Analyse

Technopole schlägt Metropole

Alle sprechen vom Grabenkampf zwischen Stadt und Land. Doch auch bei den Städten gibt es eine Zweiklassengesellschaft. Die wahren Gewinner.

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Die «SonntagsZeitung» hat einen inzwischen bereits alten Trend mit neuen Zahlen unterfüttert: Die entscheidende Trennlinie in der digitalen Gesellschaft verläuft nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen Stadt und Land. Der Politologe Michael Hermann hat die Resultate der Volksabstimmung vom 3. März über den Familienartikel detailliert untersucht und kommt dabei zum Ergebnis, das die SoZ wie folgt zusammenfasst: «Die Schweiz entwickelt sich zusehends zu einer Gesellschaft mit zwei Polen: auf der einen Seite die linksliberalen Stimmbürger, die sich in den Städten konzentrieren. Auf der anderen Seite die bürgerlich-konservativen Stimmbürger im Umland und in den ländlichen Gebieten.»

Auch über die Ursachen des neuen gesellschaftlichen Grabens ist man sich einig: Die Globalisierung entzweit Städter und Landeier. Die Gewinner versammeln sich in den Städten und wählen dort rot-grün. Die Verlierer ziehen aufs Land und scharen sich um die SVP.

Fabrikhallen sind vom Aussterben bedroht

Tatsächlich hat die Globalisierung zu einer neuen Wirtschaftsordnung geführt. Der einst vertikal integrierte Konzern ist zu einem verstreuten Unternehmen in einer weltweiten Lieferkette geworden. Was heisst das konkret? Früher hat ein grosses Unternehmen eine Stadt mit der umliegenden Region geprägt: Brown, Boveri & Cie. etwa war das wirtschaftliche Herz von Baden, Sulzer der Motor von Winterthur.

Heute ist dies nur noch beschränkt der Fall. Im Zuge der Globalisierung sind viele einfache Fabrikjobs ins billige Ausland ausgelagert und/oder automatisiert worden. Riesige Fabrikhallen, in denen Tausende von Mitarbeitern tätig sind, sind im Begriff auszusterben. Wenn überhaupt, wird Massenarbeit von Robotern oder billigen Arbeitskräften in Wirtschaftszonen der Dritten Welt verrichtet. Generell geht der Trend in Richtung kleinere, hoch spezialisierte Einheiten. Es gibt inzwischen multinationale Unternehmen, die sogar auf ein Hauptquartier verzichten.

Vorbild Silicon Valley

Die neue Wirtschaftsordnung verändert auch die Wirtschaftslandschaft. Eine Stadt gruppiert sich nicht mehr um ein einzelnes Grossunternehmen, sie wird zunehmend bestimmt von einem sogenannten Cluster. Darunter versteht man eine lose Gruppierung von Unternehmen, die in der gleichen Branche tätig sind, gleiche Bedürfnisse haben und eine ähnliche Kultur entwickeln. Silicon Valley ist das archetypische IT-Cluster beispielsweise.

Wenn es einer Stadt gelingt, verschiedene solcher Cluster anzuziehen, sie gleichzeitig noch eine international renommierte Hochschule vorweisen kann und eine Regierung, die erfolgreich mit der Wirtschaft zusammenzuarbeiten versteht, dann hat diese Stadt die sogenannte Triple Helix geschafft – und ist zu einer Technopole geworden. Das bedeutet, sie ist als Wirtschaftsstandort derart attraktiv geworden, dass erfolgreiche Konzerne dorthin ziehen wollen, ja müssen, weil sie nur dort das hoch spezialisierte Personal finden, dass sie brauchen.

Basel, Genf und Zürich in der Liga der Technopolen

In der Schweiz haben Zürich, Genf und mit Abstrichen Basel den Aufstieg zur Technopole geschafft. Sie können eine Triple Helix vorweisen und sind deshalb attraktiv geworden für die führenden multinationalen Konzerne. Aber auch Studenten und Fachkräfte aus aller Welt, die Expats, fühlen sich angezogen. Technopolen sind cool. Sie haben eine Multikulti-Kultur auf hohem Niveau und können beste Adressen vorweisen. Wenn Google sein europäisches Forschungszentrum nach Zürich verlegt, dann wird es für indische und amerikanische IT-Cracks sehr attraktiv, an die Limmat zu ziehen.

Nur ganz wenige Städte spielen jedoch in der Technopolen-Liga. Der US-Soziologe David Hess stellt in seinem Buch «Localist Movements in a Global Economy» fest: «Kleine Städte, die keine renommierten Universitäten, keine Risikokapitalfirmen und andere intellektuellen oder finanziellen Ressourcen vorweisen können, befinden sich in keiner guten Position, um ein international wettbewerbsfähiges Cluster zu entwickeln.»

Wer schaffts in die Champions League?

Das bedeutet wahrscheinlich, dass der Stadt-Land-Graben in seiner schlichten Form bald überholt sein wird. Wenn die Entwicklung der letzten 30 Jahre ungebrochen weitergeht, dann haben wir auch in der Wirtschaft, was wir im Fussball bereits beobachten können: Eine Champions League mit ein paar wenigen Technopolen – und sehr viele kleine Habenichtse, die sich mehr schlecht als recht über die Runden quälen.

Erstellt: 04.06.2013, 13:14 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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