Hintergrund

Sturm über den Schwellenländern

Der Geldabfluss aus den Emerging Markets trägt Züge einer selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Meinungen sind längst gemacht: Welche Länder es trifft, zeigt unsere grosse Übersicht.

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Sie seien «im Grossen und Ganzen einverstanden» mit Ben Bernanke, gaben die zwölf Ökonomen im Offenmarktausschuss der US-Notenbank Ende Juli zu Protokoll. Im September dürfte die Notenbank demnach mit dem Zurückfahren ihres Anleihenkaufprogramms beginnen; dieser Fahrplan wurde im gestern veröffentlichten Text nach Ansicht von Beobachtern bestätigt. Im Banne des Tapering ist auch das Urteil über die Schwellenländer gesprochen. Es fällt überwiegend negativ aus.

«Die Märkte korrigieren jetzt, und das dürfte noch eine Weile so bleiben», sagt der Manager eines Milliarden-Investmentfonds zu Bloomberg. «Die Rotation aus Emerging Markets dürfte vor dem Hintergrund einer globalen Wachstumsverlangsamung anhalten», sagt ein Währungsstratege einer Grossbank. Im Ökonomenslang drückt sich aus, dass derzeit kein Anleger Lust auf Schwellenländer hat. Der Dollar steigt, die Zinsen in den USA werden attraktiver, die US-Konjunktur läuft: An der amerikanischen Börse ist der Mix aus Risiko und Rendite derzeit unschlagbar, Umschichtungen sind die Folge.

Länder mit Handelsdefizit

Unter den Fluchtländern sticht Brasilien hervor, dessen Währung seit Anfang Jahr schon 20 Prozent zum Dollar verloren hat. Indiens Rupie ist zur US-Währung um 18 Prozent schwächer geworden, der Rand aus Südafrika hat 22 Prozent an Wert eingebüsst. «Es trifft jene Länder, die fundamental verletzlich sind», sagt Thomas Herrmann, Ökonom bei der Credit Suisse. «Das sind vor allem Länder, die hohe Leistungsbilanzdefizite und somit einen hohen externen Finanzierungsbedarf aufweisen.» Zahlen des IWF zufolge wird Indien 2013 rund 5 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen importieren als exportieren, in Südafrika soll das Defizit 6,4 Prozent und in Brasilien 2,4 Prozent betragen.

Auch die Türkei passt ins Bild. Die Währung des Landes, dessen Handelsbilanz 2013 mit 6,4 Prozent im Minus liegen dürfte, verlor dieses Jahr schon 11 Prozent zum Dollar. Auch Australiens Währung ist heute um 16 Prozent billiger zu haben als Anfang Jahr: Börsenhändler werfen den Rohstoffexporteur, der intensiven Austausch mit Asien betreibt, oft in denselben Topf wie dessen Handelspartner. In Australien erwartet der IWF dieses Jahr ein Handelsdefizit von 5,5 Prozent: Eine schwächere Währung dürfte der Konjunktur zwar helfen, doch die regionale Verwundbarkeit ist eine Gefahr. A propos: Zum Schweizer Franken, der gegenüber dem Dollar schwankt, aber nicht gross an Wert verliert, sind die Schwellenländerbewegungen praktisch identisch.

Die Krise ist bereits da

Auch die Philippinen werden neuerdings von Investoren verschmäht. Das Land, das mit einem Wachstum von 7,8 zu den weltweiten Champions gehört, musste jüngst eine Währungserosion hinnehmen. Anfang Jahr notierte der Peso noch 11 Prozent höher als heute im Vergleich zum Dollar. «Der Ausverkauf von Schwellenländer-Anlagen ist stark von Stimmungen getrieben», sagt Thomas Herrmann von der CS. «Für die Staaten und deren Zentralbanken ist es extrem schwer, sich diesen Stimmungen zu entziehen.» Selbst der Ringgit aus Malaysia – ein Land mit grossem Exportüberschuss – wurde seit Jahresbeginn an der Börse um 8,2 Prozent zurückgebunden.

Wie weit die animalischen Markttriebe den Schwellenländern noch zusetzen werden, ist unmöglich vorauszusagen. Kritisch wird es, wenn aus der Marktstimmung eine selbst erfüllende Prophezeiung wird: Dann führen schwächere Währungsbewertungen zu geringeren Gewinnaussichten für Aktien- und Obligationenbesitzer, was wiederum einen Ausverkauf von Wertpapieren und zusätzlichen Druck auf die Währung bewirkt. Ökonom Thomas Herrmann sieht ein beträchtliches Risiko für ein solches Szenario. Deshalb gilt jetzt Alarmstufe rot: Hatte der Ausverkauf im Juni gemächlich eingesetzt, so befinden sich die Schwellenländer heute im Nahkampf gegen den Markt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2013, 14:44 Uhr

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