Und wieder schreien die Hardliner

Mario Draghi hat die Finanzwelt auf dem falschen Fuss erwischt – und seine Kritiker erneut in Rage gebracht. Zu ihnen zählen nicht zufällig auch UBS-Präsident Axel Weber und Ex-SNB-Chef Philipp Hildebrand.

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Der Notenbanker aus Rom hat es wieder getan. Überraschend hat Mario Draghi an der gestrigen Sitzung der Europäischen Zentralbank eine weitere Zinssenkung durchgesetzt. Obendrein stellt die Notenbank in Aussicht, dass sie bald Kreditpapiere in grossem Stil aufkauft. Die Massnahmen haben eingeschlagen. An der Börse fiel der Euro innert 24 Stunden um zwei Cent auf aktuell 1.295 Dollar. Die Zinsen auf Anleihen mancher Eurostaaten gingen zurück. Die Renditen auf Bonds aus Irland – einem Staat, der 2010 vor dem Bankrott stand – notieren jetzt bei bis zu zweijährigen Laufzeiten sogar im negativen Bereich.

«Draghi treibt die Märkte in den Wahnsinn», schreibt die «Welt» dazu. Andere deutsche Zeitungen zeigten sich nicht weniger kritisch. «Alle Risiken auf die EZB» lautet die Schlagzeile des Kommentars der «Frankfurter Allgemeinen», auch «Bild» beklagt sich über den «nächsten Zins-Hammer» der Frankfurter Währungshüter. Es sind die gewohnten Reflexe deutscher Zeitungen, deren Heimat vergleichsweise wenig unter der Krise leidet. Passend dazu kommt im «Handelsblatt» ein Europarechtler zu Wort, der gegen den «eindeutigen Verstoss gegen das Mandat» der EZB schimpft und in den angedachten Stützungskäufen eine «verbotene Staatsfinanzierung» wittert.

Banken hassen Nullzinsen

Logisch, dass sich auch der Chef des deutschen IFO-Instituts, Hans-Werner Sinn, im Anschluss an die gestrige EZB-Konferenz gemeldet hat. «Die erneute Leitzinssenkung wird wirkungslos sein», gab er zu Protokoll. Die Aussage überrascht kaum: Sinn hat sich seit Krisenbeginn einen Namen als Hardliner gemacht, der Rettungspakete ablehnt und nur den Druck der Finanzmärkte als probates Mittel ansieht, um Länder mit Wachstumsproblemen zu Reformen zu zwingen. Sinns Motiv ist seine theoretische Weltanschauung: Er hält konjunkturstützende Massnahmen durch Notenbank und Staat generell für überflüssig oder gar schädlich.

Gerade in Deutschland wird jeder Schritt von Mario Draghi kritisch kommentiert, seit dieser im November 2011 erstmals die Leitzinsen gesenkt hat. Der Ansporn dafür ist selten so eindeutig wie bei dem konservativen Ökonomen Sinn. Im Gegenteil: Oft sind handfeste Interessen im Spiel. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Bundesverband Öffentlicher Banken. Wie dessen Vertreterin gestern sagte, seien Zinssenkungen kein probates Mittel, um die Konjunktur zu stimulieren. Höflich verschwiegen wird dabei, dass höhere Zinsen vor allem den deutschen Banken selbst nützen würden. Ihr Profit leidet ähnlich wie jener der Banken in der Schweiz unter dem Nullzinsniveau. Dies, weil die Spargelder der Bankkunden kaum gewinnbringend angelegt werden können.

Nicht nur ideologische Kritik

Womit wir beim Chef der grössten Schweizer Bank wären, dem UBS-Präsidenten Axel Weber. Ihm widmet das deutsche «Handelsblatt» heute ein dreiseitiges Interview. Weber, der bis 2011 die deutsche Bundesbank leitete und dann aus Protest zurücktrat, lässt darin kein gutes Haar an der Tiefzinspolitik. Diese könne zu «zusätzlichen Verwerfungen an den Märkten führen», erst recht dann, wenn man die tiefen Zinsen «auch noch auf Jahre hinaus festschreibt». Das stimmt wohl, und zudem ist Weber schon lange bekannt als geldpolitischer Falke. Auch bei ihm spielen aber Interessen hinein: Etwas höhere Zinsen würden auch dem UBS-Gewinn zugutekommen.

Auch aus der Schweiz liess sich eine schillernde Figur vernehmen: Philipp Hildebrand. Der Ex-Chef der Schweizerischen Nationalbank ist jetzt Vizepräsident des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock. «Die Rezepte der Federal Reserve werden Europas Krankheiten nicht heilen», schrieb er kürzlich in einem Gastbeitrag für die «Financial Times». Mit Bezug zum angedachten Quantitative-Easing-Programm (QE) hat dies sicher eine gewisse Richtigkeit. In Europa sind die Zinsen bereits so tief, dass weitere Anleihenkäufe diese nicht wesentlich weiter drücken könnten. Dass Reformen in Italien und Frankreich nötig sind, wie Hildebrand schreibt, stimmt zweifellos auch.

Doch Hildebrand verschweigt zwei wichtige Punkte. Erstens hat er als SNB-Präsident selbst mit der Eurountergrenze faktisch ein massives, QE-ähnliches Programm in Gang gesetzt. Die Bilanz der SNB ist um den Faktor drei gewachsen: Viel mehr Franken befinden sich in Umlauf als vor fünf Jahren. Davon hat die hiesige Volkswirtschaft trotz Nullzinsen profitiert. Eine ähnliche Massnahme würde auch in Europa einen positiven Effekt auslösen. Der zweite Punkt betrifft die Interessen von Hildebrands eigenem Arbeitgeber. Firmen wie Blackrock würden sich nichts sehnlicher wünschen, als dass die Zinsen bald zu ihren vormaligen Niveaus zurückkehren – und sie selbst wieder mehr Provisionen aus den Renditen der angelegten Gelder einstreichen können.

Erstellt: 05.09.2014, 12:11 Uhr

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