Hintergrund

Soll die SNB wieder Bilanztricks anwenden?

Gewinne über Anleihen, Milliardenverluste beim Gold: Die Schweiz hadert mit dem Gewinn der Nationalbank. Der Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders ginge. Experten liebäugeln mit einer Änderung.


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Muss sich die Öffentlichkeit mit der hohen Volatilität des SNB-Gewinns abfinden und die jährliche Zitterpartie um die Gewinnausschüttung mitmachen? Der emeritierte Wirtschaftsprofessor und ausgewiesene Notenbankfachmann Peter Bernholz legt ein Überdenken des Abkommens nahe, das Bund und Kantonen aktuell eine Milliarde pro Jahr in Aussicht stellt. «Angesichts der Bilanzgrösse der SNB ist weiterhin mit hohen Schwankungen zu rechnen», sagt Bernholz. Er fragt sich, welchen Sinn die Vereinbarung aus Sicht der Finanzverantwortlichen hat, wenn die jährliche SNB-Zahlung mit derart grosser Unsicherheit behaftet ist, dass man sie besser gar nicht ins Budget aufnimmt.

Mit einem variablen Arrangement würde sich die Schweiz der Praxis in anderen Ländern annähern. Deutschland erhält beispielsweise jährlich variierende Beträge von der Bundesbank, der ein bestimmter Anteil am ausgeschütteten Gewinn der EZB zusteht. Auch dieses System funktioniert allerdings nicht reibungslos. Im vergangenen Jahr etwa konnte Finanzminister Wolfgang Schäuble anstatt der budgetierten 1,5 Milliarden Euro nur 664 Millionen Euro entgegennehmen. «Ein variables System würde für die öffentlichen Finanzen noch grössere Unsicherheiten bringen», sagt Ernst Baltensperger, profunder Kenner der Notenbankgeschichte und emeritierter Ökonomieprofessor.

Gelassenheit im Umgang

Auch der amerikanische Fiskus erhält jährlich einen variablen Betrag von der Federal Reserve. 88,9 Milliarden Dollar waren es 2012: Sowohl bezüglich der Grössenordnung als auch hinsichtlich der Gewinnentstehung bewegt sich die US-Notenbank damit auf einem anderen Planeten als die SNB. Die hohe Summe kommt beim Fed wegen des gigantischen Bestandes an US-Staatsanleihen zustande, welche die Notenbank derzeit hält. Das US-Schatzamt erhält die Schuldzinsen, die es an das Fed überreicht, also jährlich postwendend zurück. Das System ist nicht ohne Risiken. Sollte die US-Notenbank die Titel abstossen und an Private verkaufen, so fiele eine Finanzquelle für den amerikanischen Staat weg.

Dass die Erfolgsrechnung der Notenbanken stark schwankt, ist laut den Professoren eine unvermeidliche Folge der Geldpolitik nach der Finanzkrise. Ernst Baltensperger ruft zur Gelassenheit auf. «Die Öffentlichkeit sollte diese Ergebnisse mit der nötigen Vernunft interpretieren», sagt er. Peter Bernholz will es dabei nicht bewenden lassen. Stattdessen stellt er eine Grundsatzfrage: Sollen Notenbanken wie die SNB ihre Währungsreserven überhaupt anhand der aktuellen Marktpreise bewerten? Zumindest beim Gold pflegte die Nationalbank nämlich lange Zeit ein anderes Verfahren: Bis im Jahr 2000 wurde das Edelmetall in den Büchern stets mit demselben Betrag von rund 142 Franken pro Feinunze aufgeführt.

Eine radikale Kehrtwende

Danach ging man zu einer Bewertung anhand von Marktpreisen über. Laut Peter Bernholz könnte man sich für die SNB eine erneute Kehrtwende überlegen – und nicht nur fürs Gold, sondern auch für gewöhnliche Wertpapiere eine andere Bewertungsmethode ins Auge fassen. Etwa bei den Anleihen, die nebst dem Marktwert auch zum Endfälligkeitswert verbucht werden können. Oder bei den Aktien: Anstatt die Boom-and-Bust-Stimmung der Märkte eins zu eins mitzumachen, könnte sich die SNB an langfristigen Durchschnitten und Bewertungsmethoden zum Aktienmarkt orientieren – wobei die langfristigen Durchschnittswerte um die Inflation korrigiert werden sollten. «Es wäre in mancher Beziehung vernünftiger, das Portfolio der Notenbank nicht dauernd an die Marktpreise anzupassen», sagt Bernholz.

