Spass trotz Krise

Freizeitparks haben weltweit so viel Zulauf, dass Investoren Milliarden in die Branche stecken. In Deutschland kann vor allem ein Park mithalten – auch bei den Zuwachsraten.


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Chip Cleary sitzt im Ristorante Cesare des Europaparks Rust und strahlt über beide Ohren. Die Fenster ziert eine Silhouette von Julius Caesar. Draussen sieht die Architektur so aus, als ob das Kolosseum nicht weit wäre. Auf dem ockerfarbenen Putz unter der holzgetäfelten Decke sind Porträts des Imperators drapiert. Und Chip Cleary, der quirlige Kalifornier, sitzt mittendrin.

Roland Mack, Chef des Europaparks, hat dieses Geschäftsmodell bis zur Perfektion getrieben. Cleary ist bei ihm zu Gast, weil Mack für ein Jahr Präsident des Weltverbandes der Freizeitparkindustrie, IAAPA (International Association of Amusement Parks and Attractions) ist. Und Cleary ist dort der Geschäftsführer. Er ist also ganz hin und weg, hat gerade die neue Holzachterbahn Wodan getestet und schwärmt nun von dem, was die Familie Mack da in rund 35 Jahren so alles hingestellt hat. «Der Europa-Park ist für mich einer der besten Themenparks weltweit», sagt er. Der 61-Jährige, Schnauzer, gescheiteltes grau-blondes Haar, kennt sich aus in der Branche. Er hat den Wasserpark Splish Splash auf Long Island geführt und ist durch diverse Übernahmen bei der spanischen Parques Reunidos Group gelandet.

Die Welt der Achterbahnen ist in Ordnung

Wenn man Cleary so zuhört, dann erfährt man, dass die Welt der Achterbahnen trotz Finanzkrise in Ordnung ist. Natürlich ist der Konkurrenzkampf hart, doch es werden Milliarden investiert, neue Freizeitparks aus dem Boden gestampft. Die Branche boomt, man kann viel Geld verdienen. Zumindest, wenn man gross genug ist. Disney hat 2011 mit Parks und Hotels 1,6 Milliarden Dollar Betriebsgewinn gemacht. Je nach Definition gibt es in Deutschland etwa 70 bis 100 Freizeitparks.

Mit internationalen Besucherzahlen mithalten können nur wenige. Allen voran der Europapark, der laut der Themed Entertainment Association (TEA), einem US-Verband der Freizeitparkausrüster, der drittgrösste europäische Park ist (siehe Grafik) und weltweit auf Rang 21 liegt. Auch dank den Schweizern: Unter den 4,5 Millionen Besuchern 2011 waren 1 Million Schweizer. Die Schweizer stellen zudem die stärkste Bevölkerungsgruppe in den Hotels, da sie meist für mehrere Tage anreisen. Auch von den Zuwachsraten her hat Rust mit knapp 6 Prozent Weltniveau. TEA zufolge haben die Besucherzahlen in den 25 grössten Parks der Welt 2011 um 3,8 Prozent auf 196 Millionen Besucher zugelegt, bei den Top 20 Europas um 2,8 Prozent auf 58 Millionen.

Vor allem Asien boomt

Richtig Musik ist in Asien drin: Die grössten Parks hatten 7,5 Prozent Zuwachs – auf 103 Millionen Gäste. «Der asiatische Markt wächst sehr schnell», sagt Cleary. Disney baut einen Park in Shanghai, in Singapur hat ein Franchisenehmer einen Universal Park eröffnet. «Die Gäste kommen nicht mit Bussen, sondern mit BMW und Mercedes. Das ist ein Markt mit 1,3 Milliarden Menschen», schwärmt er. Es gebe auch schöne Projekte in den USA. Das echte Wachstum spiele sich aber in Asien ab.

