Rezension

Thilo Sarrazin gegen den Euro

Dem neuen Buch des umstrittenen Ökonomen droht ein moralisierender Hype. Dabei verdient es eine ernsthafte Auseinandersetzung. Eine Buchkritik.

Ein Mann mit Unfehlbarkeitsanspruch: Thilo Sarrazin in der TV-Talkrunde bei Günther Jauch. (20. Mai 2012)

Ein Mann mit Unfehlbarkeitsanspruch: Thilo Sarrazin in der TV-Talkrunde bei Günther Jauch. (20. Mai 2012) Bild: Keystone

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Mit «Deutschland schafft sich ab» löste Thilo Sarrazin vor knapp 2 Jahren eine heftige Zuwanderungs- und Islamdebatte aus. Nun legt der frühere Berliner Finanzsenator nach: «Europa braucht den Euro nicht» heisst sein neues Buch. Obwohl es erst heute erhältlich ist, sorgte es bereits übers Wochenende für Wirbel. Der «Stern» widmete ihm die Titelgeschichte, und bei Günther Jauch lieferten sich Sarrazin und Peer Steinbrück, der mögliche Kanzlerkandidat der SPD, ein heftiges Wortduell.

Wegen des Buches gegen islamische Zuwanderung ist Sarrazin zum Feindbild der Liberalen und Linken geworden. Aber es wäre dumm, sein neues Buch deshalb von vorneherein zu kritisieren oder gar totzuschweigen. In der Eurofrage ist Sarrazin wahrhaft kompetent. Er hat Volkswirtschaft studiert, war jahrelang Spitzenbeamter bei der deutschen Bundesbank (Buba) und im Finanzamt, und er hat in den 90er-Jahren schon einmal ein Buch über den Euro geschrieben. «Europa braucht den Euro nicht» ist ein ausgezeichnet geschriebenes Buch, das es verdient, ernst genommen und diskutiert zu werden. Sarrazin stützt sich in seinem Buch auf folgende Kernthesen:

  • Der Euro wurde nach dem Prinzip des No-Bail-out geschaffen. Kein Land haftet für die Schulden eines anderen. Das ist im Vertrag von Maastricht unmissverständlich festgehalten. Mit dem ersten Hilfspaket an Griechenland vom Mai 2010 wurde dieses Prinzip eindeutig verletzt. Das war der für Sarrazin unverzeihliche Tabubruch, der Euroland in die Dauerkrise geführt hat.
  • Es gibt keine unterschiedlichen Formen von Krisen wie gut- und bösartige. Jede Krise ist im Wesen gleich, nur die Intensität kann variieren. Deshalb ist auch der Weg aus der Krise immer derselbe: Jedes Land muss auf die Zähne beissen, um aus eigener Kraft zurück auf den Weg der Tugend zu gelangen.
  • Leistungsbilanzüberschüsse eines Landes sind kein Problem. Der Weltmarkt sorgt automatisch dafür, dass sich die Handelsströme ausgleichen. Deutschland wegen seiner Exporterfolge zu rügen, ist deshalb Blödsinn.

Der Maastrichter Vertrag

Sarrazin stellt eines hervorragend klar: Bei der Geburt des Euro entstand ein gewaltiges Missverständnis um die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB). Richtige Zentralbanken wie die Schweizerischen Nationalbank (SNB) oder das US-Fed sind Lender of Last Resort – Kreditgeber in letzter Instanz. Wer der Schweiz Geld leiht, wird es auf jeden Fall zurückbekommen, weil es die SNB im Notfall drucken kann. Ein Land, das sich in der eigenen Währung verschuldet, kann deshalb niemals insolvent werden.

Mit dem Vertrag von Maastricht haben die Zentralbanken der Euroländer diese Möglichkeit verloren. Weder die griechische noch die deutsche Notenbank können im Notfall eigenmächtig Geld für ihr eigenes Land in Umlauf bringen. Auch die EZB kann wegen des No-Bail-out-Prinzips nicht einspringen. Nur deshalb können einzelne Länder der Einheitswährung insolvent werden.