Beim Gold pflegen andere Notenbanken übrigens auch heute noch ein solches System. Sowohl die deutsche Bundesbank als auch die US-amerikanische Federal Reserve bilanzieren ihren Goldschatz zu einem fixen Preis. In Deutschland ist es der historische Anschaffungspreis von 73 Euro pro Unze, in den USA ist es ein Preis von etwas über 42 Dollar. Einerseits schlummert damit in der Fed-Bilanz noch immer ein astronomischer Gewinn. Doch der US-Notenbank drohen Bewertungsverluste von einer anderen Seite: Sollten die Zinsen in den USA schnell ansteigen, so verlören die Staatsanleihen in ihren Büchern an Wert. Vor der Möglichkeit, dass das Fed in diesem Fall weniger Geld an den Staat abliefern könnte, hat der abtretende Notenbankchef Ben Bernanke bereits gewarnt.

Die Ausweichmöglichkeit

Auch Ernst Baltensperger bringt einer Bewertungsmethode Sympathien entgegen, die weniger Schwankungen zulassen würde. «Die Bilanzierung nach Marktwert schafft ihre eigenen Probleme», sagt er. Andererseits warnt er vor der Manipulationsgefahr, die eine anders geartete Regel mit sich bringen würde. «Unter dem Gesichtspunkt der Transparenz ist die aktuelle Praxis nicht die schlechteste», so Baltensperger. Referenzkurse bei den Devisen, die vormals auch in der Schweizerischen Nationalbank gelegentlich angewendet wurden, seien in der Vergangenheit teils bis an die Grenze des Missbrauchs strapaziert worden. «Die aktuelle Praxis muss man einfach richtig verstehen.»

Wollte man bei der gegenwärtigen Regel bleiben, so ist laut Peter Bernholz immerhin denkbar, dass die Nationalbank die Gewinnschwankungen über ein stärker diversifiziertes Portfolio mindert. «Mehr Aktien zu halten, wäre eine Möglichkeit», sagt Bernholz. Ende September hielt die Nationalbank 84 Prozent ihrer Wertschriften in Anleihen. Knapp die Hälfte des Bestands lautet in Euro, etwas über ein Viertel in Dollar. «Gänzlich wegdiversifizieren lassen sich die irrationalen Ausschläge an der Börse angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftslage und -politik jedoch nicht», hält Bernholz fest. «Das SNB-Ergebnis bleibt wie dasjenige aller Anleger hochgradig davon abhängig, auf welchem Schlusskurs die Wertpapiere in der Bilanz am 31. Dezember eines Jahres zufälligerweise notieren.»

Erstellt: 07.01.2014, 19:33 Uhr

Mag nicht in die Kristallkugel blicken: SNB-Präsident Thomas Jordan. (Bild: Keystone )

Schwankende Gewinne

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Die SNB bekam die Anlegerlaunen erstmals 2010 so richtig zu spüren. In jenem Jahr machte sie zwar mit Gold einen Milliardengewinn, schrieb wegen Wechselkursstürzen trotzdem den grössten Verlust der Geschichte.

2011 wurde dann auch der Fiskus wachgerüttelt: Es schien klar, dass die SNB in jenem Jahr keinen Gewinn an Bund und Kantone ausschütten würde – bis die drehenden Finanzmärkte den Bankgewinn zum Jahresende doch noch genügend anschwellen liessen.

Hohe Kursgewinne auf Zinspapieren bewirkten 2012, dass die Erfolgsrechnung der SNB erneut positiv ausfiel.

Eine Rechnung, die 2013 wiederum ins Negative kippte, weil diesmal das Gold einen starken Preiseinbruch erlitt.

Wie die Rechnung im Jahr 2014 aussehen wird, kann sich neben all den kantonalen Finanzdirektoren selbst SNB-Präsident Thomas Jordan derzeit noch nicht ausmalen.

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