Interview

«Unfähige Arbeitnehmer können nicht durch fähige ersetzt werden»

Das hoch verschuldete Portugal erhält eine neue Regierung. Wird nun alles besser? Gregor Zemp, Leiter der schweizerisch-portugiesischen Handelskammer in Lissabon, über Arbeitsmarkt und Steuermoral in seiner Wahlheimat.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Zemp, die Wahl vom Wochenende war eine Vertrauensabstimmung für Ministerpräsident Sócrates. Warum hat er sie verloren?
Die Portugiesen sind frustriert, und wollen nun eine Änderung. Um die Probleme des Landes anzupacken, braucht es frische Kräfte und klare Verhältnisse.

Hat sich Sócrates zu wenig für das Land eingesetzt?
Das Problem ist nicht er selbst, sondern seine Partei. Die Sozialisten sind nun schon zu lange an der Macht, werden als Hemmschuh für Veränderungen wahrgenommen. Sie stehen im Ruf, die Vetternwirtschaft zu begünstigen, und sich nur halbherzig für Reformen im Arbeitsmarkt einzusetzen …

Welche Veränderungen braucht es in Portugal denn?
Ein gravierendes Problem ist das geltende Arbeitsrecht, denn der Arbeitsmarkt ist in Portugal geradezu versteinert. Festangestellte Personen geniessen hier einen umfassenden Kündigungsschutz: Wenn sie beispielsweise 10 Jahre lang in einer Firma angestellt waren, muss das Unternehmen ihnen bei einer Kündigung mindestens 10 Monatslöhne als Entschädigung auszahlen.

Ein deutlicher Unterschied zur Schweiz.
Und einer, der sich wirtschaftlich auswirkt. Der starke Kündigungsschutz bietet Anreize, möglichst lange bei einem Unternehmen zu bleiben. Dadurch bläht sich einerseits die Belegschaft auf. Andererseits wird eine gesunde Fluktuation verhindert, sodass unfähige Arbeitnehmer in einem Unternehmen nicht durch fähigere Leute ersetzt werden können.

Könnte sich dies nun ändern?
Wahlgewinner Pedro Passos Coelho wirkt glaubhaft in seinem Reformbestreben; auch, weil er eine andere Partei vertritt. Man sagt, die Sozialisten vergeben sehr viele «Jobs für die Jungs», also Stellen für Partei- und Familienmitglieder, die es eigentlich gar nicht bräuchte. Die neue Regierung hat sich auf die Fahne geschrieben, bei der Transparenz in der Verwaltung Fortschritte zu erzielen.

Ist Coelho ein neoliberaler Revolutionär?
Nein. Denn in Portugal ist die politische Landschaft nach wie vor weiter links angesiedelt als zum Beispiel in der Schweiz. Passos Coelho wird sicher eine wirtschaftsfreundliche Politik betreiben. Aber er hat keine Angst vor der Wirtschaftslobby oder vor vermögenden Familien. Zudem hat er mit der Einberufung einiger unabhängiger Leute in sein Team bereits mutige Schritte gemacht. Man darf gespannt sein …

Herrscht in Portugal nun Aufbruchstimmung?
Jein. Es gibt hier diese Einsicht, dass wirtschaftliche Fehler begangen wurden und nun Umstrukturierungen nötig sind. Neunzig Prozent der Wirtschaft besteht aus kleinen und mittelgrossen Unternehmen – das heisst, dass die Leute generell nahe an der wirtschaftlichen Realität dran sind. Doch über eine Radikalkur freut sich niemand, wenn er persönlich davon betroffen ist.

Es geht verhältnismässig ruhig zu und her in Portugal. Täuscht dieser Eindruck?
Die Portugiesen sind im Allgemeinen sicher geduldiger und weniger kämpferisch als die Griechen. Es ist ein Teil der portugiesischen Kultur, dass man im Stillen leidet und in seinem Leiden geradezu schwelgt. Übersetzt aufs wirtschaftliche Geschehen heisst dies: Die Menschen warten ab, was geschieht, und nehmen pragmatisch in Kauf, was die neue Regierung bringen wird.

Auch, was dem Land von internationalen Kreditgebern aufoktroyiert wird?
Ja. Zwar dürfte die äussere Linke versuchen, Stimmung gegen die Hilfskredite von EU und IWF und gegen die von ihnen verlangten Sparprogramme zu machen. Doch es gibt auch Personengruppen, die ein handfestes Interesse an der von den Kreditgebern propagierten Wirtschaftsflexibilisierung haben. Dass diese Gruppen inzwischen mehr als die Mehrheit der portugiesischen Bevölkerung ausmachen, haben die Wahlen dieses Wochenende unmissverständlich gezeigt.

