Interview

«Sorgenfrei zu sein, ist gegen die Natur des Menschen»

Der Sozialwissenschaftler Beat Kappeler hält nichts von einem bedingungslosen Grundeinkommen und nennt die Initianten «hilflose Utopisten». Ihm schwebt eine amerikanische Lösung vor.

«Wirtschaftlicher Ertrag wächst nicht auf Bäumen»: Demonstration für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland.

«Wirtschaftlicher Ertrag wächst nicht auf Bäumen»: Demonstration für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland. Bild: Uni Giessen

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Herr Kappeler, was halten Sie von der Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen»?
Gar nichts. Diese Initiative ist im wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich.

Hätten Sie sich während ihres Berufslebens nicht über ein fixes Grundeinkommen gefreut?
Doch, natürlich. Doch derlei Entscheidungen darf man nicht aus einem persönlichen Bauchgefühl heraus treffen. Jeder Bürger trägt hierzu eine gesellschaftliche Gesamtverantwortung.

Was sind Ihre konkreten Kritikpunkte an der Initiative?
Zwei Punkte sind hier zu nennen. Erster und wichtigster Punkt: Der Staat soll dem Bürger nicht seinen Lebensinhalt vorschreiben.

Was meinen Sie damit?
So alt der Vorschlag des Grundeinkommens ist, so absurd ist er. Es heisst, der Mensch werde dadurch frei von Sorgen und Ängsten. Doch genau hier liegt das Problem. Sorgenfrei zu sein, ist gegen die Natur des Menschen.

«Die Arbeit würde nicht mehr Zwang sein, sondern die Leute könnten sich eine Arbeit suchen, die ihnen Freude macht», sagt der Initiant Oswald Sigg.
Dies ist absolut utopisch. Denn nur wegen seiner Sorgen verlangt der Mensch nach mehr Bildung. Sie ist die Triebfeder jeglicher individueller Anstrengung.

Es sind also allein die Sorgen und Ängste der Menschen, die unsere Gesellschaft antreiben? Ist das nicht ein veraltetes Bild eines nutzen-maximierenden Homo Oeconomicus?
Überhaupt nicht. Ohne Sorgen gäbe es auch keinerlei Grund für zwischenmenschliche Kooperation. Wenn jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen bezieht, wird der typische Familienrahmen gesprengt. Die Leute sind nicht mehr aufeinander angewiesen. Dies wird sich auch gesamtgesellschaftlich bemerkbar machen. Der Zusammenhalt wird schwinden.

Wie lautet Ihr zweiter Kritikpunkt?
Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist schlicht nicht zu finanzieren. Die Steuern auf den erarbeiteten Einkommen würden massiv erhöht und damit die Arbeit an sich unattraktiv.

Ein Grundeinkommen wäre auch eine Form der sozialen Sicherung.
Wir haben bereits ein Netz von sozialen Sicherungen in der Schweiz. Dieses ist sehr spezifisch und wird ausgelöst, wenn es wirklich gebraucht wird. Das bestehende System löst die Probleme absolut befriedigend. Mit dem Grundeinkommen wird es einigen Leuten sogar schlechter gehen als jetzt.

An wen denken Sie?
Zum Beispiel an einen verunfallten Angestellten, der Suva-Rentner wird. Dieser kann heute gut und gerne mit mehreren Tausend Franken pro Monat rechnen. Wenn mit dem Grundeinkommen die Ergänzungsleistungen wegfallen, wird er merklich schlechter dastehen. Es wird zu einem Abbau der Sozialleistungen kommen, bei denen, die es am nötigsten hätten. Das Problem der Armut ist zudem sehr vielschichtig. Es mangelt auch an Chancengleichheit, die aber von völlig anderen Faktoren abhängt.

Was für eine Chance geben Sie der Initiative?
Gar keine, sie wird im Unterschriftenstadium stecken bleiben. Eine überwältigende Mehrheit der Schweizer ist intelligent genug, um zu realisieren, dass wirtschaftlicher Ertrag nicht auf Bäumen wächst.

Ähnliche Ansätze in anderen Ländern scheinen dennoch zu funktionieren. So gibt es in Amerika die sogenannte Einkommenssteuergutschrift (Earned Income Tax Credit, kurz EITC).
Hier haben wir es mit einem völlig anderen System zu tun. Einkommensschwache Personen bekommen in Amerika und auch in weiteren englischsprachigen Ländern vergleichbare Sozialleistungen wie bei uns. Der Unterschied besteht darin, dass die Steuern auf jedem dazuverdienten Dollar sehr tief gehalten werden. So besteht immer ein Anreiz, mehr zu arbeiten.

Ein System, das auch in der Schweiz Erfolg haben könnte?
Dafür plädiere ich seit Jahren. Die Amerikaner sind uns hier einen Schritt voraus. Sie haben erkannt, dass in der Gesellschaft nach dem Nützlichkeitsprinzip gehandelt werden muss. Die Utopisten hinter der Grundeinkommens-Initiative wirken dagegen richtig hilflos.

Erstellt: 12.04.2012, 18:13 Uhr

Beat Kappeler war ausserordentlicher Professor für Sozialpolitik in Lausanne. Er arbeitet als freier Wirtschaftsjournalist und schreibt regelmässig für die «NZZ am Sonntag». (Bild: Keystone )

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