Der Chef des nach Besuchern zweitgrössten Freizeitkonzerns hinter Disney, die britische Merlin Entertainments Group (Gewinn: 300 Millionen Pfund), Nick Varney, bestätigt dies. Im Herbst eröffnet er ein Legoland in Malaysia. «Diese Region macht einen immer grösseren Anteil unseres Geschäfts aus.» Varney will sein Angebot beispielsweise auch in Deutschland erweitern. Merlin ist neben Legoland für den Heidepark, Madame Tussauds, Sealife und Dungeon bekannt. Varney plant hier nur kleinere Dinge, wie ein Dungeon-Gruselkabinett in Berlin und ein Legoland Discovery in Oberhausen. «Der westeuropäische Markt ist gesättigt, was neue Parks betrifft», sagt Roland Mack. Dafür tut sich im Osten mehr. In der Nähe von Warschau will ein Luxemburger Investor für 620 Millionen Euro den Freizeitpark Adventure World bauen.

Zuwachs auch in Deutschland

Ist es schlau, jetzt Geld in einen Freizeitpark zu stecken? IAAPA-Chef Chip Cleary findet, dass seine Branche gerade wegen der Finanzkrise Aufwind erfährt. «Auch in der Krise wollen Eltern alles für ihre Kinder tun. Sie gehen nicht mehr zum Golfen, aber die Familie möchte weiterhin gemeinsam etwas unternehmen», sagt er. In Deutschland profitieren auch kleinere Parks davon, wenn die Familie lieber einen Kurztrip unternimmt als die grosse Reise ans Mittelmeer. Die 70 Freizeitparks des deutschen Verbandes VDFU verbuchen für 2011 mit 32 Millionen Besuchern ein Plus von 5,3 Prozent.

Wenn man beim Chef des Verbandes, Ulrich Müller-Oltay, anruft, flötet einem in der Warteschleife «Ein bisschen Spass muss sein» ins Ohr. Die Freizeitparks in der Republik laufen «weitestgehend als Familiengeschäft», sagt Müller-Oltay. Man ahnt, wo das Problem vieler familiärer Betreiber liegt, die zum Teil sogar Besucherzahlen geheim halten: Oft fehlt das Geld zum Modernisieren, geschweige denn für den Ausbau. Manche wollen aus der Not eine Tugend machen und werben mit Nostalgie. Das reicht nicht. Märchenpavillons, Fliegenpilzhütten und Achterbahnen aus den Fünfzigern haben ihren Charme, bringen aber kaum volle Kassen. Moderne Fahrgeschäfte sind teuer. Trotzdem versuchen auch kleinere Parks, mit spektakulären Fahrgeschäften Besucher anzulocken.

Während der Heidepark Soltau 2001 an die britische Tussauds Group (heute Merlin Entertainments) verkauft wurde, sind viele Familienbetriebe nicht dazu bereit, Investoren zu beteiligen. Besitzer Hans-Peter Tiemann hatte sich für diese Lösung entschieden, um den Heidepark attraktiver zu machen. Müller-Oltay kennt das Dilemma vieler Parkbetreiber. «Es ist notwendig, ausreichend Platz zu haben, um sich auszudehnen.» Mehr Attraktionen und Hotels müssen her – für Mehrtagesgäste.

Harry Potter als Vorbild

Europaparkchef Roland Mack hat keine Platzprobleme und gerade für 40 Millionen Euro das Themenhotel Bell Rock mit Leuchtturm und Neuengland-Flair gebaut. In zwei Jahren will er zudem ein «völlig neues Themenkonzept» realisieren. Er engagierte den französischen Regisseur Luc Besson, bekannt durch Filme wie «Léon, der Profi» und «Arthur und die Minimoys». Die Besucher sollen sich in der Minimoys-Welt wiederfinden – durch Kombination von Film, Fahrgeschäft und Architektur. Vorbild für Mack ist die Harry Potter World in Florida, wo der Besucher per Achterbahn durch die Welt des Zauberers schwebt.

Es ist ein Erfolgsgeheimnis von Mack, jedes Jahr eine neue Attraktion hinzustellen. So hat er in rund 35 Jahren knapp 700 Millionen Euro investiert – ohne Subventionen, wie er betont. Der Umsatz beträgt Insidern zufolge knapp 300 Millionen Euro. Den will er mittelfristig mit einem Wasserpark weiter steigern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2012, 11:13 Uhr

Florierendes Geschäft: Attraktion im Europapark Rust. (Bild: Keystone )

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