Tsipras will 55 Milliarden kappen – 7 Fragen zum Schuldenschnitt

Wer wäre von einem Schuldenschnitt betroffen? Brauchts diesen Schritt wirklich? Und was wäre die Alternative?

Drängt die Euro-Staaten mit seinem Referendums-Sieg, neue Lösungen zu suchen: Griechenlands Premier Alexis Tsipras. (Archiv, 26. Juni 2015)

Drängt die Euro-Staaten mit seinem Referendums-Sieg, neue Lösungen zu suchen: Griechenlands Premier Alexis Tsipras. (Archiv, 26. Juni 2015) Bild: AFP

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Griechenland sitzt auf einem riesigen Schuldenberg. Ein teilweiser Schuldenerlass und jahrelange Hilfen der Europartner haben das Problem nicht kleiner werden lassen. Mit dem klaren Nein der Griechen gegen die Sparauflagen der internationalen Gläubiger im Rücken fordert Regierungschef Alexis Tsipras nun umgehend Verhandlungen über die Schuldenlast und strebt nach bisherigen Angaben einen Schuldenerlass von 30 Prozent an. Dieser würde dieses Mal direkt die europäischen Steuerzahler treffen.

Wie haben sich die griechischen Schulden entwickelt?
Griechenlands Schulden liegen inzwischen bei über 300 Milliarden Euro. Noch im Jahr 2008 betrug die Staatsverschuldung nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor's 109,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Für dieses Jahr rechnet S&P mit 177,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Grund für den Anstieg sind auch die massiven Hilfskredite der Euro-Partner.

So schätzt der Co-Leiter Wirtschaft des «Tages-Anzeigers» die Lage ein. (Video: Sam Reber, Lea Koch)

Wie viel Geld haben die Euro-Staaten Griechenland bisher in der Krise geliehen?
183,8 Milliarden Euro. Die Euro-Partner gewährten in einem ersten Hilfspaket 2010 bilateral Kredite von 52,9 Milliarden Euro, Deutschland übernahm davon 15,2 Milliarden Euro. Im zweiten Hilfspaket von 2012 erfolgte die Hilfe über den Euro-Rettungsfonds EFSF, für den auch die Eurostaaten bürgen. Aus dem Fonds wurden bis zum Auslaufen des Hilfsprogramms Ende Juni 130,9 Milliarden Euro ausgezahlt. Deutschland muss für rund 38 Milliarden Euro haften.

Was umfasste der Schuldenschnitt von 2012?
Im März 2012 wurden Griechenland 53,5 Prozent der Schulden vor allem bei privaten Gläubigern wie Banken erlassen. Dies entsprach einer Verringerung um etwa 107 Milliarden Euro. Seitdem hat Athen Schulden vor allem gegenüber öffentlichen Geldgebern wie Staaten und internationalen Organisationen.

Wie sind die Euro-Länder Athen bei den Schulden bisher entgegengekommen?
Ende 2012 gestanden die Eurostaaten Athen auch deutlich bessere Kreditkonditionen zu. So wurden die Zinszahlungen auf das erste Paket deutlich gesenkt und dem Land beim zweiten Programm bis zum Jahr 2022 erlassen. Mit der Schuldenrückzahlung muss Athen beim ersten Programm zudem erst 2020 beginnen und beim zweiten Programm 2023. Gleichzeitig wurde die Laufzeit der Kredite um 15 auf durchschnittlich 30 Jahre angehoben. Letztlich hat Griechenland dadurch Milliarden gespart. Manche Experten sprechen deshalb von einem «verdeckten» Schuldenschnitt.

Braucht Griechenland einen weiteren Schuldenschnitt?
Die Regierung des Linkspolitikers Tsipras fordert das schon seit ihrem Amtsantritt im Januar - stiess damit aber bei den Europartnern auf Ablehnung. Doch auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zweifelt daran, dass Griechenland seine Schuldenlast tragen kann. Am Donnerstag erklärte der Fonds, ein Schuldenschnitt sei kaum zu vermeiden, wenn die Haushaltsziele wegen der verschlechterten Wirtschaftslage deutlich aufgeweicht werden müssten. Dann müssten die europäischen Geldgeber nach IWF-Einschätzung mehr als 53 Milliarden Euro abschreiben. Tsipras forderte am Freitag einen Schuldenerlass von 30 Prozent, das wären rund 55 Milliarden Euro.

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Wie stark wäre der grösste Geldgeber Deutschland betroffen?
Die Bundesregierung ist in beiden Hilfspaketen mit jeweils rund 29 Prozent der Summe dabei. Nach dem IWF-Szenario und Tsipras' Plänen müsste Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zwischen 15 und 16 Milliarden abschreiben - seine schwarze Null im Haushalt wäre damit nicht mehr erreichbar, wenn er nicht an anderer Stelle spart.

Gäbe es Alternativen zu einem Schuldenschnitt?
Möglich wäre eine «weitere Verlängerung der Laufzeiten und Absenkung beziehungsweise Stundung der Zinsen», wie der Volkswirt Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank sagt. «Dies wäre politisch einfacher zu vermitteln.» Auch der IWF schlägt vor, es zunächst mit einer weiteren Streckung der Rückzahlungsfristen zu versuchen: Nach diesem Vorschlag soll Griechenland 20 Jahre lang gar nichts zurückzahlen und dann über 40 Jahre tilgen. Deutschland und Co. bekämen ihr Geld damit erst im Jahr 2075 vollständig zurück. (cpm/afp)

Erstellt: 06.07.2015, 14:13 Uhr

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