Trügerische Besserung

Den EU-Krisenländern geht es zwar besser. Aber gesund sind sie nicht.

Die Krise in Europa ist noch nicht beendet: Schlange vor einem Arbeitsamt in Spanien. Andres Kudacki (AP)

Die Krise in Europa ist noch nicht beendet: Schlange vor einem Arbeitsamt in Spanien. Andres Kudacki (AP)

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Die Zinssätze für die Staatsschulden von Ländern der Europeripherie wie Griechenland, Portugal oder Spanien waren stets so etwas wie die Fieberkurve der Eurokrise. Dabei hängt das Auf und Ab dieser Zinsen von den Renditen der Staatsanleihen ab. In jüngster Zeit sind nun die Renditen für Anleihen Griechenlands, Portugals oder Spaniens deutlich gesunken. Jene Spaniens und Portugals liegen bereits tiefer als vor der Eurokrise.

Man könnte folglich meinen, die Eurokrise gehöre der Vergangenheit an – umso mehr, als es weitere positive Nachrichten gibt: Nachdem die Wirtschaft der gesamten Eurozone seit 2012 nur noch geschrumpft ist (jene Griechenlands tut das sogar seit 2008, jene Spaniens und Portugals mit wenigen Ausnahmen ebenfalls), soll es laut Prognosen ab diesem Jahr überall ausser in Zypern wieder Wachstum geben.

Ein genauer Blick macht aber klar: Um mehr als eine Verschnaufpause handelt es sich kaum. Ein Ende der Eurokrise ist nicht abzusehen.

Draghi sorgte für die Beruhigung

Was die gefallenen Renditen betrifft: Auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2012 kletterte die Rendite für 10-jährige Staatsanleihen in Spanien auf fast 8 Prozent, in Portugal auf 15 Prozent und in Griechenland sogar auf rund 45 Prozent. Solche Zinssätze hätten angesichts der schlechten Wirtschaftslage bedeutet, dass die Schuldenquote selbst bei einem ausgeglichenen Staatsbudget immer weiter gewachsen wäre. Deshalb mussten im Fall von Griechenland schliesslich private Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Für die Beruhigung der Lage hat damals Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, gesorgt, indem er im Juli 2012 betont hat, alles zu tun, um den Erhalt der Eurozone zu gewährleisten. Im September liess er Taten folgen, und die Notenbank erklärte sich bereit, im Notfall Staatsanleihen gefährdeter Länder in beliebiger Menge aufzukaufen. Allein diese Rückversicherung hat gereicht, um das Ziel zu erreichen. Für internationale Anleger wurden die Anleihen der Peripherieländer damit besonders attraktiv: Sie bieten einen hochwillkommenen Zinsaufschlag gegenüber den nach wie vor aussergewöhnlich tiefen Sätzen in stärkeren Volkswirtschaften wie den USA, Deutschland oder auch der Schweiz.

Die tieferen Renditen sind aber nicht so positiv, wie es scheint. Sie stehen vielmehr für die erneute Sorglosigkeit auf den Kapitalmärkten, die zu den Käufen der Peripherieanleihen führt. Deren sinkende Rendite ist die Folge. Der IWF hat deshalb bereits vor einem Übermass an Euphorie gewarnt. Ähnliches war gestern auch von Mario Draghi zu vernehmen. Dieser wies auch auf Kapitalabflüsse von rund 160 Milliarden Euro aus Russland hin, die in ihrer Anlagenot in Anleihen der Peripherieländer fliessen.

Das Wachstum reicht nicht

Auch die besseren Wachstumsraten sollten nicht allzu viel Euphorie auslösen. Selbst wenn sich die Prognosen bewahrheiten, ist das Wachstum viel zu gering, um in vielen Ländern die dramatischen Ausfälle der vergangenen Jahre wettzumachen. Dass die Situation schwierig bleibt, zeigt auch die Arbeitslosigkeit: Die Quote verharrt in der Eurozone bei 11,8 Prozent. In Griechenland liegt sie sogar bei 26,7, in Spanien bei 25,3 Prozent. Laut IWF-Prognosen wird sie 2019 in der Eurozone noch rund 10, in Spanien rund 22 Prozent betragen. Laut IWF beträgt zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone erneut in eine Rezession fällt, 20 Prozent. Sie ist damit höher als in jeder anderen Region der Welt.

Grund zur Beunruhigung liefern nach wie vor auch die hohe öffentliche und private Verschuldung und die Schwäche des Finanzsektors. Die Kreditversorgung für kleine und mittlere Unternehmen in den Peripherieländern bleibt ein schwerwiegendes Problem. Die anhaltende Wirtschaftsschwäche ist auch der Grund für die gefährlich tiefe Teuerung in der Eurozone. Es droht eine Deflationsfalle. Damit ist gemeint, dass Preise und Löhne sinken und die Wirtschaft deutlich einbricht. Die Wirtschaftspolitik ist in einer Deflationsfalle weitgehend hilflos.

Erstellt: 09.05.2014, 07:04 Uhr

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