«Subventionen für Exporte wären ein Tabubruch»

Aymo Brunetti analysiert in seinem neuen Buch die US-Immobilien, die Finanz- und die Eurokrise. Seiner Ansicht nach müssen private Schuldner dem griechischen Staat einen Teil seiner Schulden erlassen.

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Herr Brunetti, in Ihrem neuen Buch zu den jüngsten wirtschaftlichen Krisen erklären Sie sehr präzise, wie es dazu kam. Doch warum sind Ökonomen so schlecht darin, wenn es darum geht, Krisen vorauszusehen?
Das ist eine sehr berechtigte Frage. Im Vorfeld der Krise haben viele Ökonomen vor einzelnen Aspekten gewarnt. Es gab warnende Stimmen zum amerikanischen Immobilienmarkt, zur Tatsache, dass die Amerikaner zu stark auf Pump leben, und zum steigenden Risikoappetit der Banken. Doch leider hat kaum jemand vorausgesehen, dass diese Faktoren zusammengenommen zu einer derartigen Kettenreaktion führen würden. Diese Konstellation hat es eben in der Vergangenheit noch nie gegeben, was Prognosen grundsätzlich sehr erschwert.

Bis vor kurzem wurde an den Universitäten die Theorie gelehrt, dass es – auch im Bankensektor – am besten ist, wenn der Staat möglichst wenig reguliert.
In den USA gab es tatsächlich eine starke politische Strömung, die Regulierungen auf den Finanzmärkten ablehnte. In der Folge baute die US-Politik die Regulierungen stark ab. Für akademische Ökonomen war aber immer klar, dass es im Bankwesen Marktversagen und damit Regulierungsbedarf gibt. Sie werden kaum einen Ökonomen finden, der eine besondere Regulierung der Banken ablehnt. Der Fehler war, dass die Regulierung zu wenig gut war.

Ärgert es Sie, dass Sie die Krise nicht vorausgehen haben?
Natürlich hätten wir diese Krise gerne vorausgesagt. Das wäre sehr hilfreich gewesen. Ich mache mir aber jetzt eher Sorgen, dass wir es verpassen, die nötigen Lehren daraus zu ziehen. Vor allem wenn ich mir gewisse Argumente bei Anpassungen der Bankenregulierung, etwa bei der «Too big to fail»-Problematik, anhöre. Die Krise hat gezeigt, dass es diesbezüglich unbedingt eine bessere Regulierung braucht. Diese ist absolut zentral. Die risikogerechtere Regulierung von Banken ist aus meiner Sicht jetzt wichtiger als alle anderen Reformen, über die derzeit gesprochen wird. Die Banken müssen in der Lage sein, Preisschocks in einzelnen Märkten aufzufangen.

Wo sehen Sie jetzt – neben der Eurokrise und der Verschuldung der USA – mögliche Krisenherde für die Weltwirtschaft?
Die Zentralbanken haben in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Wirtschaft gepumpt. Wird das nicht rechtzeitig zurückgefahren, so besteht die Gefahr von Inflationen oder neuen Blasen, zum Beispiel in Schwellenländern, die im Moment starke Kapitalzuströme verzeichnen.

Derzeit macht die Krise in Griechenland Schlagzeilen. Welchen Ausweg sehen Sie hier?
Es scheint klar, dass es irgendwann eine Restrukturierung der Schulden braucht. Die privaten Gläubiger müssen sich an diesen Kosten beteiligen, weil sie zu riskant investiert haben. Dabei kann es sich um einen teilweisen Schuldenerlass oder auch «nur» um eine Erstreckung der Fristen handeln. Doch das grosse Risiko besteht darin, dass die griechischen und gewisse europäische Banken in Schieflage geraten, wenn der griechische Staat seine Schulden teilweise nicht zurückzahlt. Verstärkend wirkt hier die Gefahr, dass sich das Problem dann auf weitere Länder wie Irland, Portugal und Spanien ausdehnen kann.

Und auch auf die Schweiz?
Wenn im Ausland Banken in Schieflage geraten, dann werden auch Schweizer Banken betroffen sein. Auch wenn sie in ihren Büchern kaum griechische Staatsanleihen halten.

Warum haben gewisse Banken so viele griechische Staatsanleihen gekauft?
Staatsanleihen galten bei den Anlegern lange Zeit als risikolose Anlage – auch solche des griechischen Staates. Mit der Investition in Staatsanleihen verhielten sich die Banken also zum Zeitpunkt dieses Entscheides gar nicht besonders risikofreudig. Eine zentrale Lehre aus den jüngsten Krisen ist aber gerade, dass es keine wirklich sicheren Anlagemöglichkeiten gibt. Aus diesem Grund braucht es in der Bankenregulierung auch eine sogenannte Leverage Ratio, also eine klare Vorgabe für das Verhältnis Eigenkapital/Bilanzsumme.

In Ihrem Buch beurteilen Sie die Wiedereinführung der Drachme in Griechenland als nicht machbar. Warum?
Kein Mensch würde diese Drachmen haben wollen, auf jeden Fall niemand, der Euros besitzt – und dies ist in Griechenland momentan die gesamte Bevölkerung. Wer ist schon bereit, eine Währung zu halten, die nur eingeführt wird, um sie in unbekanntem Mass abzuwerten? Ein Ausstieg eines Landes aus der Eurowährungsunion ist nur in einer normalen wirtschaftlichen Lage denkbar. Aber nicht mitten in einer Krise.

