Trumps Wut-Tweets zeigen unerwartete Wirkung

Beleidigungen des US-Präsidenten perlen an Fed-Chef Jerome Powell ab. Nicht so an den Zinsmärkten.

Missachtet mit seinen Tweets die in den letzten Jahrzehnten hochgehaltene Unabhängigkeit der US-Notenbank: US-Präsident Donald Trump. (Archivbild)

Missachtet mit seinen Tweets die in den letzten Jahrzehnten hochgehaltene Unabhängigkeit der US-Notenbank: US-Präsident Donald Trump. (Archivbild)

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Über Twitter beleidigt US-Präsident Donald Trump eine Menge Leute – seit dem Impeachment-Verfahren sogar noch aggressiver als schon zuvor. Dabei handelt es sich zumeist um politische Opponenten. Nicht zu jenen zählt allerdings der Leiter der US-Notenbank (Fed), Jerome (Jay) Powell. Trump hat ihn sogar selbst inthronisiert. Doch weil Powell und das Fed unter dessen Leitung die Zinsen nicht noch deutlich stärker senkt, als es Trump wünscht, gerät auch der Fed-Chef immer stärker in die Schusslinie von Trumps Tweets.

Eine neue Studie kommt nun zum Schluss: Die scharfen Tweets des Präsidenten gegen Powell senken die Erwartungen über die künftigen Zinsen. Das lässt sich aus Marktdaten lesen. Das bedeutet zum einen, dass der Präsident mit seinem Vorgehen keineswegs erfolglos ist. Zum zweiten steckt möglicherweise mehr Berechnung dahinter, als die Texte vermuten lassen, die wie unkontrollierte Wutausbrüche erscheinen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Selbst den chinesischen Staatschef Xi Xinping bezeichnete Trump in einem Tweet vom 23. August als das möglicherweise geringere Übel für die USA als Powell: «Meine einzige Frage ist: Wer ist unser grösserer Feind, Jay Powell oder Staatschef Xi?» Am vergangenen Dienstag schrieb Trump, «die Fed-Zinsen sind zu hoch, die (beim Fed) haben keine Ahnung, pathetisch». Gleich nach der letzten Zinssenkung des Fed am 18. September twitterte er über Powell: «Kein Mut, kein Verstand, keine Vision! Ein schrecklicher Kommunikator! Ein schrecklicher Kommunikator!»

Die tiefsten Zinsen weltweit

Und wo er die Leitzinsen haben möchte, machte er auch schon klar: Am tiefsten weltweit – und damit im negativen Bereich. Das zeigen Auszüge aus seinen Tweets vom 11. September: «Die Federal Reserve sollte unsere Zinssätze auf null oder weniger senken… Die USA sollten immer den niedrigsten Satz zahlen… Es ist nur die Naivität von Jay Powell und des Federal Reserve, die es uns nicht erlaubt, das zu tun, was andere Länder bereits tun. Eine einmalige Gelegenheit, die wir wegen diesen Dummköpfen (Boneheads) verpassen.»

Diese Art der Kritik an der Notenbank und ihrem Chef ist nicht nur beleidigend, sie missachtet auch die in den letzten Jahrzehnten hochgehaltene Unabhängigkeit der US-Notenbank, nach der sie ihre Zinsentscheide unabhängig von den Interessen der Politiker oder eben des Präsidenten zum Wohl der Gesamtwirtschaft zu treffen hat. Bisher betonte Powell stets, dass die Angriffe des Präsidenten keine Auswirkungen auf die Zinspolitik und damit die Unabhängigkeit des Fed hätten und sich die Notenbank weiterhin einzig an der Einschätzung zur Wirtschaftslage orientieren.

Die eingangs erwähnte Studie macht nun deutlich, dass es Trump bereits gelungen ist, die Glaubwürdigkeit und damit auch die Unabhängigkeit der Notenbank zu schwächen. Konkret haben die Forscher Francesco Bianchi von der Duke-Universität in den USA sowie Thilo Kind und Howard von der britischen London Business School untersucht, wie die Zinserwartungen sich unmittelbar nach einem die Notenbank betreffenden Tweet von Trump verändert haben. Konkret betrachteten sie dabei umfassende Daten aus dem Hochfrequenzhandel zu sogenannten Zinsfutures. Das sind intensiv gehandelte Derivate, deren Wert stark von der Erwartung abhängig ist, wie sich die Zinsen künftig entwickeln.

Fed-Unabhängigkeit erfolgreich geschwächt

Die Resultate der Studie waren eindeutig: «Der durchschnittliche Effekt dieser Tweets auf den erwarteten Leitzins sind statistisch gesehen stark signifikant und negativ, mit einem kumulativen Effekt von rund –0,1 Prozent.» Das heisst, die Tweets von Trump führen zur gehandelten Erwartung einer Zinsreduktion um 0,1 Prozent. Das ist von grösserer Bedeutung, als es auf den ersten Blick erscheint, wie die Autoren der Studien betonen. In der Regel bewegt das Fed die Zinsen nur um 0,25 Prozent. Dazu kommt, dass der Effekt der Tweets auf die erwarteten Leitzinsen der weiteren Zukunft deutlich grösser sind, als jene auf die unmittelbar folgenden Zinsentscheide.

Erwartungen zu den künftigen Leitzinsen haben eine grosse Bedeutung für die Entscheide der Notenbank. Die Autoren der Studie verweisen darauf, dass das Entscheidungsgremium bei der US-Notenbank um Jerome Powell immer wieder bemüht ist, nicht von den Erwartungen abzuweichen. Die Folgen wären sonst riskante Ausschläge an den Kapitalmärkten. Die Zinssenkung des Fed im Juli sei überdies vor allem durch die entsprechende Erwartung der Märkte motiviert gewesen. Mit ihrer Kommunikation versuchen daher die Notenbanker, die Erwartungen selbst auch zu beeinflussen. Und hier gelingt es nun offenbar dem Präsidenten, ihnen das Heft zumindest teilweise aus der Hand zu nehmen.

Wichtiger als der unmittelbare Effekt auf die Zinserwartungen ist für die Autoren deshalb, dass dieser für eine bereits messbare eingeschränkte Unabhängigkeit der US-Notenbank durch den US-Präsidenten steht, trotz all den gegenteiligen Beteuerungen von dessen Chef Jerome Powell. Auf den Märkten ist man offenbar davon überzeugt, dass das Fed zumindest teilweise den Forderungen des Präsidenten nachgeben wird. Wörtlich schreiben die Ökonomen: «Wir liefern den Beweis, dass die Marktteilnehmer glauben, dass das Fed dem politischen Druck des Präsidenten erliegen wird. Dieser stellt eine erhebliche Bedrohung für die Unabhängigkeit der Zentralbank dar.»

Erstellt: 04.10.2019, 16:45 Uhr

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