Welche Gruppen sind dies?
Die gut Ausgebildeten und die Jugendlichen. Vor zwanzig Jahren wanderten die Portugiesen aus dem ländlichen Landesteil ins Ausland aus, weil sie keine Arbeit fanden. Heute sind es die Jungen, die auf dem Arbeitsmarkt zu wenig Perspektiven haben, und deshalb das Weite suchen. Viele würden es aber bevorzugen, wenn der Arbeitsmarkt zu Hause etwas durchlässiger gemacht würde, damit auch sie eine Chance für ihre Zukunft sehen.

In Nordeuropa dominiert das Klischee der «faulen Südeuropäer». Ist es berechtigt?
Ich habe ein gewisses Verständnis für den Ärger der Nordländer, denn als mittelständischer Unternehmer aus Deutschland hätte ich wohl auch Mühe damit, nach zehn Jahren mageren Wirtschaftswachstums nun die überschuldeten Portugiesen durchzufüttern. Doch man muss auch bedenken: An vielen der Infrastrukturprojekten, die hier mit EU-Fördergeldern durchgeführt wurden, haben deutsche Firmen kräftig mitverdient. Die Situation mutet etwas paradox an, denn wäre Portugal in den letzten Jahren nicht so grosszügig unterstützt worden, hätte man wahrscheinlich besser mit dem verfügbaren Geld gehaushaltet.

Aber nochmals: Ist man im Süden weniger arbeitsam als im Norden?
So kann man das nicht sagen, denn in Portugal werden mehr Arbeitsstunden geleistet als in nördlichen Ländern. Der Unterschied liegt in der Effizienz: Arbeitsstunden werden hier eher abgesessen als abgearbeitet, es gibt mehr Pausen; man nimmt es auch nicht so eng mit der Pünktlichkeit. Diese Arbeitskultur macht das Leben sehr angenehm und menschlich, aber eben auch weniger produktiv. Allerdings ist auch in diesem Bereich bei der jungen Generation ein deutlicher Wandel bemerkbar.

Wie steht es um die Steuermentalität?
In der Schweiz vertraut der Bürger der Steuerbehörde und umgekehrt. In Portugal ist dieses Verhältnis von Misstrauen geprägt: Die Steuerbehörde geht prinzipiell davon aus, dass der Steuerzahler ihr etwas vorenthalten will. Umgekehrt galt früher derjenige als der Dumme, der brav seine Steuern bezahlt. In den letzten Jahren hat sich das Problem allerdings etwas entschärft, weil mit Onlineapplikationen Steuererklärungen einfacher gehandhabt werden und Steuerhinterziehung besser verfolgt werden kann. Wer heute Steuern hinterzieht, hat mit härteren Konsequenzen zu rechnen.

Ihre Prognose für die Zukunft?
Mein Bauchgefühl sagt, dass die Rezession noch zwei bis drei Jahre andauern wird. Die Erwartungen der Leute gehen in eine ähnliche Richtung. Mit einer schlagkräftigen und breit abgestützten Regierung ist die Grundlage für eine bessere Zukunft aber gegeben.

Erstellt: 07.06.2011, 07:22 Uhr

Gregor Zemp ist Leiter der Schweizer Industrie- und Handelskammer in Portugal.

Wahlen in Portugal

Nach den Parlamentswahlen am Wochenende steht Portugal vor einem Regierungswechsel. Der regierende Ministerpräsident José Sócrates wurde vom Volk nicht wiedergewählt, seine Sozialistische Partei (PS) errang an der Urne nur einen Anteil von 28 Prozent der Stimmen. Neuer Regierungschef wird Pedro Passos Coelho, dessen Sozialdemokratische Partei Portugals (PSD) in den Wahlen auf 39 Prozent kam. Coelho wird die Geschicke des hoch verschuldeten Landes künftig in einer Koalition mit der Portugiesischen Volkspartei (CDS-PP) leiten, die in den Wahlen einen Stimmenanteil von 12 Prozent errang.

Artikel zum Thema

Ein Land sitzt in der Tinte

Hintergrund Die Portugiesen wählen morgen Sonntag ein neues Parlament. Hunderttausende von jugendlichen Arbeitslosen trauen jedoch weder den Sozialisten noch den Bürgerlichen zu, Portugal aus der Krise zu führen. Mehr...

IWF gibt Portugal-Hilfen frei

Schuldenkrise Washington Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat wie erwartet Milliardenhilfen für das von der Pleite bedrohte Portugal freigegeben. Mehr...

Merkel verärgert «faule Südeuropäer»

Die deutsche Kanzlerin will den europäischen Schuldenstaaten nur helfen, wenn sich diese mehr anstrengen. Ihre Worte sind in Griechenland, Spanien und Portugal gar nicht gut angekommen. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...