billettautomaten der SBB, die manipuliert worden sind. Bei den Bundesbahnen heisst es aber kategorisch: «Die Billettautomaten sind so sicher wie Bancomaten.» Seit März haben die SBB an 8 der 1500 Automaten Skimming-Vorrichtungen entdeckt. Betroffen waren die Bahnhöfe Bern, Lausanne, Luzern, Zug, Thun, Olten, Zürich und Schlieren. Die Bahn hat deshalb die Überwachung verstärkt. Jeder Automat werde mindestens einmal täglich kontrolliert.* Name von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2011, 23:42 Uhr

Kennt die Tricks der Datendiebe und weiss, wie man sich schützt: Cornelia Schuoler von der Kantonspolizei Zürich. (Video: Jan Derrer)

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