Aber Griechenland wäre nicht das erste Land, das eine Währungsreform durchführen würde.
Es gibt einen grossen Unterschied: In bisherigen Währungsreformen haben die Behörden der Bevölkerung im Wesentlichen mitgeteilt, dass ab sofort nur noch die neue Währung als Zahlungsmittel akzeptiert werde und die alte Währung nicht mehr gelte. Der Euro würde aber weiterbestehen, wenn die Drachme wiedereingeführt würde, und dies würde beim Übergang massive Probleme schaffen.

Die Schweizer Exportindustrie leidet stark unter dem hohen Frankenkurs. Welche Entwicklung erwarten Sie?
Der Schweizer Franken ist bereits heute überbewertet. Dies ist die Folge davon, dass der Franken als sicherer Hafen gilt. Wenn sich die Eurokrise verschärfen würde, bestünde das Risiko, dass der Effekt des sicheren Hafens noch stärker würde. Wie tief wird der Euro im Vergleich zum Schweizer Franken noch fallen?
Dazu mache ich keine Prognose. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Eurokrise nochmals ziemlich verstärken müsste, damit sich der Franken zum Euro erneut stark aufwertet.

Der Bundesrat wird nun aber von Politikern massiv unter Druck gesetzt, etwas gegen die Aufwertung des Schweizer Frankens zu unternehmen. Was schlagen Sie ihm vor?
Wir nehmen die Lage im Industriesektor sehr ernst. Aber der Bund hat keine geeigneten Instrumente in der Hand, um eine Aufwertung des Frankens wirksam zu bekämpfen. Die beste Politik ist es, die Verbesserung der Rahmenbedingungen weiter voranzutreiben.

Eine Möglichkeit wäre, dass der Bund die Exportindustrie subventioniert.
Eine solche Massnahme wäre potenziell extrem teuer, wenn man sich vor Augen führt, dass sich die Exporte in die EU auf rund 100 Milliarden Franken belaufen. Zudem würde eine solche Massnahme einen Tabubruch darstellen.

Wann geht diese Serie von Krisen endlich mal zu Ende?
Das ist nach wie vor sehr unsicher. Ich möchte aber etwas Positives hervorheben: Ende 2008 sah die Situation ähnlich dramatisch aus wie zu Beginn der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Doch vor allem dank des weitgehenden wirtschaftspolitischen Eingreifens liess sich ein solch verheerender Einbruch bislang vermeiden. Wenn auch unter dem Einsatz von sehr ungewöhnlichen, bisher kaum erprobten wirtschaftspolitischen Medikamenten, die gewisse Nebenwirkungen haben. Das Ergebnis ist als Erfolg zu sehen, auch wenn es einige Jahre geht, bis die Nebenwirkungen abgeklungen sind.

Sie werden am 1.Februar 2012 eine Vollzeitstelle als Professor an der Universität Bern übernehmen. Warum der Wechsel?
Die Universität Bern hat mir ein sehr attraktives Angebot unterbreitet. Ich werde eine ordentliche Professur für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie übernehmen und damit – diesmal in freier Lehre und Forschung – Themen behandeln, mit denen ich mich in den letzten Jahren stark beschäftigt habe. Ich bin nun seit zwölf Jahren beim Seco tätig. So faszinierend diese Tätigkeit war und ist, war es für mich auch Zeit, etwas Neues zu machen.

Wie wirkt sich dieser Wechsel lohnmässig aus?
Der Lohn ist sicher nicht die Motivation für den Stellenwechsel. Entscheidend war, dass ich die Möglichkeit haben werde, mich in voller akademischer Freiheit mit wirtschaftspolitischen Themen zu beschäftigen. Zudem kann ich mich dadurch in Zukunft noch deutlich stärker bei der Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge engagieren, was mir sehr am Herzen liegt.

Interview: Das Buch: Aymo Brunetti: «Wirtschaftskrise ohne Ende?», 176 Seiten, erschienen im Hep-Verlag.

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Erstellt: 28.06.2011, 09:09 Uhr

«Der Bund hat keine geeigneten Instrumente in der Hand, um eine Aufwertung des Frankens wirksam zu bekämpfen»: Aymo Brunetti. (Bild: Stefan Schnyder)

Zur Person

Der 48-jährige Basler Aymo Brunetti ist seit zwölf Jahren für das Staatssekretariat fürWirtschaft (Seco) tätig. Heute ist er Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik. In seiner aktuellen Funktion darf er sich zur Geldpolitik nicht äussern, weil dies als Empfehlung an die von Regierung und Verwaltung unabhängige Nationalbank interpretiert würde.

Brunetti ist zudem Titularprofessor an der Universität Basel und Honorarprofessor an der Universität Bern. Am 1. Februar 2012 wechselt er an die Universität Bern: Er wird Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, wie die Universität Bern vergangene Wochemitteilte. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Buch

Aymo Brunetti: «Wirtschaftskrise ohne Ende?», 176 Seiten, erschienen im Hep-Verlag. (Bild: PD)

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