Diesen entscheidenden Unterschied der Vor- und Nach-Maastricht-Ära haben die Banken schlicht übersehen. Sie haben die Staatsanleihen der Euroländer behandelt, als ob kein Insolvenzrisiko bestünde. In der Folge glichen sich die Zinsen der Staatsanleihen weitgehend an. Das böse Erwachen kam erst mit dem Ausbruch der Krise. So wie die US-Banken realisieren mussten, dass Häuserpreise auch fallen, mussten die europäischen Banken erkennen, dass Länder insolvent werden können.

Einäugig, wenn es um die Rolle der Zentralbank geht

Und wie in den USA löste diese Erkenntnis Panik aus: Banken, die Bücher vollgestopft mit vermeintlich sicheren Staatsanleihen, sassen über Nacht auf einem Berg von Giftmüll. Die Zinsen der Staatsanleihen der Defizitländer schossen in die Höhe; gleichzeitig begannen die Banken verzweifelt, die Ramschpapiere abzustossen. Um den Crash zu verhindern, musste die EZB ihnen Kredite in der Höhe von rund einer Billion Euro zu äusserst günstigen Bedingungen gewähren. Gleichzeitig versucht die Politik seither, mit immer höheren Rettungsschirmen ein Ausbreiten der Krise zu verhindern.

Diese Kausalität zeigt Sarrazin bestechend klar auf. Hingegen ist er einäugig, wenn es um die Rolle der Zentralbank geht. Er lässt nur das Modell der alten Buba gelten, die sich einzig der Preisstabilität der D-Mark verpflichtet fühlte. Aus deutscher Sicht mag das verständlich sein – die Deutschen verloren wegen Hyperinflationen im letzten Jahrhundert zweimal die gesamten Ersparnisse. Es ist aber nicht das einzige Modell. Das US-Fed etwa muss neben stabilen Preisen auch Vollbeschäftigung berücksichtigen. In Krisenzeiten verfolgt das Fed deshalb eine Geldpolitik, die auch der Belebung des Arbeitsmarktes dient – etwa mithilfe des Quantitative Easing: Die Notenbank kaufte Staatsanleihen auf und sorgte so für langfristig tiefe Zinsen.

Eine ähnliche Geldpolitik verfolgt auch die Bank of England oder die japanische Notenbank. Selbst die SNB weicht derzeit von der reinen Buba-Lehre ab. Im Hinblick auf die Sicherung von Arbeitsplätzen in der Exportindustrie hat sie eine Untergrenze gegenüber dem Euro definiert und verteidigt diese.

Gut- und bösartige Krisen

Für die Mehrheit der angelsächsische Ökonomen gibt es grundsätzlich zwei Arten von Krisen – vergleichbar mit gut- und bösartigen Tumoren. Die gutartigen Krisen sind regelmässig auftretende Rezessionen, die mit einer vernünftigen Geldpolitik überwunden werden können. Die Zentralbank erhöht die Leitzinsen, das Geld wird teurer, und die überhitzte Wirtschaft kühlt sich wieder ab.

Die aktuelle Krise ist jedoch bösartig. Bösartige Krisen sind das Resultat von geplatzten Finanzblasen. Ihr wichtigstes Merkmal ist ein plötzlicher Rückgang der Nachfrage. Weil Vermögenswerte wie Immobilien oder Wertpapiere einen massiven Einbruch erleiden, sind private Haushalte und Unternehmen, die sich gestern noch reich fühlten, heute hoch verschuldet.

Jede Krise, ein Staatsversagen...

Das Resultat ist eine qualvolle Phase des sogenannten Deleveraging. Konsum und Investitionen werden auf ein Minimum reduziert, alles steht im Zeichen eines Schuldenabbaus. Tritt der Staat gleichzeitig auf die Schuldenbremse, droht eine Verelendungsspirale wie zu Zeiten der Grossen Depression. Das Sparen des Staates hat paradoxe Folgen: Die Schuldenquote, gemessen am Bruttoinlandprodukt, steigt. Im Klartext: Sparen führt nicht zu weniger, sondern zu mehr Schulden.

