«Theoretisch fördern Spekulanten den Wohlstand»

Spekulanten reiten Griechenland noch stärker in die Krise. Warum sie dennoch nötig sind, erklärt Marcus Hagedorn, Professor für Makroökonomie in Zürich.

Banker und Spekulanten am Pranger: Händler an der New Yorker Börse

Banker und Spekulanten am Pranger: Händler an der New Yorker Börse Bild: Keystone

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Herr Hagedorn, Spekulanten machen die Krise in Griechenland nur noch schlimmer. Wie funktioniert das überhaupt?
Und: Stimmt das überhaupt? Das ist ja nur eine Vermutung. Nehmen wir an, sie wirtschaften das Land herunter, dann schieben Sie die Verantwortung auch lieber auf jemand anderen. Bei den Rettungskrediten wurde argumentiert, dass die Spekulationsprämie der Differenz entspricht zwischen dem Zinssatz, den die Griechen auf die EU-Hilfe zahlen müssen und jenem, den der Markt verlangt. Faktisch ist jedoch nicht klar, welcher Teil dieser Prämie sozusagen Spekulationsprämie ist.

Nochmals: Wie spekuliert man gegen Griechenland?
Vereinfacht gesagt: Spekulanten werden von hohen Zinsen und schlechten makroökonomischen Daten angezogen. Sie wetten darauf, dass die Staatsschulden nicht zurückgezahlt werden können. Das führt zu höheren Zinsen. Diese wiederum machen es unwahrscheinlicher, dass die Staatsschulden zurückgezahlt werden können. Und es wird umso attraktiver, noch mehr dagegen zu wetten. Darauf wird es noch unwahrscheinlicher. Und so weiter und so fort.

Spekulanten sind also Spielverderber oder Manipulatoren?
In der reinen Theorie sind sogenannte Spekulanten wohlfahrtsfördernd. Denn sie korrigieren Fehlentwicklungen am Markt. Wenn sie das ausnutzen oder zu viel spekuliert wird, können Sie aber zu Spielverderbern werden.

Lässt sich prüfen, ob dies in Griechenland der Fall war?
Nein. Es ist schwer zu sagen, was der fundamentale Wert ist, jener Wert, der am Markt entsteht, wenn es keine Übertreibung, keine Blasen, keine Spekulanten gibt.

Sie stellen infrage, dass Spekulanten, die Krise in Griechenland verschärfen?
Nein. Aber sie sind nicht der Auslöser der Krise. Spekulanten können Schwächen verstärken, aber sie können keine Schwächen generieren. Das wäre ja dann schon üble Marktmanipulation. Damit Spekulanten überhaupt aktiv werden, muss vorher etwas schief gelaufen sein.

Sie verstärken also nur den Effekt?
Ja, der Gesamteffekt ist eine Kombination aus der ursprünglichen Ursache plus der Verstärkung. Da ist es schwer zu sagen, wer welchen Anteil hat.

Dass spekuliert wird, lässt sich aber nicht verhindern.
Nur unter erheblichen Kosten. Auch auf dem Finanzmarkt ist es sinnvoll, sich abzusichern. Spekulanten nutzen dieselben Finanzmarktinstrumente wie Firmen die sich gegen Währungsrisiken absichern wollen. Ein Verbot dieser Finanzmarktinstrumente würde den Spekulanten das Wasser abgraben, aber auch die Firmen ohne Absicherung dastehen lassen. Ausserdem mag Spekulation innerhalb gewisser Grenzen sinnvoll sein.

Sind Spekulanten Spieler?
Sie spekulieren teilweise auf Kosten anderer. Während die Gewinne privatisiert werden, wird der Verlust sozialisiert. Kaufen Banken Wertpapiere zu hohen Zinssätzen und es geht schief, springt der Staat ein. Geht es gut, machen sie hohe Gewinne. Spekulanten muss das zumindest teilweise egal sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2010, 15:48 Uhr

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Zur Person

Marcus Hagedorn ist Professor für Makroökonomie an der Universität Zürich.

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