In dieser Schuldenfalle stecken derzeit die europäischen Defizitsünder, allen voran Griechenland. Sarrazin aber unterscheidet nicht zwischen gut- und bösartigen Krisen. Er sieht jede Krise als Staatsversagen, verursacht durch Faulheit, Korruption oder andere Laster. Den «bösen» Griechen stellt er die «guten» Iren gegenüber: «Die Iren wissen, dass sie ihre Probleme selber verursacht haben. Sie wollen sie selber lösen und suchen die Schuld nicht bei anderen», so Sarrazin. Eine Wahrnehmungsstörung: In Irland herrschen derzeit tiefste Rezession und Massenarbeitslosigkeit, die jungen Iren wandern in Scharen aus, und wer bleibt, wendet sich der EU-feindlichen, früheren IRA-Partei Sinn Fein zu.

Die Handelsbilanzüberschüsse

Sarrazin wischt nicht nur die Existenz bösartiger Tumore als Hirngespinst keynesianisch verblendeter Ökonomen vom Tisch. Er lehnt auch vehement ab, dass die chronischen Handelsüberschüsse Deutschlands schädlich für andere Länder sein könnten. Die aktuellen Exporterfolge der deutschen Wirtschaft seien einzig die verdienten Früchte einer sinnvollen Sparpolitik der letzten Jahre. Die Lohnstückkosten des verarbeitenden Gewerbes sind zwischen 2000 und 2012 um 64 Prozent gestiegen, in Griechenland waren es bloss 2 Prozent. Ähnlich ist der Wettbewerbsvorsprung Deutschlands gegenüber anderen Euroländern. Was soll daran schlecht sein?

Während der Grossen Depression wollten die Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem sie ihre Währung künstlich abwerteten. Das ist heute nicht oder nur erschwert möglich. Stattdessen muss man die Kosten senken, um die Exporte anzukurbeln. Will heissen: die Löhne kürzen. In den reichen Ländern ist daher eine Lohnspirale nach unten in Gang gekommen, mit fatalen Folgen: Tiefere Löhne bedeuten weniger Binnennachfrage, bedeutet mehr Exportabhängigkeit, und das wiederum erzeugt noch mehr Lohndruck. Diesen Wettbewerb nach unten hat Deutschland angeheizt – und damit Euroland aus dem Gleichgewicht gebracht. Selbst konservative Ökonomen fordern von Deutschland höhere Löhne und eine Inflation leicht über dem Durchschnitt. Was Sarrazin selbstverständlich ablehnt.

Das wahre Problem

Thilo Sarrazin ist kein Ausländer hassender, Holocaust leugnender Aussenseiter, obwohl es im Buch ein paar dümmliche Aussagen über kulturelle Mentalität gibt. «Dort, wo die Mentalität der Völker zu solchen Vorgaben nicht passt, muss sich eben die Mentalität ändern, auch wenn dies eine lange Zeit dauern mag», heisst es beispielsweise auf Seite 286. Das kann man als deutsche Arroganz und Besserwisserei auslegen, muss man aber nicht. Die eigentliche Arroganz von Thilo Sarrazin liegt im Unfehlbarkeitsanspruch seines ökonomischen Ansatzes. Für ihn gilt einzig der von Friedrich August von Hayek initiierte Ordoliberalismus der Freiburger Schule.

Alle anderen Modelle, insbesondere die angelsächsischen, werden entweder lächerlich gemacht oder verdammt. «All das Wüten gegen Banken und Schulden, all die Bücher, Aufsätze und Pamphlete, die dazu von Philosophen, Soziologen und Ökonomen verfasst werden, führten in ihrer Allgemeinheit aus meiner Sicht kaum zu einem nützlichen Erkenntnisgewinn», stellt Sarrazin fest.

In Aussagen wie diesen steckt die wahre Arroganz von Sarrazin, und es stimmt nachdenklich, dass er damit im Mainstream der deutschen Ökonomie schwimmen dürfte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2012, 06:38 Uhr

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